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Stahlaktien : Überraschte Analysten und steigende Kurse

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Das feindliche Übernahmeangebot von Mittal Steel für Arcelor hat den Stahlaktien am Freitag einen deutlichen Kursschub beschert. Händler rechnen mit einer weiteren Konsolidierung und loben die mögliche Verbindung.

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          Das feindliche Übernahmeangebot des indischen Stahlkonzerns Mittal Steel für den Wettbewerber Arcelor aus Luxemburg hat den Stahlaktien am Freitag einen deutlichen Kursschub beschert. Im Deutschen Aktienindex Dax schossen die Papiere von Thyssen-Krupp zeitweise um gut 10 Prozent in die Höhe. Arcelor selbst sprangen nach ihrer Handelsaussetzung um mehr als 40 Prozent; Mittal-Aktien wurden nicht notiert. In der zweiten Reihe legten die Aktien von Salzgitter um mehr als 11 Prozent zu.

          Analysten zeigten sich von dem Vorgehen Mittals überrascht, bewerteten den möglichen Zusammenschluß aber als positiv für den gesamten Stahlmarkt. Branchenkenner rechnen nun fest mit einer ganz neuen Dynamik bei der Konsolidierung der Branche. „Im Konsolidierungsprozeß ist sehr viel mehr Geschwindigkeit als gedacht“, sagt Winfried Becker von Sal. Oppenheim & Cie.

          „Eine clevere Geschichte“

          „Der größte Hai im Stahlmarkt hat die Bewegungslosigkeit des zweitgrößten ausgenutzt“, kommentierte Aleksej Wunrau, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg die Offerte. Arcelor sei bislang mit seinen Übernahmeplänen für den kanadischen Stahlhersteller Dofasco beschäftigt gewesen. Im europäischen und amerikanischen Geschäft gebe es kaum Überschneidungen. Die entsprechenden Probleme in Brasilien und China könnten dagegen leicht durch kartellrechtliche Absprachen geklärt werden. Becker stellt vor allem die Möglichkeit von Mittal heraus, sich mit Arcelor im Bereich des Flachstahls zu verstärken und sich damit etwa von der bisher verfolgten Massenstrategie zu entfernen.

          Kurssprünge der Stahlwerte an der Frankfurter Börse

          „Das völlig überraschende Angebot ist eine clevere Geschichte“, sagt Christian Obst von der Hypo-Vereinsbank. Im Erfolgsfall bekomme Mittal die luxemburgische Arcelor relativ günstig. „Der Preis ist schon zu rechtfertigen“, sagt auch Thomas Hofmann von der Landesbank Rheinland-Pfalz, der allerdings nicht davon überzeugt ist, daß die Arcelor-Aktionäre überhaupt Mittal-Aktien haben wollen. Von mehreren Analysten ist zu hören, daß das Mittal-Management nach den vielen Übernahmen der Vergangenheit erst noch beweisen müsse, ob es der Führung des immer größeren Konzerngebildes auch gewachsen sei.

          Thyssen-Krupp-Aktien profitieren von Mittals Signal

          Die Aktien von Thyssen-Krupp profitierten von dem Signal Mittals, daß nach dem Kauf von Arcelor für den deutschen Konzern der Weg für eine Übernahme von Dofasco frei sei. Damit könne Thyssen-Krupp wie ursprünglich geplant den kanadischen Stahlproduzenten übernehmen und in den amerikanischen Markt einsteigen, sagt Wunrau.

          „Thyssen-Krupp hat schon bekanntgegeben, Dofasco für 68 kanadische Dollar je Aktie übernehmen zu wollen. Jeder höhere Preis wäre für Thyssen schwer zu rechtfertigen, da das Management zu Anfang der Woche gesagt hat, auf keinen Fall mehr bezahlen zu wollen“, sagt Becker. Hofmann vermutet allerdings, daß die Börse angesichts der jüngsten Entwicklungen Thyssen-Krupp auch noch ein etwas höheres Gebot nachsehen würde.

          Experte: Kursaufschläge von 30 Prozent möglich

          Die Folgen für den Stahlmarkt scheinen überwiegend positiv zu sein. Die Konsolidierung sei gut für die Margen- und Preisdisziplin bei Stahl, meint Obst. Der Auftritt Arcelors in Europa habe gezeigt, was ein vernünftiger, großer Akteur erreichen könne. Wunrau sieht die Vorteile des Zusammenschlusses in sinkenden Verwaltungskosten, der höheren Verhandlungsmacht der Stahlproduzenten gegenüber den Eisenerzproduzenten und in einem insgesamt transparenteren Stahlmarkt, in dem Angebotsüberhänge vermieden werden könnten. Eine ähnliche Meinung vertritt auch WestLB-Analyst Michael Tappeiner. Die nun möglicherweise eintretende Konzentration zum mit Abstand größten Stahlkonzern birgt freilich auch Gefahren. Wunrau verweist auf die Möglichkeit der Verdrängung kleinerer Wettbewerber durch Preisdumping und mögliche exklusive Eisenerzlieferverträge. Obst sieht dies weniger als Bedrohung als vielmehr als eine Möglichkeit, neue Standards zu setzen.

          Insgesamt seien in diesem Umfeld für Stahlaktien Kursaufschläge von 30 Prozent möglich, folgert Wunrau. Die Bewertungen seien moderat. Auch Obst hält Stahlpapiere in Relation zu den erwarteten Ergebnissen für günstig. Nun komme weitere Übernahmephantasie hinzu. Hofmann hält den Thyssen-Kurs indes grundsätzlich für zu hoch, schließt aber nicht aus, daß der Kurs im Zuge der herrschenden Stimmung zunächst weiter steigt.

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