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Starke Marke (3) : Schränke wie nach innen getragene Pelzmäntel

Helmut Lübke vor dem Schrankwand- Klassiker (Jahrgang 1964) Bild: F.A.Z. Edgar Schoepal

Möbelmacher Interlübke konzentriert sich auf Betten, Schränke und das in einer gehobenen Preisliga. Nachdem ein Ausflug in den Massenmarkt scheiterte kehrte man in Ostwestfalen zur alten Lehre zurück: Die Möbelmarke Interlübke will nicht vorlaut sein.

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          Dem Schrank ist das Alter nicht anzusehen. Leicht sieht er aus, aber nicht filigran, er ist weiß, hat schlichte Türen und wirkt irgendwie zeitlos. Und genau das soll er auch. "Klarheit in der Formensprache und eine hohe Qualität in der Fertigung, das sind unsere Markeninhalte", sagt Helmut Lübke und betrachtet den Schrank aus dem Jahr 1964.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Lübke ist Geschäftsführer des Möbelunternehmens Interlübke aus Ostwestfalen. Und die weiße Schrankwand in seinem Büro hat den Ruf der Marke begründet. Noch heute gehört sie zum Programm der Firma, im Laufe der Zeit ist sie freilich mehrfach überarbeitet worden und hat sogar den Namen geändert, heißt jetzt kurz "SL".

          Alles neu hinter der Fassade

          Zur kommenden Möbelmesse im Januar 2007 kündigt Lübke eine neue Generation des "SL"-Schranksystems der Designer Rolf Heide und Peter Kräling an. Hinter der puristischen Fassade, sagt Lübke, soll alles neu werden: "Das wird ein ganz anderer Schrank mit zahlreichen Innovationen, nur von außen sieht man das nicht auf den ersten Blick." Mit Schränken aus dem Hause Interlübke verhält es sich laut Lübke so wie mit Pelzmänteln, die von ihren Besitzern "nach innen" getragen werden: Man zeigt nicht vorlaut, was man hat.

          Vorlaut will auch Lübke nicht sein. Der heute 70 Jahre alte Manager könnte es sein, verfügt sein Unternehmen doch über eine der wenigen starken Herstellermarken der Möbelindustrie. Das Kanzleramt in Berlin hat Interlübke ebenso eingerichtet wie das elegante Le Meridien Parkhotel in Frankfurt.

          Paßgenaues Gegenteil zu Massenmöbeln

          In der Welt von Ikea & Co. dominieren die Handelsmarken, den Hersteller hinter einem Möbelstück kennt der Verbraucher in der Regel nicht. Nur Rolf Benz und Hülsta sind ähnlich bekannt wie Interlübke. Doch Interlübke spielt in einer anderen Preisliga. Für einen "SL"-Schrank sind je nach Kundenwunsch schnell 15.000 Euro und mehr fällig. Interlübke ist das paßgenaue Gegenteil von designerisch-beliebigen Massenmöbeln aus dem Hochregal.

          Begonnen hat alles in der Kleinstadt Rheda-Wiedenbrück. Hier bauen die Lübkes seit 1937 Möbel. Damals gründete Helmut Lübkes Vater Leo die Firma als "Spezialfabrik für polierte Schlafzimmer". Die Marke "Interlübke" entwickelte der Unternehmensberater Michael Bayer erst 1963 aus dem Familiennamen des Gründers und der Bezeichnung Interieur. Damals entstand auch der erste Möbelkatalog mit Fotografien, die an die Stelle der bis dahin üblichen kolorierten Möbelzeichnungen traten. Wenige Jahre zuvor hatte sich Helmut Lübke achtzehnjährig mit der Polstermöbelfirma Cor Sitzmöbel selbständig gemacht, nicht weit entfernt von der väterlichen Fabrik.

          Zurück zur alten Lehre

          Beide Unternehmen sind heute wieder vollständig in Familienbesitz und, wie Lübke sagt, profitabel. Das war nicht immer so. Nach dem kontinuierlichen Aufstieg von Interlübke in den achtziger Jahren riskierte die damalige Geschäftsführung einen Ausflug ins Massengeschäft. Mit der billigeren Zweitmarke "Unit" wollte Interlübke eine junge, weniger gut betuchte Klientel ansprechen. Doch weil der Möbelhandel die Marke "Unit" sehr klein, den Zusatz "aus dem Hause Interlübke" aber sehr groß herausstellte, blieben beim klassischen Interlübke-Kunden erhebliche Fragezeichen und beim Hersteller am Ende noch größere Verluste - denn "Unit" wurde verramscht, und die Stammarke verlor ebenfalls.

