https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/start-up-innovationen-fuer-uebermorgen-11284851.html

Start-up : Innovationen für übermorgen

  • -Aktualisiert am

Innovationen erfordern oft eine radikale Änderung von Gewohnheiten. Viele Nutzer lassen sich dazu Zeit. Manchem Start-up dauert das zu lange.

          2 Min.

          „So lebst Du morgen“, ist der Slogan eines Möbelhauses im Internet - eine flotte Werbung für fortschrittliche Kunden. Problematisch wird es allerdings, wenn ein innovatives Unternehmen zu wenige solcher Kunden findet. Oder eine Innovation so zukunftsweisend ist, dass sie nicht morgen, sondern frühestens übermorgen Akzeptanz findet. Das Produkt scheitert, und der Innovator kann sich mit dem zweifelhaften Ruhm trösten, seiner Zeit voraus gewesen zu sein.

          Geschieht solch ein Malheur einem Unternehmen wie Apple, dessen Handheld-Computer „Newton“ 1998 nach fünf schwierigen Jahren wieder vom Markt genommen wurde, ist der Schaden schon groß genug. Wenn die Innovation dagegen das einzige Produkt eines jungen Unternehmens ist, bedeutet ihr Scheitern das Ende des Start-ups.

          Vielfach liegen solche Misserfolge darin begründet, dass Unternehmensgründer von ihrer Idee wesentlich begeisterter sind als ihre anvisierten Kunden. Vor allem im Internet-Boom gab es zahlreiche Entrepreneure, die die unbestritten enormen Möglichkeiten dieses Mediums erkannten, dabei jedoch ihre Zielgruppe überschätzten. Die angebotenen Dienstleistungen verlangten zuviel von den potenziellen Kunden: eine Änderung ihrer Gewohnheiten.

          Gewohnheiten ändern sich nicht, ....

          „Gewohnheiten ändern sich nicht, sie sterben aus“, so ein pessimistisches Sprichwort. Wer jahrelang den Unternehmenseinkauf über persönliche Kontakte abgewickelt hat, wird trotz attraktiver Sparpotenziale wenig Interesse haben, auf elektronische B2B-Einkaufsplattformen umzusteigen. Und wer seit Jahrzehnten Schallplatten und CDs vorgefertigt im Laden gekauft hat, wird selten auf die Idee kommen, die gewünschten Musikstücke selbst aus dem Internet zu laden - was durchaus legal möglich ist - und auf eine CD zu brennen.

          ... sie sterben aus

          Es sind weitgehend junge Leute, die auf diese Art ihre Musiksammlung erweitern. Soweit sie überhaupt noch CDs verwenden und die Musik nicht stattdessen auf dem PC speichern und über einen MP3-Player abspielen. Die Gewohnheiten älterer Musikliebhabern werden sich kaum noch ändern; mit den Jahren wächst aber der Anteil derer, die als „Selberbrenner“ aufgewachsen sind. Das gleiche gilt für Online-Banking und Shopping per Internet. Und auch in Unternehmen gilt, dass Innovationen wie elektronische Kommunikation oder der Handel auf Internet-Plattformen gegen liebgewordene Gewohnheiten ankämpfen müssen, die sich nur langsam mit dem Nachwachsen junger Generationen ändern.

          Junge Zielgruppen

          Ähnlich wie Ideologien lassen sich auch Konsumgewohnheiten wesentlich leichter bei jungen Menschen verankern. Dazu kommt, dass insbesondere Jugendliche meist mehr Zeit zur Verfügung haben, neue Angebote kennenzulernen. Zudem sind ihre Budgets knapper, so dass sie kostensenkende Innovationen wie das Brennen von CDs höher schätzen. Schließlich besteht auch ein höherer Gruppendruck als bei Erwachsenen: wenn etwas in Mode ist, wie das Versenden von SMS oder das Herunterladen individueller Klingeltöne per Handy, muss jeder dabeisein.

          Im Idealfall erlaubt diese junge Zielgruppe dem Innovator ein profitables Geschäft. Falls nicht, kann sie immerhin einen langfristigen Einstieg in die attraktive Gruppe der jungen Berufstätigen bilden. Dies setzt allerdings einen langen Atem voraus, der Start-ups meist fehlen dürfte. Wer Pech hat, kann zwar seine Geschäftsidee bekannter machen, diese Bekanntheit aber nicht mehr in bare Münze verwandeln.

          Ideen und Zeit

          „Nichts in der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, so ein bekanntes Zitat von Victor Hugo. Allerdings kommt diese Zeit selten von selbst: sie bricht oft erst dann an, wenn die Idee schon mehrere Verfechter verschlissen hat. Sie haben sich um die Innovation für übermorgen verdient gemacht - aber verdient haben sie nichts. Erfolgreich ist dagegen, wer das „window of opportunity“ abpasst und nicht zu spät, aber auch nicht zu früh auf den Markt kommt.

          Für ein junges Unternehmen ist es daher lebenswichtig, korrekt einzuschätzen, in welchem Ausmaß das angebotene Produkt eine Änderung von Nutzergewohnheiten erfordert. Je höher dabei der langfristige Vorteil für den Kunden, desto besser die Chancen für das Start-up. Aber Vorsicht: der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington, vom Supreme Court aus gesehen

          Urteil des Obersten Gerichts : Amerikas Klima-Versager

          Der Supreme Court macht deutlich: Klimapolitik ohne Kongress geht nicht. Seine Entscheidung ist nachvollziehbar – was allerdings nicht tröstet.
          Hat Corona – und hat recht: Hubert Aiwanger

          Fraktur : Ausgerechnet Aiwanger!

          Ist es besser, Corona vom bayerischen Wirtschaftsminister zu bekommen als von Martin Semmelrogge? Oder ist schon die Frage ungehörig?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.