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Start-up : Internationale Expansion: Eile mit Weile

  • -Aktualisiert am

Internet-Start-ups dürfen ihre Internationalisierung nicht überstürzen

          2 Min.

          Der Name „World Wide Web“ ist für viele Internet-Unternehmen Programm. Sie wollen nicht nur weltweit im Netz zu sehen sein, sondern auch in möglichst vielen Ländern Kunden werben und Umsätze machen. Auf dem Höhepunkt des Internet-Gründungsbooms war eine rasante Internationalisierung Pflicht für ein Start-up.

          Ciao.com beispielsweise ging im November 1999 in Deutschland online, und acht Monate später war das Meinungsportal außerdem in Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien vertreten. Der CoShopping-Anbieter Letsbuyit war ein Jahr nach dem Start sogar in 14 Ländern aktiv, und GoIndustry, ein Marktplatz für gebrauchte Industriegüter, betreibt 12 Monate nach dem Launch der Site Büros in neun Ländern.

          Lockruf der Ferne

          Inzwischen sieht die Welt allerdings anders aus. Junge Unternehmen betreiben ihre Internationalisierung zurückhaltender, und Kapital für die Expansion in andere Länder ist schwerer erhältlich. Ein Blick auf die Argumente für und wider eine Internationalisierung erklärt diesen Gesinnungswandel. Für internationales Wachstum spricht, dass die Kosten für Hard- und Software nur wenig mit der Größe des Unternehmens zunehmen. Zehn Länder verursachen weit weniger als den zehnfachen technischen Aufwand eines einzelnen Landes. Größenvorteile beim Einkauf kommen gegebenenfalls hinzu. Außerdem ermöglicht eine schnelle Expansion, First Mover Advantages ausnutzen und Nachahmern im Ausland zuvorzukommen.

          Risiko und Kosten

          Angesichts der allgemeinen Misere der Internet-Branche ist die Furcht vor Imitation inzwischen der Angst vor internationalen Pleiten gewichen. Nicht mehr das schnelle Besetzen eines Marktsegmentes in möglichst vielen Ländern steht im Vordergrund, sondern das sorgfältige Erproben des Geschäftsmodells im Ursprungsland. Indem Kapitalgeber nur noch die Expansion solcher Unternehmen finanzieren, die „zuhause“ erfolgreich sind, reduzieren sie das Risiko wirklich großer Verluste. Denn auch wenn die Kosten für Soft- und Hardware nur wenig zunehmen, so steigt durch die Ausgaben für Personal, Marketing und Büromieten die „cash burn rate“ mit der Zahl der Länder rapide an. Letsbuyit ging dadurch das Geld aus, und nach einer längeren Pause wurde der Betrieb Ende Februar in nur vier Ländern wieder aufgenommen.

          Hindernislauf ins Ausland

          Eine weitere Bremse der Internationalisierung sind landestypische Eigenheiten. Kulturelle Unterschiede sorgen dafür, dass ein einfaches Übersetzen der Webseiten nicht ausreicht, sondern landesspezifische Redaktionen nötig sind. Die Struktur mancher Branchen unterscheidet sich außerdem so stark zwischen verschiedenen Ländern, dass ein Geschäftsmodell kaum übertragen werden kann, sondern komplett umgestaltet werden müsste.

          Bausolution.com (Baustoffhandel) oder Meisterportal.de (Handwerk) beispielsweise denken aus diesem Grunde nicht an Aktivitäten im Ausland. Ganz wichtig ist auch, dass eine internationale Expansion viel Management-Kapazität bindet, die beim Aufbau und der Optimierung des operativen Geschäfts fehlt.

          Allerdings bedeutet „Internationalisierung“ nicht für alle Internet-Firmen das gleiche. Wer mit Endkunden zu tun hat, wie beispielsweise Ciao oder Letsbuyit, für den bedeutet Expansion, abgesehen von Größenvorteilen, im wesentlichen eine Multiplikation des ursprünglichen Geschäfts. Im Handel zwischen Unternehmen - B2B, für business-to-business - kann Internationalität dagegen essentiell sein.

          Höchster Internationalisierungsgrad

          So betreibt GoIndustry Büros außer in Westeuropa in Polen und der Türkei, also in Ländern, die netto Importeure gebrauchter Maschinen sind. Iran und Russland sind geplant. Dazu passt, dass eine Studie der Unternehmensberatung Bain & Company im B2B-Segment den höchsten Internationalisierungsgrad findet: 90 Prozent der befragten B2B-Start-ups sind auch im Ausland aktiv.

          Das „World Wide Web“ garantiert keine schnelle und erfolgreiche Internationalisierung oder gar Globalisierung. Aber wie in der Internet-Branche allgemein darf auch hier das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden: der Schritt über die Grenze bietet Chancen, man sollte ihn nur nicht überstürzen.

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