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Start-up : Start-ups und Linux (1) - Gründen mit dem Pinguin

  • -Aktualisiert am

Das freie Betriebssystem Linux etabliert sich. Unternehmensgründungen in diesem Bereich müssen etliche Besonderheiten beachten.

          3 Min.

          VA Linux hält einen Rekord der New Yorker Börse: Am ersten Handelstag im Dezember 1999 schloss die Aktie des Hardware- und Softwareanbieters bei 239 Dollar - ein Gewinn von fast 700 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs.

          Red Hat, dessen Geschäftsmodell in der Distribution von Linux sowie ergänzendem Service besteht, hatte einen ähnlich furiosen Start - die ursprünglich für 14 Dollar verkauften Aktien schlossen am Tag des Börsengangs im August 1999 bei 55 Dollar, und stiegen Anfang 2000 auf über 260 Dollar.

          Andere Linux-Firmen starteten ähnlich erfolgreich, mit einer Vielfalt von Geschäftsmodellen: Distribution des Betriebssystems, Dienstleistungen rund um Linux, Entwicklung von Varianten für spezifische Anwendungen oder die Anpassung von Anwendungsprogrammen an Linux. SuSE, Caldera, MontaVista, Lineo und CodeWeavers sind nur einige der vielen Unternehmen in diesem Feld. Der Pinguin Tux, das Maskottchen von Linux, hatte gut lachen.

          Das war 1999 - inzwischen sieht die Welt anders aus. VA Linux hat sein Geschäftsmodell geändert und heißt seit Dezember 2001 VA Software. Der Kurs des geschrumpften Unternehmens liegt bei etwa 1,30 Dollar, der von Red Hat, nach einem 2:1-Split, bei etwa 5 Dollar. Auch von anderen Linux-basierten Unternehmen kommen unerfreuliche Berichte von Entlassungen oder sogar Schließungen.

          Spektakuläre Erfolge

          Diese negativen Nachrichten stehen in einem erstaunlichen Kontrast zu den spektakulären Erfolgen, die Linux ansonsten verbucht. IBM hatte für 2001 Investitionen in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit Linux angekündigt, und das Engagement des Computer-Riesen hat seitdem nicht nachgelassen.

          Mehr und mehr etablierte Unternehmen entscheiden sich für den Einsatz von Linux, und selbst der deutsche Bundestag beschloss im Februar, seine Server auf Linux umzustellen. Der Marktanteil bei Serverbetriebssystemen liegt bei über 25 Prozent, und das Betriebssystem hat sich den Ruf hoher Qualität und Stabilität erworben. Wieso dann die augenscheinliche Misere junger Linux-Unternehmen?

          Neue Regeln

          Es lassen sich vier Gründe identifizieren.

          Erstens: Linux ist Open-Source-Software, und dieses junge Phänomen bringt neue Regeln mit sich. Welche Geschäftsmodelle in diesem Umfeld funktionieren, muss noch herausgefunden werden.

          Zweitens: Auf viele Linux-Unternehmen wurden die übersteigerten Erwartungen des Internet-Hypes übertragen, was zwar zu einigen astronomischen Börsenbewertungen führte, aber auch zu entsprechenden Enttäuschungen.

          Drittens: Es ist normal, dass ein überschießender Marktzutritt stattfindet, wenn sich neue unternehmerische Möglichkeiten auftun. Dem folgt unvermeidlich eine Konsolidierung.

          Viertens: Software-Unternehmen, die auf Open-Source anstatt proprietärer Software aufbauen, verlangen von ihren potenziellen Kunden ein Umdenken. Solch ein Umdenken dauert.

          Von Free Software zu Open-Source

          Wie kam es zu dem Phänomen Linux? Den Anfang machte der brillante Programmierer Richard Stallman 1984 am Massachusetts Institute of Technology, als er die Free Software Foundation gründete. Deren Ziel war die Entwicklung eines freien, Unix-artigen Betriebssystems namens GNU. Anfang der neunziger Jahre startete der Finne Linus Torvalds das Projekt des Linux-Kerns, durch den die umfangreiche GNU-Software komplettiert wird zu dem heute so populären Betriebssystem, das korrekterweise GNU/Linux heißen müsste.

          Linux wird ständig fortentwickelt, von tausenden Freiwilligen weltweit, und zunehmend tragen auch kommerzielle Unternehmen dazu bei. Der Quellcode ist öffentlich zugänglich, so dass jeder den Aufbau der Software studieren und diese verändern kann. Der Begriff „Open-Source-Software“ wurde 1998 geprägt und ist mit „Free Software“ weitgehend gleichbedeutend, vermeidet allerdings den missverständlichen, vermeintlich antikommerziellen Beiklang von „Free Software“.

          Linux ist das populärste Beispiel für Open-Source-Software, aber es gibt eine riesige Zahl weiterer Projekte, zu denen so erfolgreiche wie Apache, Perl oder Sendmail gehören. Allen gemeinsam ist, dass sie unter Open-Source-Lizenzen stehen, deren populärste die von Stallman entwickelte General Public License ist, oder GPL.

          Die General Public License - Nehmen und Geben

          In der GPL liegt eine zentrale Besonderheit von Linux. Software unter dieser Lizenz darf beliebig kopiert, verändert und weitergegeben werden, und sie darf auch verkauft werden. Die GPL fordert jedoch, dass die ursprüngliche Software ebenso wie Modifikationen und Weiterentwicklungen in jedem Falle unter der GPL vertrieben werden. Wer daher eine CD-ROM mit Linux kauft - weil ihm der Download vom Internet zu umständlich ist - kann die Software völlig legal kopieren und weiter verteilen. Das traditionelle Geschäftsmodell der Platzlizenzen ist damit ausgeschlossen.

          Ist die GPL deswegen schädlich für Unternehmen? Nein - sie hat sehr zur rasanten Entwicklung von Linux beigetragen, aufgrund derer Linux-Firmen überhaupt erst möglich wurden. Aber sie ändert die Spielregeln, zusammen mit einigen weiteren Besonderheiten von Open-Source-Software - mehr dazu in den nächsten Wochen (5. September und 12. September).

          Allen Kursverlusten zum Trotz: die Marktkapitalisierung von Red Hat liegt immer noch bei über 800 Millionen Dollar, und kürzlich hat das Unternehmen eine wichtige Allianz mit den Branchengrößen Dell und Oracle geschlossen. Nicht schlecht für ein achtjähriges Unternehmen - Gründen mit dem Pinguin bleibt spannend.

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