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Start-up-Monitor : Können deutsche Start-ups Krise?

Düstere Stimmung in Berlin: Die Start-up-Szene kämpft mit Inflation und steigenden Zinsen. Bild: dpa

Zinswende, Inflation, Ukraine-Krieg: Deutsche Start-ups zeigten sich trotz schwieriger Bedingungen robust, heißt es in einem neuen Bericht. Doch die größten Probleme dürften erst noch kommen.

          3 Min.

          Es ist eine ungewohnte Situation für die deutsche Start-up-Szene. Jahrelang ging es für die Gründer nur bergauf. Geld war wegen der niedrigen Zinsen billig, Investoren pumpten bereitwillig Milliarden in den Markt. Mit den steigenden Zinsen ist das vorbei. Hinzu kommt die gedämpfte Konsumentenlaune durch die hohen Inflationsraten. Viele Start-ups haben Probleme an frisches Kapital zu kommen, einige mussten bereits im großen Stil Mitarbeiter entlassen. Keine sonderlich einfachen Zeiten für junge Unternehmen. Wie gut kann der deutsche Start-up-Sektor durch die Krise steuern?

          Maximilian Sachse
          Redakteur in der Wirtschaft

          Der zehnte deutsche Start-up-Monitor kommt zu dem Ergebnis, dass die deutschen Start-ups trotz Unsicherheiten robust aufgestellt seien. So hätten die knapp 2000 befragten Start-ups im Schnitt neun Neueinstellungen geplant, heißt es in der Studie. Der Bundesverband Deutsche Startups und die Unternehmensberater von PwC erstellen den Report in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen einmal im Jahr, um die Lage der Branche zu analysieren. Die geplanten Neueinstellungen machten deutlich, dass „junge Unternehmen auch unter den aktuellen Bedingungen wachsen wollen“, heißt es von den Studienautoren.

          Gleichzeitig macht es der Fachkräftemangel den Start-ups schwer die freien Stellen auch tatsächlich zu besetzen. Geeignetes Personal zu finden bezeichnen 35 Prozent der Gründer als zentrale Herausforderung. Im Vorjahr waren es noch knapp 27 Prozent gewesen. Größere Start-ups trifft das mangelnde Personalangebot dabei nochmal deutlich härter: Bei den Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern klagen sogar knapp zwei Drittel über Probleme bei der Personalrekrutierung. Daran, dass die Chefs zu wenig arbeiten, dürfte der hohe Personalbedarf im Übrigen nicht liegen. Im Schnitt arbeiten die Gründer 55 Stunden in der Woche, davon sieben am Wochenende.

          Streitpunkt Mitarbeiterbeteiligung

          Der Start-up-Verband fordert als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel attraktivere Regelungen für die Mitarbeiterbeteiligung. Dabei erhalten Mitarbeiter Anteile am Unternehmen und werden am Gewinn beteiligt. „Mitarbeiterbeteiligungen sind für Startups entscheidend, um Top-Talente zu gewinnen“, sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Startup-Verbands. Die deutschen Regelungen seien international nicht konkurrenzfähig und müssten vereinfacht werden.

          Politische Lösungen trauen die Gründer dabei scheinbar am ehesten den Grünen zu. 50 Prozent der Befragten würden die Partei wählen. Die FDP kommt als zweitstärkste Kraft nur noch auf knapp 26 Prozent und verliert damit fünf Prozentpunkte im Vorjahresvergleich.

          Schlechte Stimmung

          Auch jenseits der leidigen Debatte um die Mitarbeiterbeteiligung ist die Stimmung schlecht. Das Geschäftsklima in der deutschen Startup-Szene ist im Vergleich zum Vorjahr um 10 Punkte von 52,2 auf 42,2 gesunken. Allerdings ist das noch ein höherer Wert als zu Beginn der Coronakrise gemessen wurde. Dort lag das Geschäftsklima sogar nur bei 31,8.

          Doch beim Blick in die Zukunft geben sich die Start-ups deutlich pessimistischer. 2021 gingen noch 72,1 Prozent der Unternehmen von einer positiven Entwicklung des Geschäfts aus, 2022 waren es nur noch 54,2 Prozent. Dieser Wert liegt sogar unter dem Ausblick während des Krisenjahres 2020.

          Umfassender Kapitalbedarf

          Ein Grund dafür dürfte sein, dass 68 Prozent der befragten Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten frisches Kapital von externen Geldgebern benötigt – im Durchschnitt 3,1 Millionen Euro. 43,8 Prozent der Start-ups klagen über Finanzierungsengpässe. Aktuell profitieren viele Gründer noch von der Geldschwemme im vergangenen Jahr, als das Geld der Investoren noch locker saß. Wie widerstandsfähig die Start-ups tatsächlich sind, wird sich daher wohl erst im Frühjahr 2023 zeigen.

          Zudem zeigt die Umfrage, dass insbesondere Wagniskapital ein rares Gut geworden ist. So würde 44 Prozent der Start-ups sich gerne über Wagniskapital finanzieren – bei nur knapp 19 Prozent ist dies aber tatsächlich der Fall. Stattdessen nutzen drei von vier Start-ups eigene Ersparnisse, obwohl nur etwa 29 Prozent das eigentlich wollen.

          Dabei wäre frisches Geld von Investoren eigentlich dringend nötig, um verstärkt ins Ausland zu expandieren. Knapp 80 Prozent ihres Umsatzes erzielen deutsche Start-ups auf dem Heimatmarkt, mehr als 12 Prozent in Europa. Bleiben gerade einmal acht Prozent für den Rest der Welt. „Beim Thema Internationalisierung haben deutsche Start-ups noch enormes Wachstumspotential“, sagt Christoph Stresing, Geschäftsführer des Startup-Verbandes.

          Neugründungen gehen zurück

          Schon in diesem Jahr ist das Gründungsgeschehen deutlich zurückgegangen. Im ersten Halbjahr 2022 gründeten zum ersten Mal seit 2019 weniger Menschen ein Start-up als im vorherigen Halbjahr. Die deutschen Handelsregister 2022 registrierten von Januar bis Juni 1508 Neugründungen. Im zweiten Halbjahr 2021 waren es 1618 Neugründungen gewesen. Das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent.

          Immerhin kann der Sektor Fortschritte beim Anteil von Gründerinnen verzeichnen. Eins von fünf Start-ups wird mittlerweile von einer Frau gegründet. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von mehr als zwei Prozentpunkten – immerhin.

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