https://www.faz.net/-gqe-9qgn3

Kampf gegen Aids und Polio : Gutes Geld für die globale Gesundheit

  • -Aktualisiert am

Ein Gesundheitsarbeiter gibt einem Kind in der afghanischen Stadt Kandahar einen Polio-Impfstoff. Bild: dpa

Vorausschauende Entwicklungspolitik hat erstaunliche Erfolge erzielt. Deutschlands neues Milliarden-Versprechen ist ein wichtiges Signal für andere Staaten. Doch die Herausforderungen bleiben immens. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Im Oktober 2000 war die Welt alarmiert. Im Angesicht des sich rasant verbreitenden Aids-Virus befürchteten Politik, Medien und jeder Einzelne, dass sich die dramatischen Szenarien der Schlagzeilen bewahrheiteten: „Ein großer Teil einer ganzen Generation droht auszusterben“, „Zeitbombe vor der Haustür“, „Führt Aids den Zusammenbruch ganzer Staaten herbei?“ oder „Jeder zweite Afrikaner wird an Aids sterben“. Düstere Prophezeiungen – die zum Glück falsch waren. 2005 erreichte die Aids-Krise mit 1,7 Millionen Todesfällen ihren traurigen Höhepunkt. Doch seither geht die Zahl steil nach unten – bis zum letzten Jahr um mehr als 50 Prozent.

          Dieser Trend gilt nicht nur für Aids. Auch die Todesfälle durch Malaria nahmen seit 2002 um die Hälfte ab. Zwischen 1990 und 2017 halbierte sich auch die Kindersterblichkeit – und das, obwohl sich die Bevölkerung verdoppelte. Und vor dreißig Jahren gab es in einem einzigen Jahr 350.000 Poliofälle. Vergangenes Jahr nur noch 33 weltweit. Das sind erstaunliche Erfolge. Aber wie kam es zu diesen Fortschritten? Der Grund liegt in einer vorausschauenden Entwicklungspolitik.

          Anfang des Jahrtausends begannen Länder wie Deutschland mehr in globale Gesundheit zu investieren und Organisationen zu stärken, die lebenswichtige Medikamente entwickeln, beschaffen und zu den Menschen in den ärmsten Regionen der Welt bringen: die Globale Impfallianz Gavi, den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM) und die Globale Initiative zur Ausrottung von Polio (GPEI). Den meisten Menschen sind diese Organisationen unbekannt. Und doch haben sie einen grundlegenden Wandel für Entwicklungsländer bewirkt.

          Wirtschaftswachstum und Entwicklungschancen

          Zwar gibt es die Instrumente im Kampf gegen diese Krankheiten schon lange: antiretrovirale Medikamente gegen HIV seit dreißig Jahren; die Polioimpfung wurde erfunden, da waren wir beide noch gar nicht geboren. Doch bis vor zwanzig Jahren waren die Medikamente für die Meisten unbezahlbar – und es gab kein gutes Versorgungsnetz, um sie zu den Menschen zu bringen.

          Die drei globalen Gesundheitsinstitutionen haben geholfen, das zu ändern: Sie bündeln Geld aus Deutschland und anderen Geberländern. Sie nutzen diese Größenvorteile, um für lebenswichtige Medikamente Rabatte auszuhandeln. Und sie schaffen gemeinsam mit fast hundert Partnerländern eine große Versorgungskette zur Verteilung der Medikamente. 2018 hat der GFATM-Fonds fast 200 Millionen Moskitonetze zur Verhütung von Malaria verteilt. Die GPEI-Experten versorgen jährlich mehr als 400 Millionen Kinder mit der Polio-Schluckimpfung und sind dabei, das Virus auszurotten. Die Gavi-Allianz stellt seit dem Jahr 2000 Basisimpfstoffe für mehr als 700 Millionen Kinder in extremer Armut bereit.

          Bill Gates (l), Microsoft-Gründer, und Gerd Müller (CSU), Bundesentwicklungsminister, bei der Diskussion im Oktober 2018 in Berlin

          Deutschland war ein Motor dieser Entwicklung. Nicht nur aus moralischem Pflichtgefühl, sondern auch aus eigenem Interesse. Epidemien wie Polio und Ebola müssen wir vor Ort bekämpfen, damit sie sich nicht ausbreiten. Das ist offensichtlich.

          Weniger offensichtlich, aber erwiesen: Investitionen in globale Gesundheit sind eine hocheffiziente Art, Wirtschaftswachstum und Entwicklungschancen zu fördern. Nur wer gesund ist, kann arbeiten oder zur Schule gehen und somit einen Beitrag zur Entwicklung seines Landes leisten.

          Außerdem wissen wir, dass eine geringere Säuglingssterblichkeit dazu führt, dass Eltern sich für kleinere Familien entscheiden. Das ist gerade für die schnell wachsende Bevölkerung in Afrika wichtig. Familien können so mehr in jedes Kind investieren und jedem eine bessere Zukunft eröffnen. Experten schätzen, dass sich der soziale und wirtschaftliche Nutzen daraus für Entwicklungsländer auf 2000 Milliarden Dollar beläuft.

          Gut für die Menschen in Afrika – und in Deutschland und Europa

          In den nächsten 10 Monaten müssen die Finanzreserven der drei Gesundheitsorganisationen aufgefüllt werden. Diese Arbeit rettet Millionen das Leben – und muss deshalb weitergehen. Voraussichtlich mehr als die Hälfte der Mittel, die der Globale Fonds benötigt, stemmen die Empfängerländer selbst. Aber noch schaffen sie es nicht allein.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat daher auf dem G7-Gipfel in Biarritz angekündigt, dass Deutschland eine Milliarde Euro in den Globalen Fonds für die kommenden drei Jahre investiert. Damit übernimmt Deutschland international Verantwortung. Erfreulicherweise wollen andere Staaten ihr Engagement ebenfalls ausbauen – auch dank Deutschlands Vorreiterrolle.

          Die Verhandlungen fallen allerdings in schwierige Zeiten. Viele schotten sich ab, richten den Blick nach innen. Um die Erfolge im Kampf gegen globale Krankheiten fortsetzen und ausbauen zu können, müssen die wohlhabenden Staaten am Ziel festhalten, 0,7 Prozent in Entwicklung zu investieren. Derzeit betragen die weltweiten Entwicklungsausgaben aber nur ein Zehntel der Rüstungsausgaben – und die Schere geht immer weiter auseinander. Die Welt wird so ungerechter und unsicherer.

          Gerade auf dem afrikanischen Kontinent kann das Bevölkerungswachstum dazu führen, dass bis 2050 weitere 300 Millionen Menschen in extremer Armut leben. Das fordert uns alle heraus. Deswegen dürfen sich Deutschland und Europa nicht zurückziehen und müssen weiter in Innovationen und Zukunftschancen investieren: in Gesundheit, in Bildung, eine selbstbestimmte Familienplanung und die volle Gleichberechtigung der Frauen und Mädchen. Das ist gut für die Menschen in Afrika – und in Deutschland und Europa.

          Bill Gates ist Vorsitzender der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

          Gerd Müller ist Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Orbans Fidesz verliert Budapest

          In Ungarns Großstädten hat die Partei von Regierungschef Viktor Orban einen schweren Stand. Der künftige Bürgermeister von Budapest will die Hauptstadt „transparent, solidarisch und grün“ machen.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.