          Zwei Verlustjahre in Folge, gepaart mit permanenten Unruhen im Gesellschafterkreis, sorgten 1995 schließlich für den Einstieg von Helmut Lübke in das väterliche Unternehmen, an dem er bis dahin nur 12 Prozent hielt. Seine erste Maßnahme damals war die sofortige Aufgabe von "Unit", auch wenn etliche Millionen Umsatz verlorengingen. Die Schweizer Designer von "Team Form" entwarfen den Schrank "S 96", und an den Handel sendete Lübke das Signal, daß Interlübke "zur alten Lehre" zurückkehre: "Marke und Gesinnung sind nicht teilbar" ist Lübkes Petitum.

          „Die Kauflust ist zurückgekehrt“

          Heute konzentriert sich Interlübke auf Betten und Schränke, während die von seinem 43 Jahre alten Sohn Leo geführte Schwesterfirma Cor ausschließlich Polstermöbel produziert. Beides bleibt strikt voneinander getrennt, auch wenn derselbe Kundenkreis angesprochen wird. Mit 320 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt 47 Millionen Euro ist Interlübke deutlich größer als Cor. Ein Zehntel des Umsatzes steckt Interlübke jedes Jahr in Messeauftritte und Werbung. Inseriert wird ausschließlich in Wohnzeitschriften und der gehobenen Tagespresse, um den Bekanntheitsgrad in der Zielgruppe zu vergrößern und Streuverluste so gering wie möglich zu halten. Zwar geht heute noch niemand in ein Möbelhaus mit dem Vorsatz "Ich will den Interlübke-Schrank Eo kaufen". Doch das, sagt Lübke, "ist unser langfristiges Ziel".

          Kurzfristig ist Lübke außerordentlich zuversichtlich für das laufende Geschäftsjahr. Ein Auftragsplus von 10 Prozent seit Dezember dürfte sich in einem Umsatzzuwachs von ebenfalls 10 Prozent niederschlagen. Damit würde Interlübke deutlich stärker wachsen als der Rest der Branche, die nach Jahren des Niedergangs aber immerhin ein Umsatzplus von 3,5 Prozent erwartet. "Die Kauflust ist in allen Bereichen zurückgekehrt", stellt Lübke zufrieden fest.

          Renaissance der Häuslichkeit und Internationlisierung

          Der Unternehmer ist Präsident des Verbands der Deutschen Möbelindustrie (VDM) und damit quasi Sprachrohr der gesamten Branche. Sicherlich mag die Renaissance der Häuslichkeit in Deutschland auch etwas mit vorgezogenen Käufen angesichts der drohenden Mehrwertsteuer zu tun haben. Bei Interlübke verhalten sich die Dinge anders, denn diese Kundschaft ist nicht anfällig für eine Steuererhöhung um 3 Prozentpunkte. Design dient vielen heute als Indikator für Stil und bürgerlichen Wohlstand.

          Lübke ist froh darüber, daß das Interlübke-Design auch im Ausland immer stärker Fuß faßt. Nach Österreich, Benelux und England wird der Markt Rußlands immer bedeutender. Gut 40 Prozent der ausschließlich in Rheda-Wiedenbrück montierten Möbel gehen mittlerweile ins Ausland. In fünf Jahren sollen es 50 Prozent werden. Das Konzept, aus Ostwestfalen den Weltmarkt zu bedienen, scheint zu funktionieren. Abwanderungspläne gibt es nicht. Im Gegenteil: Interlübke investiert derzeit 3 Millionen Euro in eine neue Halle samt neuer Lackieranlage. "Unsere hochqualifizierten Fachkräfte sind ein entscheidendes Plus", sagt Lübke. Parallel will er die Vielzahl der Möbelprogramme konzentrieren, um die Komplexität in der Fertigung zu reduzieren.

          Kopiert werden als Auszeichnung

          Sorgen bereitet dem Unternehmer Lübke lediglich die wachsende Zahl der Plagiate und Me-too-Produkte. Nicht nur die Chinesen kopieren hemmungslos, auch heimische Konkurrenten bringen für sehr viel weniger Geld ganz ähnliche Schränke, Betten oder Kommoden auf den Markt. "Manchmal hilft da nur ein Schuß vor den Bug", sagt der passionierte Segler Lübke. "Aber wenn wir nicht mehr kopiert würden, hieße das doch, daß unsere Produkte nicht mehr begehrt sind."

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