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Start der Champions League : Existenzfrage für Europas Fußball

Zwei der teuersten Transfers des Sommers: Die deutschen Nationalspieler Timo Werner und Kai Havertz sind zum FC Chelsea gewechselt. Bild: Reuters

Wenn an diesem Dienstag die Champions League beginnt, ist viel unsicher: Spiele könnten verschoben oder abgesagt werden, manche Einnahmeposten werden zu Kostenpunkten. Fachleute meinen: „Das Preisgeld ist absolut existentiell für die Klubs“.

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          Wenn an diesem Dienstag die Uefa Champions League (UCL) beginnt, ist so unsicher wie nie, ob es am Saisonende auch einen Sieger gibt. Zu groß sind die Unwägbarkeiten: Die Infektionszahlen steigen in ganz Europa, nationale Regierungen und lokale Behörden ergreifen unterschiedliche Maßnahmen, immer wieder müssen Spieler oder ganze Teams in Quarantäne. Die Uefa hat Vorkehrungen getroffen und wird Spiele zur Not werten, ohne dass gespielt wurde. Einige Begegnungen dürften kurzfristig an andere Orte verlegt oder verschoben werden. Die Klubs tragen die Kosten.

          Gustav Theile
          Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.

          Damit werden die Einnahmen der Teilnehmer geringer ausfallen als sonst. „Doch das Preisgeld ist absolut existentiell für die Klubs“, sagt Kieran Maguire, der an der Universität in Liverpool „Football Finance“ und Buchhaltung lehrt. 15,25 Millionen Euro gibt es allein für jedes Team, das in der Gruppenphase spielt. „Die Champions League zu gewinnen kann 120 Millionen Euro wert sein“, sagt Maguire. Der FC Liverpool hat für den Sieg 2019 111 Millionen Euro erhalten, knapp ein Fünftel seiner gesamten Einnahmen. Für den ungarischen Meister Ferencváros aus Budapest entspricht das Startgeld mehr als der Hälfte der Gesamteinnahmen des Vorjahres, hat das Football-Benchmark-Team der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG berechnet.

          Die Preisgelder geben den Teilnehmern etwas Planungssicherheit. Vieles andere ist ungewiss: Die Beschränkungen bei den Zuschauerzahlen werden wieder strenger, damit sinken die Einnahmen. In der Saison 2018/19 lagen die Heimspiel-Einnahmen von Borussia Dortmund laut KPMG bei durchschnittlich 1,87 Millionen Euro. Ohne Zuschauer und Ticket-Einnahmen koste jedes Heimspiel nun eine Million Euro, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Wochenende im ZDF-Sportstudio. Damit werden die Spieltagseinnahmen plötzlich zum Kostenpunkt: In der Saison 2018/19 machten sie für die führenden 20 Vereine in Europa laut eines Berichts des KPMG-Konkurrenten Deloitte 16 Prozent der Gesamteinkünfte aus.

          Die Transfereinnahmen sind eingebrochen

          Doch damit nicht genug: Spielabsagen dürften sich nicht vermeiden lassen und Sponsoren deshalb Geld zurückverlangen. Schließlich zahlen sie dafür, dass der Zuschauer ihre Logos und Produkte sieht. Zudem sind die Transfereinnahmen, auf denen viele Vereine ihr Geschäftsmodell aufbauen, eingebrochen, nur die Klubs der englischen Premier League haben ihre Ausgaben fast konstant gehalten. Fußball-Wissenschaftler Maguire schlussfolgert: „Am stärksten gefährdet sind Klubs, die von Spieltags- und Transfereinnahmen abhängig sind. Portugal ist ein klassisches Beispiel. Die Vereine dort sind davon abhängig, dass sie Spieler verkaufen.“

          Auch die zukünftigen Einnahmen, auch aus den Übertragungsrechten, hält Andrea Sartori, Leiter der Sport-Abteilung von KPMG, für fraglich. „Viele Fußballklubs sind zurzeit in einer ernsten Notlage.“ Er meint: „Deshalb wäre es lebenswichtig für die teilnehmenden Klubs, die neue UCL-Saison beenden zu können, möglichst im aktuellen Spielplan.“

          In diesen hat die Uefa angesichts der Unsicherheit einen Puffer eingebaut. Eigentlich sollen die Spiele der Gruppenphase bis zum 9. Dezember über die Bühne gehen: Doch der spätestmögliche Termin für die Begegnungen ist nun der 28. Januar 2021. Das könnte für die betroffenen Vereine die Planung in der Winter-Transferphase erschweren.

          Wenn die Corona-Fallzahlen jedoch zu stark ansteigen, werden einige Klubs gar keine Spiele mehr austragen können, glaubt Maguire. „Die einzige Möglichkeit wäre dann, dass man die Fußballteams wie im amerikanischen Sport an einigen Orten konzentriert. Ich glaube nicht, dass das möglich ist.“ Hoffnung könnte den Vereinen nun das Beispiel Wales machen, wo am Montag ein Lockdown bis zum 9. November angekündigt wurde: Die Profi-Fußballvereine dürfen weiterspielen.

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