https://www.faz.net/-gqe-707fr

Starker Franken : Die Schweizer denken über Kapitalverkehrskontrollen nach

  • -Aktualisiert am

Eine Kiste voller Franken Bild: dpa

Wegen der Euro-Turbulenzen flüchten viele Anleger in den Schweizer Franken - auch ohne steuerliche Hintergedanken. Die Aufwertung der eigenen Währung macht dem Land zu schaffen. Die Nationalbank bringt Kapitalverkehrskontrollen ins Spiel.

          3 Min.

          Umgeben vom Sturm in den europäischen Schuldenstaaten, erscheinen die Schweiz und ihre Währung vielen Anlegern attraktiver denn je. Sie kaufen Franken und deponieren in dem Land Teile ihrer Vermögen auch ohne steuerliche Hintergedanken. Im September vergangenen Jahres zog die Nationalbank (SNB) eine Grenzlinie gegen den Aufwertungsdruck und legte gegenüber dem Euro einen Mindestkurs von 1,20 Franken fest, den sie nach eigener Aussage mit allen Mitteln verteidigen will. Seitdem ist der Druck eher noch gestiegen.

          Am Wochenende verschärfte SNB-Präsident Thomas Jordan daher den Ton. In einem Interview mit der „Sonntagszeitung“ sagte er: „Wir werden auch in Zukunft selbst unter schwersten Bedingungen mit aller Konsequenz den Mindestkurs durchsetzen und unsere Geldpolitik darauf ausrichten, dass dieser Mindestkurs aufrechterhalten bleibt. Ich betone, selbst unter sehr widrigen Bedingungen“. Zugleich brachte Jordan die Möglichkeit von Kapitalverkehrskontrollen ins Spiel.

          Eine „Task-Force“ ist eingerichtet

          Beim Thema Kapitalverkehrskontrollen wollte der Nationalbankchef keine Details nennen. Klar ist, dass sich eine „Task-Force“ aus Regierung und Nationalbank mit dem Thema befasst. Nach den Worten Jordans geht es hauptsächlich um mögliche Instrumente zur Bekämpfung der Frankenstärke. Aber, so Jordan in dem Interview: „Wir müssen auch für den Fall der Fälle vorbereitet sein, dass die Währungsunion zusammenbricht, obwohl ich nicht damit rechne“. Für diesen Fall sollen Vorkehrungen getroffen werden, die den Zufluss von Kapital in die Schweiz direkt beeinflussen.

          Thomas Jordan: Präsident der Schweizer Nationalbank
          Thomas Jordan: Präsident der Schweizer Nationalbank : Bild: AFP

          Indirekt sprach Jordan damit den Pferdefuss aller Kapitalverkehrskontrollen an. Der Franken ist - anders als viele andere Währungen, die nicht (mehr) frei getauscht werden - ein internationales Zahlungsmittel, das auch in London und Asien rege gehandelt wird. Währungsexperten fragen sich daher, wie Regierung und Nationalbank der Schweiz über das eigene Land hinaus auf die Währung einwirken könnten. Die Bemerkungen Jordans sind daher vielleicht eher psychologischer Natur dergestalt, verunsicherte Europäer von weiteren Franken-Käufen abzuhalten. Walter Metzler, Senior Economist in der Bank Vontobel, weist indes gegenüber der F.A.Z. darauf hin, dass ausländische Banken bei Frankengeschäften in der Regel auf Korrespondenzbanken in der Schweiz angewiesen sind.

          Banken bieten kaum noch Zinsen

          Anleger in der Eidgenossenschaft erlebten in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für einige Zeit Negativzinsen. Auch jetzt sind Investoren nach Angaben von Beobachtern immer wieder bereit, eine negative Verzinsung ihrer Franken-Anlagen hinzunehmen. Der Geldmarktsatz Libor liegt mit 0,11 Prozent in der Mitte des SNB-Kursbandes. Nur gerade ebenso viel werfen zweijährige Staatsanleihen ab. Zehnjahrespapiere bringen gut 0,6 Prozent Rendite, das ist weniger als die Hälfte deutscher Bundesanleihen. Unter Berücksichtigung der Bankgebühren erleiden viele Otto Normalanleger schon jetzt sichtbare Verluste.

