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Stadtflucht : Plötzlich kommen die Großstädter

Anderswo wundert man sich, dass ausgerechnet eine Kommune im vom demographischen Wandel besonders betroffenen Werra-Meißner-Kreis es geschafft hat, sich gegen den Trend zu stemmen. „Dabei hat Wanfried keine besseren Rahmenbedingungen“, stellt Hessens oberster Denkmalpfleger Gerd Weiß fest. „Schöne historische Fachwerkensemble und eine zauberhafte Landschaft haben andere schließlich auch“. Verglichen mit den Boomstädten, sind die Hauspreise auf dem Land generell niedrig. Auch das ist kein Wanfrieder Alleinstellungsmerkmal.

Zeigen, was realistisch ist

Was also ist anders in dem Städtchen, das eine Autostunde von Kassel, Göttingen und Erfurt entfernt liegt? Birgit Maske-Pagel und ihr Mann hatten sich zunächst auch in anderen Regionen nach einem alten Haus mit Flair umgesehen. Das Fachwerkhaus in der Altstadt von Wanfried hatte ihnen zwar am besten gefallen. Ausschlaggebend dafür, dass sie sich letztlich für das so umfassend sanierungsbedürftige Baudenkmal entschieden, seien aber zwei andere Gründe gewesen: „Hier fühlen wir uns nicht nur willkommen, wir bekommen auch die Unterstützung, ohne die wir als Laien so ein Vorhaben gar nicht gewagt hätten“, sagen sie. Hilfe und Rat, auch über das Bauvorhaben hinaus, finden die Pagels bei der zehnköpfigen Bürgergruppe. Die hat sich von Anfang an nicht nur darauf beschränkt, Wanfrieds Immobilien im Internet anzupreisen. Vielmehr erklären die Mitglieder Interessenten, wie man ein Fachwerkhaus modernisiert und behutsam, aber effizient energetisch saniert, welche Baustoffe in Frage kommen, welche Schwierigkeiten es gibt und welche Lösungen. „Wir wollen zeigen, was realistisch ist“, sagt Gebhard. So berät die Baugruppe die Käufer nicht nur allgemein, sondern auch in Detailfragen. Als Anschauungsobjekt dient ein Fachwerkhaus, das die Bürgergruppe als Musterhaus saniert hat. „Das hilft sich vorzustellen, wie es werden kann“, sagen Pagels. „So eine Betreuung ist einmalig“, urteilt Denkmalpfleger Weiß über die Wanfrieder Verhältnisse. Keinesfalls selbstverständlich sei die enge Zusammenarbeit zwischen Bürgergruppe und Verwaltung. „Das erleichtert vieles“, sagt er.

Von dem Schwung, den die neuen Hausbesitzer mitbringen, lassen sich auch die Alteingesessenen zunehmend anstecken. Einige beginnen, ihre Fachwerkhäuser zu sanieren. In jüngster Zeit fänden Häuser auch wieder unter den Wanfriedern selbst Käufer. „Wir sehen unsere Stadt mit neuen Augen und erkennen, wie viel Lebensqualität und welches reiche bauhistorische Erbe wir hier haben“, sagen die Mitglieder der Bürgergruppe. So ist, was aus Verzweiflung begann, für Wanfried auch eine Art Selbstfindungstrip geworden.

Kleine Schritte gehen

Fachleute wie Birgit Franz, Professorin an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden und auf den Erhalt von Bauwerken und Denkmalpflege spezialisiert, sehen die Wanfried als Vorbild. „Es ist besser, kleine Schritte zu gehen, anstatt auf einen Investor zu warten, der die große Wende bringen soll, denn dann wartet man im Zweifelsfall ewig“, hat sie beobachtet. Für die unter Bevölkerungsschwund leidenden Kommunen sei es schon ein Erfolg, wenn die Abwanderung gebremst werde.

Wanfried zählt derzeit 4222 Einwohner. Das sind 140 Bewohner weniger als 2006 - ein Wunder ist durch den Einsatz der Bürgergruppe also nicht geschehen. Aber 2011 zogen erstmals wieder mehr Menschen zu als weg. Dank der Sanierungsprojekte gehen dem Handwerk die Aufträge nicht aus. Und die steigende Nachfrage nach ökologischen und historischen Baustoffen hat dazu geführt, dass ein Fachhandel eröffnet hat. Dort wollen auch Pagels einkaufen. Wenn alles gut läuft, hoffen sie, wird ihr Haus Ende des Jahres fertig sein.

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