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Schuss auf Wirtschaftsanwalt : Uneinsichtig bis zuletzt

Der Hamburger Unternehmer Alexander Falk bei der Urteilsverkündung im Frankfurter Landgericht mit seinen Verteidigern Björn Gercke und Kerstin Stirner Bild: Wonge Bergmann

Das Landgericht Frankfurt hat den Unternehmer Alexander Falk zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Richter sind überzeugt, dass er Auftraggeber eines Anschlags auf einen Anwalt ist. Der Vorsitzende kritisierte die Verteidiger scharf.

          3 Min.

          Als der Vorsitzende Richter das Urteil verkündet, verzieht Alexander Falk keine Miene. Er hat wohl erwartet, dass er den Gerichtssaal nicht ohne Freiheitsstrafe verlassen wird. So hatte es sich angedeutet. Der Hamburger Geschäftsmann verlässt das Gebäude zwar als freier Mann, weil die Schwurgerichtskammer weder Fluchtgefahr noch Verdunkelungsgefahr mehr sieht und den Haftbefehl aufhebt. Aber beendet ist die Sache noch lange nicht. Dass Falk im Falle einer Verurteilung Revision beim Bundesgerichtshof einlegen würde, war klar. Und sein Verteidiger Björn Gercke kündigt das direkt im Anschluss auch mit dem Satz an, Falk sei nicht glücklich mit dem Urteil.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesem Gefühl verleiht er schon während der zwei Stunden langen Urteilsbegründung Ausdruck. Während der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt ihm erklärt, warum das Gericht zu der Überzeugung kam, dass Falk der Auftraggeber eines Anschlags auf einen Frankfurter Anwalt war, tuschelt und lacht der Angeklagte immer wieder mit seinem Verteidiger. Es ist genau solches Verhalten, über das der Vorsitzende zu Beginn der Verkündung zuerst und bemerkenswert lange spricht. Die Worte sind deutlich: Respektlos, befremdlich, beleidigend, arrogant, überheblich, unprofessionell und sogar subjektiv bedrohlich nennt er die Art und Weise, wie Falks Anwälte in dem Prozess der Kammer, der Staatsanwaltschaft und auch dem Ermittlungsführer begegnet sind. „Die Grenzen waren manchmal deutlich überschritten.“ Und auch auf die Kanzlei des Medienanwalts Ralf Höcker, die das Verfahren für Falk begleitet hat, nimmt er Bezug: Er verweist darauf, wie wichtig eine unabhängige Presseberichterstattung für Strafverfahren sei.

          Von Rachegefühlen getrieben

          Wie kompliziert das Verfahren war, zeigt sich am letzten Prozesstag noch einmal. Immer wieder kamen neue, seltsame Handlungsstränge dazu, tauchten neue Figuren oder angeblich entlastende Beweise auf. Allein die Tatsache, dass der vom Landgericht Hamburg wegen versuchten Betrugs verurteilte Alexander Falk sich im Gefängnis mit einem tief in die organisierte Kriminalität verstrickten Mitinsassen anfreundete, eine Geschäftsbeziehung mit ihm und seinem Bruder einging und die beiden schließlich beauftragte, Daten bei der Kanzlei des später angeschossenen Anwaltes zu stehlen, die ihn entlasten sollten, wirkt unglaublich.

          Das Gericht ist überzeugt, dass Falk zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 jene Brüder beauftragte, einen Anschlag auf den Anwalt der Kanzlei Clifford Chance zu organisieren. Er sei dabei von Rachegefühlen getrieben gewesen, weil er sich gehasst und verfolgt fühlte von dem Mann und dessen Kollegen, die über Jahre mit aller Härte Pfändungsmaßnahmen in zweistelliger Millionenhöhe gegen ihn vorantrieben. „Sie trafen die Entscheidung, ihn zu bestrafen“, sagt der Vorsitzende. „Er sollte wissen, mit wem er es zu tun hat.“ Am 8. Februar 2010 schoss ein Unbekannter dem Anwalt vor seinem Haus in Frankfurt-Harheim in den Oberschenkel. Noch im Rettungswagen wies der Angeschossene die Polizei darauf hin, dass er ein Zivilverfahren gegen Alexander Falk führe und in ihm die Quelle des Anschlags vermute.

          „Angriff auf den Rechtsstaat“

          Die Zeugenaussage des Anwaltes ist dann auch eines der wichtigsten Indizien, auf die sich das Urteil stützt. Dazu kommt eine SMS fünf Tage vor der Tat, die nach Überzeugung des Gerichts einer der Brüder an Falk schickte: „Die Oma bekommt ihren verdienten Kuraufenthalt.“ Zudem stützt sich das Urteil auf die Tonbandaufnahme, auf der Falk sich über den Anschlag freut und allerlei Sätze sagt, die laut Gericht eindeutig auf ihn als Auftraggeber hinweisen. Spätestens damit sieht die Kammer das Tatinteresse Falks belegt – und andere, plausiblere Szenarien, die den Anschlag erklären könnten, hat die Beweisaufnahme in ihren Augen nicht ergeben. Der dubiose Kronzeuge hingegen und andere Zeugen aus dem Dunstkreis der Brüder B. waren dem Urteil zufolge zwar ergänzend, aber nicht entscheidend.

          Der Vorsitzende bezeichnet den Anschlag, wie zuvor bereits die Staatsanwaltschaft, als „Angriff auf den Rechtsstaat“. „Diese Tat bringt Ihre Gesinnung zum Ausdruck“, sagt er zu Falk. „Sie haben eine hohe kriminelle Energie. Das ist kein Standard.“ Strafschärfend werten die Richter auch die Folgen der Tat für die Familie des Opfers. Jahrelang habe diese nun ertragen müssen, wie der Vater erst Schießtraining bekam und dann aus Sorge vor einem neuen Anschlag eine Waffe dabeihaben musste. Diese Konsequenz sei Falk, der selbst fünf Kinder hat und sich stets als Familienmensch darstellt, bewusst gewesen. Nach zehn Monaten ist der Falk-Prozess damit zu Ende. Wie es weitergeht, liegt nun am BGH.

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