          Die Währungssicherheit ist aber ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Erleichtert wird dies dadurch, dass die Schweiz zur Zeit fast keine Inflation kennt, dies nach allen Prognosen auf absehbare Zeit so bleiben wird und auch keine „finanzielle Repression“ droht, die in anderen Staaten um sich greift. Mit der Kursgrenze zum Euro war die Nationalbank bisher erfolgreich. Nur am Gründonnerstag hielt sie im Interbankenhandel kurzzeitig nicht.

          Gebäude der Schweizer Nationalbank in Bern
          Gebäude der Schweizer Nationalbank in Bern : Bild: dpa

          Allerdings sind die Meinungen geteilt, wie stark die SNB dem verbalen Bekenntnis mit echten Euro-Käufen nachhelfen muss. David Kohl, Währungsstratege bei Julius Bär, hat auch in jüngerer Zeit keine größeren Ankäufe beobachtet. Im Übrigen gelinge es der Notenbank offenbar, viele Euro-Käufe durch anschließende Verkäufe zu neutralisieren, dies auch durch den Tausch in andere Währungen. Giuseppe Manieri von der Premium Currency Advisors in Zürich will hingegen nennenswerte Stützungskäufe festgestellt haben. Auch wenn die SNB offenbar zunehmend Mühe hat, die 1,20 zum Euro zu verteidigen, hadern die Unternehmen schon mit dem aktuellen Kursniveau. Jordan selbst, der 1993 in seiner Doktorarbeit auf die Gefahren der unvollständigen Europäischen Währungsunion aufmerksam gemacht hatte, räumt ein, dass der Franken weiterhin an den Märkten klar überbewertet ist. Die Tatsache, dass die Schweizer Wirtschaft in diesem Jahr ein weiteres Mal wachsen wird, ist den Exportunternehmen, der Tourismuswirtschaft und dem Einzelhandel nur ein schwacher Trost. Im April fielen die Ausfuhren um fünf Prozent hinter das Vorjahresniveau zurück. Einer der Wortführer gegen die SNB in der Wirtschaft ist Nick Hayek, Chef des Uhrenkonzerns Swatch. Er nannte dieser Tage den Wechselkurs von 1,20 Franken „verheerend“. Im Chor mit anderen Industrievertretern und den Gewerkschaften hält er 1,30 bis 1,35 für notwendig, um das Land vor einem wirtschaftlichen Rückschlag zu bewahren.

          Offen bleibt, wie viel Geld aus den Euro-Staaten dem Finanzplatz zufließt. „Die Kapitalflucht aus den Ländern Südeuropas in die Schweiz ist geringer als vermutet“, meint Jacques de Saussure, Senior Partner von Pictet & Cie. im Gespräch mit dieser Zeitung. Andere werden deutlicher. Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz erwähnt Geld aus Italien, Frankreich und selbst aus Deutschland. Curzi de Gottardi von der Tessiner Kantonalbank spricht von einem „Trend, dass immer mehr Italiener wegen der Stabilität und Sicherheit ihr Vermögen bei uns anlegen“. Verunsichert sind offenbar auch vermögende Franzosen - dies allerdings vornehmlich wegen der Steuerpläne des neuen Präsidenten Francois Hollande. Zumindest registrieren Immobilienmakler und Anwälte ein steigendes Interesse aus dem Nachbarland an Wohnsitzen im französischsprachigen Teil der Schweiz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

          Corona und Propaganda : Chinas deutscher Kronzeuge

          Das Coronavirus stamme gar nicht aus Wuhan, verbreitet das chinesische Staatsfernsehen – und zitiert den Virologen Alexander Kekulé. Doch der hat das gar nicht gesagt. Das Verwirrspiel zeigt Wirkung.
          Intensivstation im Essener Universitätsklinikum: Unter anderem um Investitionen in das deutsche Gesundheitssystem geht es beim Bund-Länder-Ausgleich wegen der Corona-Lasten.

          Bund-Länder-Streit : Wer zahlt die Kosten der Pandemie?

          Die Länder beklagen sich über den Vorstoß von Ralph Brinkhaus, der ihnen mehr finanzielles Engagement in der Corona-Krise abverlangen will. Jeder verweist auf seine Hilfspakete – doch wer die größten Lasten trägt, ist klar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.