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Aufschwung nach der Krise : Irischer Frühling

  • -Aktualisiert am

Macht sich gut im Vergleich zu anderen Krisenstaaten: Euro-Peripherie-Staat Irland Bild: dpa

Die harten Einschnitte zahlen sich aus: Irland ist der Musterschüler unter den Euro-Krisenstaaten. Aus der Gefahrenzone ist das Land aber noch nicht – ein Problem bleibt die Staatsverschuldung.

          Reformstau in Frankreich, Stillstand in Italien, Endspiel in Griechenland – in der Flut der schlechten Nachrichten aus dem ökonomischen Krisengebiet Eurozone droht ein Hoffnungszeichen weitgehend unterzugehen: Am westlichen Zipfel Europas erlebt Irland eine verblüffende wirtschaftliche Wiederauferstehung. Die kleine Inselrepublik erreichte vergangenes Jahr das höchste Wirtschaftswachstum in Europa und wird voraussichtlich auch dieses Jahr Wachstumsspitzenreiter sein. 2014 stieg das irische Bruttoinlandsprodukt um fast 5 Prozent – sechsmal so stark wie die Eurozone insgesamt.

          Gut vier Jahre ist es her, dass Irland von einer gewaltigen Immobilienmarkt- und Bankenkrise in die Knie gezwungen wurde und als zweites Mitgliedsland der Währungsunion nach Griechenland einen internationalen Notkredit aufnahm. Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer 2011 stieg die Rendite zehnjähriger irischer Staatsanleihen vorübergehend auf prohibitiv hohe 14 Prozent. Vergangene Woche dagegen fiel die Rendite unter 1 Prozent und war damit so niedrig wie noch nie.

          Natürlich hat Irland die guten Nachrichten nicht nur eigenen Anstrengungen zu verdanken. Dass die Anleger dem Land zu Minizinsen Kredit gewähren, liegt vor allem an der Geldschwemme mit der die Europäische Zentralbank die Anleihemärkte sediert und realistische Risikoprämien weitgehend eliminiert hat.

          Irland – Nutznießer des Wachstums

          Das stark vom Außenhandel abhängige Irland profitiert außerdem von dem glücklichen Umstand, dass es den beiden wichtigsten Handelspartnern des Landes gut geht: Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten wachsen viel stärker als die meisten anderen Industrieländer. Die irischen Exportunternehmen sind die Nutznießer davon.

          Trotzdem können andere Euro-Krisenstaaten von Irland lernen: Früher als andere in Europa haben die Iren harte persönliche Einschnitte in Kauf genommen und so internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen. In der privaten Wirtschaft sanken die Lohnstückkosten rascher und stärker als in den anderen Peripheriestaaten der Währungsunion.

          Auch den Angestellten im öffentlichen Dienst wurden Gehaltseinbußen abverlangt. Um den maroden Staatshaushalt zu sanieren, kürzte die Regierung unter anderem die Arbeitslosenhilfe, das Kindergeld und vorübergehend den Mindestlohn. Die Mehrwertsteuer wurde erhöht.

          Kein Kündigungsschutz in Irland

          Bedeutende Reformen wurden, abgesehen vom zuvor grotesk aufgeblähten Bankensektor, zwar kaum ins Werk gesetzt. Aber das ist kein Argument dafür, dass diese in anderen Krisenstaaten nicht dringend nötig wären. Im Gegenteil: Dass Irland heute vergleichsweise gut dasteht, liegt maßgeblich daran, dass das Land schon vor dem Absturz über eine deregulierte und flexible Wirtschaft verfügte. Beispiel Kündigungsschutz: Im Vergleich zu den anderen Eurostaaten ist dieser in Irland rudimentär. Hunderttausende Arbeitnehmer, die fast über Nacht ihre Jobs verloren, bekamen das schmerzhaft zu spüren.

          Aber der wenig reglementierte Arbeitsmarkt begünstigte zugleich die nachfolgende Erholung. Wenn Unternehmen wissen, dass sie in schwierigen Zeiten schnell Arbeitsplätze abbauen können, stellen sie eben auch schneller wieder neue Leute ein, wenn Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist.

          In Irland wurden in den vergangenen vier Jahren fast 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Zwar ist die Arbeitslosigkeit weiterhin ein drückendes Problem. Aber mit 11 Prozent ist die Erwerbslosenquote weniger als halb so hoch wie in Griechenland und Spanien.

          Patient mit bester Genesung

          All das bedeutet nicht, dass Irland aus der Gefahrenzone ist. Die enormen Schulden im Land sind noch immer die größte Bedrohung. Der Wirtschaftsaufschwung und die Sparmaßnahmen haben zwar das staatliche Haushaltsdefizit seit 2011 um zwei Drittel auf 4 Prozent der Wirtschaftsleistung gedrückt.

          Aber der Schuldenstand des Staates ist mit mehr als 110 Prozent noch immer bedenklich hoch. Einschließlich der Verbindlichkeiten von privaten Haushalten und Unternehmen sitzt das Land auf einem Schuldenberg von fast 400 Prozent der Wirtschaftsleistung – ein einsamer Rekordwert in Europa und einer der höchsten Schuldenpegel der Welt.

          Auch Irland hat deshalb noch einen langen Weg vor sich, bevor das Land finanziell wieder festen Boden unter den Füßen hat. Die Gefahr von Rückschlägen ist nicht gebannt. Wenn etwa das für den Schuldendienst dringend benötigte Wirtschaftswachstum verebben sollte, oder durch ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone Zweifel über die Zukunft anderer Peripherie-Staaten der Währungsunion neu aufflammen sollten, könnte es schlimmstenfalls auch für Irland wieder eng werden.

          Dennoch hat das Land unter den Notfallpatienten der Eurozone die besten Genesungsaussichten. Irland ist jedenfalls das bisher überzeugendste Beispiel dafür, wie in der Währungsunion auch schwerste Wirtschaftskrisen mit entschlossenen Sanierungsschritten und finanzieller Hilfe aus dem Ausland überwunden werden können.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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