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Start-up : Drahtlos gründen

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Mobile Commerce ist nicht einfach die mobile Version von E-Commerce. Eine simple Übertragung von Geschäftsmodellen ist zum Scheitern verurteilt.

          3 Min.

          Vor zwei Jahren hieß das Zauberwort für Start-ups „E-Commerce“. Inzwischen ist die Euphorie der Gründerszene verflogen, und außerdem hat sich der Fokus verschoben: „M-Commerce“ steht heute im Mittelpunkt des Interesses.

          Ein „M“ anstelle des „E“ - man könnte vermuten, dass der Mobile Commerce einfach nur das Internet auf das Handy bringt. Diese Sichtweise ist allerdings grundfalsch. Zum einen verbirgt sich hinter dem diffusen Begriff „M-Commerce“ eine Vielfalt an Geschäftsmodellen, von standortabhängigen Dienstleistungen (location based services) bis zu Anbietern von Netzinfrastruktur. Zum anderen gelten teilweise völlig andere Regeln als im E-Commerce, und entsprechend haben sich die Anforderungen an Unternehmensgründer gewandelt.

          Wichtige Netzbetreiber

          Der wichtigste Unterschied liegt in der Rolle der Netzbetreiber. Im E-Commerce reicht es, vereinfacht ausgedrückt, einen Web-Server anzuschließen, um im Internet präsent zu sein. Prinzipiell könnte man zwar in analoger Weise über ein WAP-Gateway an einem mobilen Netzwerk teilnehmen, aber ohne eine Kooperation mit Netzbetreibern hat man weder auf die eindeutige Identifizierung über die Rufnummer noch auf die Standortbestimmung Zugriff.

          Auch für die Abrechnung kostenpflichtiger Dienste ist eine Kooperation sehr hilfreich. Für Marc Samwer, Gründer und Vorstand des mobilen Internet-Portals Jamba, ist eine Zusammenarbeit daher zentral, denn gerade in Personengebundenheit, Standortabhängigkeit sowie besseren Abrechnungsmöglichkeiten sieht er die großen Stärken des mobilen gegenüber dem stationären Internet.

          Eine Kooperation mit einem Start-up bietet Mobilfunkanbietern interessante Chancen, erfordert aber auch den Einsatz knapper technischer, personeller und finanzieller Ressourcen. Sollte das junge Unternehmen nach ein oder zwei Jahren scheitern, wären diese Investitionen verloren. Wichtig ist den Netzbetreibern daher, so Samwer, dass die Neugründung solide und möglichst langfristig finanziert ist. Idealerweise sollte sie auch noch starke Partner mitbringen, wie Mediamarkt/Saturn und Debitel im Falle von Jamba.

          Aufgrund dieser Anforderungen kann es relativ schwierig und langwierig sein, eine Kooperation mit einem Netzbetreiber zu besiegeln. Dazu kommt, dass die Mobilfunkunternehmen aufgrund ihrer Größe naturgemäß weniger schnell und flexibel sind.

          Durch diesen Aufwand - und nicht etwa durch vertraglich festgelegte Exklusivität - erklärt es sich zum Beispiel, dass der M-Commerce-Pionier 12snap bisher nur mit D1 und D2 kooperiert, nicht mit den E-Netzen. Auch eine Internationalisierung, so CEO Michael Birkel, ist aus diesem Grunde schwieriger als im E-Commerce, da mit jedem einzelnen neuen Netzbetreiber Verhandlungen geführt werden müssen und individuelle technische Anpassungen vorzunehmen sind.

          Unausgereifte Technik

          Diese Anpassungen sind nötig, da die Technik im mobilen Bereich noch wesentlich unausgereifter ist. Darin liegt der zweite große Unterschied zum stationären Internet. Es ist anzunehmen, dass mit der Reife der mobilen Technologien auch eine weitgehende Standardisierung sowie offene Plattformen eintreten werden. Dann hätten auch Technologiefirmen wie die Berliner gate5 AG, die die Technik für location based services anbietet, die Möglichkeit, den Endkunden direkt ansprechen. Gegenwärtig, so CEO Christophe Maire, ist eine Kooperation mit den Netzbetreibern jedoch der beste Weg.

          Die fehlende Reife der Technik zeigt sich auch darin, dass unklar ist, welche Endgeräte sich durchsetzen werden. Das mobile Internet kann über Handys, PDAs (elektronische Notizbücher) oder Notebooks benutzt werden. Entsprechend unterschiedlich sind die Anwendungen, die auf den Geräten sinnvoll genutzt werden können. Eine Geschäftsidee sollte also möglichst flexibel sein, um nicht zu sehr vom Endgerät abzuhängen.

          Schließlich ist die Technik vergleichsweise kompliziert. Daher sollte ein Gründungsteam, so Mark Gazecki vom Venture Capital-Unternehmen Atlas Venture, unbedingt Erfahrungen aus der Telekommunikationsbranche mitbringen. Probleme zum Beispiel aufgrund von Leitungsunterbrechungen oder -verzögerungen sind wesentlich schwerwiegender als im stationären Internet und erfordern entsprechende Sachkenntnis.
          Andere Anwendungen, andere Geräte

          Ein ganz offensichtlicher Unterschied zum E-Commerce besteht darin, dass der M-Commerce anderen Rahmenbedingungen unterliegt. Die Endgeräte sind kleiner, haben eine geringere Bandbreite und eine eingeschränkte Batterieleistung; andererseits bestehen die Möglichkeiten der Standortbestimmung, der Identifizierung des Nutzers sowie einer einfachen Abrechnung von Dienstleistungen. Eine Gründungsidee muss die Einschränkungen berücksichtigen und die Vorteile nutzen; eine simple Übertragung von Geschäftsmodellen aus dem Internet ist zum Scheitern verurteilt.

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