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Start-ups und Linux (3) : Start-ups und Linux (3) - Neue Regeln für die Kunden

  • -Aktualisiert am

Viele Start-ups versuchen, ein Geschäftsmodell auf Open-Source-Software aufzubauen. Dabei gilt es, Vorurteile und eingefahrene Gewohnheiten der Kunden zu überwinden.

          3 Min.

          Stellen Sie sich vor, Ihr Unternehmensziel ist es, den Erfolg und die neuen Möglichkeiten von Open-Source-Software (OSS) in bare Münze zu verwandeln (siehe Teile 1 und 2 dieses Beitrags). Das richtige Team ist beisammen, so dass die technischen Probleme bald gelöst sind.

          Jetzt kommt der schwierigere Teil: Sie müssen Ihren Kunden vermitteln, was bei OSS anders ist, und müssen einige Vorurteile aus dem Weg räumen.

          Service ist alles

          Eines der Vorurteile lautet, dass bei OSS der Service nicht gewährleistet ist, da sie zumeist nicht von einer einzelnen Firma entwickelt wurde. Tatsache ist, dass aufgrund der Offenheit der Programme ein Wettbewerbsmarkt von Dienstleistern möglich ist, der bei proprietärer Software nicht oder nur teilweise existiert. Selbst wenn der oder die Entwickler der OSS das Interesse verlieren, können andere Unternehmen diesen Service anbieten.

          Meldet dagegen ein Anbieter nicht-offener Software Konkurs an, sind deren Nutzer in einer wesentlich schwierigeren Lage. Zudem erlaubt der Aufbau von Wechselkosten bei proprietärer Software, die gebundenen Kunden für Neuversionen tüchtig zur Kasse zu bitten. OSS dagegen garantiert Unabhängigkeit von einzelnen Unternehmen, die bares Geld wert ist.

          Lange erprobt

          Ihr Kunde wird nachdenklich, stellt aber dann fest, er wolle doch lieber nicht zu den Vorreitern solcher Neuerungen gehören. Sagen Sie ihm, dass Unternehmen wie Cisco und Amazon das Betriebssystem GNU/Linux verwenden, und dass etwa 60 Prozent aller Web-Server weltweit auf Apache laufen. Erzählen Sie, dass große Teile des Internets seit vielen Jahren auf OSS aufbauen, und dass Software-Werkzeuge wie der GNU C-Compiler zum täglichen Handwerkszeug von Programmierern gehören. OSS bzw. Free Software ist daher nichts Neues - das Konzept ist lange erprobt.

          Zwang zum Verschenken?

          Ein weiteres Vorurteil, das teilweise von proprietären Softwarefirmen gezielt gestreut wurde, betrifft den Schutz geistigen Eigentums: „OSS zwingt dazu, Software zu verschenken.“ Falsch. Wahr ist folgendes: Wenn jemand Software unter der General Public License (GPL) verwendet und verändert, dann darf er sie nur wiederum unter der GPL weitergeben, d.h. inklusive Quellcode und mit den vollen Freiheiten für den nächsten Nutzer. Wer aber OSS nur intern verwendet, unterliegt keinerlei Zwang zur Publikation.

          Und wer OSS im Auftrag eines Kunden entwickelt oder anpasst, kann dafür im Prinzip jeden beliebigen Preis verlangen. Wenn also Ihr Start-up Auftragsentwicklung von OSS betreibt, ergeben sich keinerlei Konflikte mit der GPL. Andere Lizenzen erlauben sogar die Umwandlung von OSS in proprietäre Software.

          Geheim oder offen?

          Geheimhaltung ist also möglich - aber vielleicht nicht einmal der beste Weg. Hier könnten Sie den Vorstoß wagen, Ihrem Kunden die Vorzüge einer öffentlich gemachten Software zu vermitteln. Die erste Reaktion wird oft Verständnislosigkeit sein: „Warum etwas wegschenken, wofür wir bezahlt haben?“ Hier treffen die neuen Regeln von OSS auf eingefahrene Gewohnheiten, über die kaum noch nachgedacht wird. Dabei kann die Veröffentlichung einer Software als OSS eine Reihe von Vorteilen bringen.

          Beispielsweise machte die Investment-Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein im Januar 2001 ihre Software „Openadaptor“ zu OSS öffentlich, nachdem sie etwa fünf Millionen Dollar darin investiert hatte. Vorteile: Externe Entwicklungsunterstützung, Werbung für neue IT-Mitarbeiter, weitere Verbreitung der Software sowie ein Vertrauensgewinn bei anderen Unternehmen aufgrund der Offenheit des Quellcodes. Die Nachteile waren gering: Ein Verkauf der Software war ohnehin nicht möglich, und da alle anderen Investment-Banken ähnliche Software verwenden, ging auch kein Wettbewerbsvorteil verloren.

          Aber sicher

          Mit dem Beispiel von Openadaptor können Sie Ihren Kunden gleich noch über ein weiteres Vorurteil beruhigen, betreffend die Sicherheit von OSS. „Wenn jeder den Quellcode einsehen kann, dann finden böswillige Hacker leichter die Sicherheitslücken.“ Das stimmt im Prinzip, aber umgekehrt finden - und korrigieren! - auch gutwillige Programmierer diese Lücken leichter. Die Erfahrung scheint dem Open-Source-Ansatz Recht zu geben: Sicherheitsprobleme bei GNU/Linux und Apache sind wesentlich seltener in den Schlagzeilen als solche bei proprietären Programmen.

          Alles umsonst?

          Beim Thema Geld wird Ihr Kunde voraussichtlich ein positives Vorurteil haben: „Linux ist ja umsonst“. Das stimmt insofern, als OSS üblicherweise gratis vom Internet heruntergeladen und beliebig kopiert werden kann. Nicht umsonst sind natürlich die Installation und Pflege der Software. Die Gesamtrechnung wird zwar in der Tat oft niedriger ausfallen als bei proprietären Programmen, aber Einzelposten können durchaus höher sein.

          Ein interessantes Beispiel ist ein Unternehmen wie Lineo, das Linux für spezifische, so genannte „eingebettete“ Anwendungen in PDAs, Videorecordern etc. anpasst. Da Stücklizenzen aufgrund der GPL ausgeschlossen sind, stellen diese Unternehmen einen einmaligen Betrag für ihre Dienstleistung in Rechnung. Und obwohl dieser Preis oft günstig sein dürfte, verweisen manche Kunden erstaunt darauf, Linux sei doch umsonst. Wichtig ist beim Thema Geld daher, keine falschen Erwartungen zu wecken - OSS ist oft günstiger, aber nie umsonst.

          OSS ist ein weites und heterogenes Feld, und auch die Geschäftsmodelle in diesem Bereich sind vielfältig. Bisher haben erste wenige Start-ups Erfolgsgeschichten geschrieben, was zu einem großen Teil daran liegen mag, dass Open-Source ein Umdenken erfordert. Kunden müssen neue Regeln lernen. So ein Prozess dauert, aber er ist im Gange.

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