https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/start-up-imitation-von-gruendungsideen-139956.html

Start-up : Imitation von Gründungsideen

  • -Aktualisiert am

Über das Kopieren von Geschäftsideen wird oft die Nase gerümpft. Ein legales Nachahmen ist jedoch weder unethisch noch unprofitabel.

          3 Min.

          Gründer haben viele Möglichkeiten, an Ideen für ihr Geschäftsmodell zu kommen. Eine davon ist schlicht, andere Unternehmen nachzuahmen. Darüber wird oft die Nase gerümpft: so ein Ideenklau sei unethisch, me-too-Projekte seien einfallslos und wenig Erfolg versprechend. Beides stimmt nicht. Ein „korrekter“ Ideenklau ist Teil des alltäglichen Marktwettbewerbs, und der Erfolg vieler Imitatoren spricht für sich.

          Natürlich ist es unethisch, vertraulich erhaltene Informationen zu missbrauchen. Ideen aus einem Businessplan, den man unter einem non-disclosure agreement (NDA) gelesen hat, sind tabu. Wenn man dagegen öffentlich zugängliche Informationen über ein Unternehmen für sein eigenes Start-up heranzieht, ist nichts dagegen zu sagen. Im Gegenteil - nur im Wettbewerb kann die Umsetzung der Idee optimiert werden.

          `Second Mover`-Vorteile

          Auch im Hinblick auf den Markterfolg besteht kein Grund, geringschätzig über Imitatoren zu sprechen. Zwar hat der Innovator, der die Geschäftsidee als erster verwirklicht hat, einen zeitlichen Vorsprung. Dieser kann sich in einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil verwandeln, aber sicher ist das nicht. Auch der Imitator hat einige Vorteile auf seiner Seite. Zum einen kann er aus Fehlern des Innovators lernen. Zum anderen ist der Markt schon vorbereitet: der Nachahmer muss nicht mehr das grundlegende Konzept der Idee erklären, sondern nur noch die Vorteile seines eigenen Ansatzes. Im Bereich des Mobile Payment zum Beispiel profitieren die Folger wie Street Cash, Payitmobile und Genion davon, dass Paybox das Bezahlen per Handy schon bekannt gemacht hat. Außerdem unterliegt ein Imitator geringerer Marktunsicherheit, da andere vor ihm den Markt schon getestet haben.

          Blick über die Grenzen

          Ein besonderer Fall liegt vor, wenn der Imitator auf einem anderen Markt agiert als sein Vorbild, beispielsweise in Deutschland anstatt in den USA. Dabei muss sorgfältig geprüft werden, ob sich ein Geschäftsmodell auf die Kultur des anderen Landes übertragen lässt. Wenn dies der Fall ist, kann der Nachahmer von den Erfahrungen des Innovators profitieren, ohne dessen Konkurrenz ausgesetzt zu sein.

          Ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Imitator ist Alando. Der Anbieter von Online-Auktionen zwischen Privatpersonen kopierte einerseits weitgehend das Geschäftsmodell des amerikanischen Unternehmens ebay, andererseits konnte es sich am damaligen deutschen Marktführer ricardo orientieren. Dadurch konnten einige Nachteile der bestehenden Auktionssites vermieden werden, und Alando wurde so erfolgreich, dass es 1999 vom amerikanischen Vorbild übernommen wurde.

          Komplementäre Assets

          Möglicherweise ist der Imitator auch aufgrund von spezifischen Stärken besser in der Lage, die Geschäftsidee umzusetzen. In der Innovationsforschung spricht man von „komplementären Assets“: Eigenschaften, die ein Unternehmen braucht, um eine Innovation zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Dies können Vertriebswege, strategische Partnerschaften, qualifiziertes Personal oder ein etablierter Markenname sein.

          Beispielsweise wurde der Computertomograph Anfang der siebziger Jahre von der britischen Firma EMI auf den Markt gebracht. EMI fehlten jedoch wichtige komplementäre Assets: das Unternehmen konnte weder die nötigen Schulungs- und Serviceleistungen erbringen, noch verfügte es über einen erfahrenen Vertrieb im medizinischen Bereich. Nach einigen Jahren der Marktführerschaft wurde EMI vom Markt verdrängt. Noch schneller verlor das Unternehmen RC Cola den Vorteil, den es aus seiner Innovation der kalorienreduzierten Cola zog: in kürzester Zeit hatten Coca Cola und Pepsi die Innovation imitiert und dominierten aufgrund ihrer Marktmacht und Markennamen das Geschäft mit Cola Light.

          Für ein Start-up können ein erstklassiges Team sowie ein starker Partner Assets sein, die den Vorsprung des First Mover mehr als wettmachen. Über etablierte Vertriebswege und bekannte Marken verfügt ein junges Unternehmen anfangs naturgemäß nicht, aber mit Hilfe eines Partners sind auch diese komplementären Assets erreichbar.

          Kein Wettbewerb um Geistesblitze

          Die Originalität einer Geschäftsidee kann sehr nützlich sein, ist aber nicht unentbehrlich. Unternehmensgründung ist kein Wettbewerb um Geistesblitze und Ideen, sondern um deren Realisierung, um Marktanteile und Profitabilität. Nichts spricht gegen die Imitation von Gründungsideen - Wettbewerb belebt das Geschäft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington, vom Supreme Court aus gesehen

          Urteil des Obersten Gerichts : Amerikas Klima-Versager

          Der Supreme Court macht deutlich: Klimapolitik ohne Kongress geht nicht. Seine Entscheidung ist nachvollziehbar – was allerdings nicht tröstet.
          Hat Corona – und hat recht: Hubert Aiwanger

          Fraktur : Ausgerechnet Aiwanger!

          Ist es besser, Corona vom bayerischen Wirtschaftsminister zu bekommen als von Martin Semmelrogge? Oder ist schon die Frage ungehörig?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.