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Standortwettbewerb : Wozu der Export gut ist

Fertig zum Export: Von Bremerhaven aus werden diese Autos in die ganze Welt verschifft Bild: REUTERS

Lohnzurückhaltung hat deutsche Produkte auf dem Weltmarkt preislich wieder wettbewerbsfähiger gemacht. Doch die deutsche Exportstärke ist vielen ein Dorn im Auge. Sie hätte die Probleme mancher Euroländer mit verursacht, behaupten manche. Der Vorwurf des Merkantilismus ist ziemlicher Unsinn. Eine Analyse.

          3 Min.

          Deutschlands Exportstärke ist vielen ein Dorn im Auge. Aus ihr folgen „Ungleichgewichte“ in den Handelsbilanzen, die mancher für eine Ursache der Eurokrise hält. EU-Sozialkommissar László Andor hat erst kürzlich im Interview mit der F.A.Z. eine angeblich „merkantilistische Wirtschaftspolitik“ hierzulande angeprangert. Durch seine Lohnzurückhaltung, die deutsche Produkte auf dem Weltmarkt preislich wettbewerbsfähiger gemacht hat, habe Deutschland die Probleme der Europeripherieländer mit verursacht, meint Andor. Wie er denken viele keynesianische Ökonomen, Gewerkschafter und Politiker.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der Vorwurf des Merkantilismus ist ziemlicher Unsinn. Unter Merkantilismus versteht man eine dirigistische Politik mit Schutzzöllen und gezielter Exportförderung durch Subventionen, wie sie im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert - vor den freihändlerischen Ideen Adam Smiths - in Europa üblich war. Heute könnte man am ehesten in China von einer merkantilistischen Politik sprechen. Peking operiert vor allem mit der staatlichen Kontrolle des Wechselkurses, dessen Unterbewertung nur sehr langsam korrigiert wird und einen aufgeblähten Exportsektor bewirkt.

          Von „Lohndumping“ zu sprechen, ist blanke Polemik

          Die deutsche Lohnzurückhaltung seit der Jahrtausendwende war nicht Ergebnis staatlicher Vorgaben, sondern freier Tarifverhandlungen unter dem Eindruck der Massenarbeitslosigkeit. Sie ist vor dem Hintergrund der überhöhten Lohnsteigerungen in den neunziger Jahren nach der Wiedervereinigung zu sehen, die korrigiert werden mussten. Von „Lohndumping“ zu sprechen, wie das manche Linke tun, ist blanke Polemik. Nach wie vor gehört Deutschland zu den Industriestandorten mit hohen Lohn- und Lohnnebenkosten, in Europa liegt es im oberen Drittel. Deutsche Produkte gelten in der Welt nicht als besonders billig, vielmehr überzeugen sie durch Qualität und Zuverlässigkeit. Deutschlands Export ist auch deshalb so stark, weil die Güterstruktur, mit hochwertigen Maschinen und Anlagen, Fahrzeugen, Chemie und Elektrik, optimal zum (Investitions-)Bedarf der aufstrebenden Schwellenländer passt.

          Die hohen Zuwachsraten im Export mit China, Indien, Brasilien, Russland und den ölreichen arabischen Staaten sind der Hauptgrund für die großen Außenhandelsüberschüsse. In diesem Jahr könnte der deutsche Warenexport erstmals den Wert von 1100 Milliarden Euro übersteigen, der Import dürfte über 900 Milliarden Euro wachsen. Davon gehen der negative Dienstleistungssaldo (zum Beispiel Ausgaben für Auslandsreisen) und Übertragungen (Überweisungen von Gastarbeitern, Entwicklungshilfe, Beiträge an die EU) weg. Die Leistungsbilanz könnte einen Rekordüberschuss von 160 Milliarden Euro ausweisen, 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - was in der EU nun willkürlich als kritische Marke definiert wurde.

          Hans-Werner Sinn: Deutschland lieferte Porsche und bekam Lehman-Zertifikate

          Der Exportüberschuss gegenüber dem Euroraum hat allerdings schon abgenommen, er beträgt noch 2 Prozent des BIP. Der Anteil am deutschen Export, der in die Eurozone geht, ist seit der Euroeinführung von 46 auf 39 Prozent gesunken. Das Wachstum in der Peripherie war nicht nachhaltig. Mit Lohnzuwächsen weit über die Produktivität wurde eine Konsumblase finanziert, die Wettbewerbsfähigkeit sank, die Leistungsbilanzen zeigten absurd hohe Defizite. In einem schmerzhaften Prozess muss das nun korrigiert werden. Irland macht gute Fortschritte, Spanien und Portugal kämpfen. Griechenland ist in der Abwärtsspirale gefangen, der fixe Eurokurs macht es extrem schwierig.

          Leistungsbilanzen sind ein Spiegel der Volkswirtschaft, doch ist ihre Interpretation nicht trivial. Sind Defizite immer ein Zeichen der Schwäche? Manche Ökonomen haben im Fall der Vereinigten Staaten argumentiert, ihr negativer Saldo sei Folge der Standortattraktivität: Investoren aus aller Welt legen Geld in Amerika an, damit können sich die Amerikaner mehr Import von Waren und Dienstleistungen leisten. Das war zum Teil eine Blase. Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, hat es sarkastisch kommentiert: Deutschland lieferte Porsche und bekam Lehman-Zertifikate. Und im Fall Südeuropas? Ein Teil des Exports dorthin wurde mit ungedeckten Schecks bezahlt. Nun drohen Rechnungen zu platzen. Eigentlich müssten die Exporteure sie abschreiben - aber leider werden die Steuerzahler für die „Euro-Rettung“ mit in die Haftung genommen.

          Export ist kein Selbstzweck und ein Handelsüberschuss nicht per se erstrebenswert, das glauben nur Merkantilisten. Letztlich ist der Endzweck allen Wirtschaftens immer die Befriedigung von Konsumbedürfnissen. Deutschland als alternde Gesellschaft kann sich über seine hohen Leistungsbilanzüberschüsse freuen. Noch arbeitet die Generation der Babyboomer, sie spart und legt einen Teil davon in der ganzen Welt an. Die deutschen Nettovermögen im Ausland haben sich - trotz Verlusten in der Krise - seit 2005 auf fast eine Billion Euro verdoppelt. Wenn die aktive Arbeitsbevölkerung schrumpft, wird der Exportüberschuss zwangsläufig sinken, der Konsum steigt relativ zur Produktivkraft. In zwei Jahrzehnten dürfte der Leistungsbilanzüberschuss völlig weggeschmolzen sein. Dann wird das wachsende Rentnerheer das angesparte (Auslands-)Vermögen aufzehren.

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