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Staatsbankrott : Das Beispiel Argentinien

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Den bisher größten Zahlungsausfall eines souveränen Staates deklarierte Argentinien vor gut acht Jahren. Mehr als 100 Milliarden Dollar Anleiheschulden waren betroffen. Als der Präsident im Jahr 2001 die Einstellung der Schuldenzahlungen verkündete, erntete er im Parlament tosenden Beifall.

          Den bisher größten Zahlungsausfall eines souveränen Staates deklarierte Argentinien vor gut acht Jahren. Mehr als 100 Milliarden Dollar Anleiheschulden waren betroffen. Als der Übergangspräsident Adolfo Rodríguez Sáa im Dezember 2001 unter tosendem Beifall der Parlamentsabgeordneten die Einstellung der Schuldenzahlungen verkündete, hatte Argentinien den Tiefpunkt seiner bislang schwersten Wirtschaftskrise schon fast erreicht. Bereits seit dreieinhalb Jahren steckte das Land in einer schweren Rezession. Der damals fest an den Dollar gebundene Peso war hoffnungslos überbewertet.

          Die Regierung hatte die Bankguthaben eingefroren, um einen Ansturm auf die Einlagen zu bremsen und die grassierende Kapitalflucht zu unterbinden. Tausende Argentinier zogen Tag für Tag auf die Straße und beschimpften die Politiker-Kaste für den Niedergang: "Sie sollen alle gehen!", skandierte das Volk. Angesichts blutiger Aufstände mit zahlreichen Todesopfern ließ sich Staatschef Fernando de la Rúa nach seinem Rücktritt mit dem Hubschrauber vom Dach des Präsidentenpalastes ausfliegen, um dem Volkszorn zu entgehen. Anfang 2002 verfügte ein weiterer Übergangspräsident, Eduardo Duhalde, die Aufhebung der Dollarbindung. Der Pesokurs ging in den freien Fall über.

          Die Banken verbarrikadierten Türen und Fenster mit Stahlplatten, einige Tage wurden sie ganz geschlossen. Bargeld wurde knapp. Am härtesten traf das die Ärmsten der Armen, die bestenfalls informelle Jobs hatten. Denn in der großen Schattenwirtschaft lief ohne Bargeld gar nichts mehr. Supermärkte wurden geplündert. Während Mittelschicht-Argentinier Tag für Tag mit Hämmern und Töpfen an die Bankportale schlugen, um ihr Geld zurückzufordern, zogen aus den Elendsvierteln ganze Heerschaaren Abend für Abend durch die Straßen von Buenos Aires, um den Müll nach Lebensmittelresten und anderem Brauchbarem zu durchwühlen. In den neunziger Jahren hatten sich die Argentinier aufgrund der starken Währung reich gefühlt. Nun kamen selbst aus dem eigentlich viel ärmeren Paraguay Touristen, um in den edlen Shopping-Malls von Buenos Aires auf Schnäppchenjagd zu gehen.

          Adolfo Rodriguez Saa

          "Es war sehr schlimm", erzählt der Ingenieur Horacio Vázquez, der in der Krise nicht nur seine Arbeit, sondern auch einen Großteil seiner Ersparnisse verlor. "Ich hatte Anleihen für meine Alterssicherung gekauft und Guthaben auf vier Bankkonten." Die Dollars von der Bank konnte Vázquez durch rasche Klagen bei der Justiz größtenteils zurückergattern. Doch auf das Geld aus den Anleihen wartet er noch heute. Das harte Umschuldungsangebot von 2005, das einen Verzicht auf drei Viertel des Forderungswertes bedeutet hätte, hat Vázquez nicht akzeptiert. "Wir waren keine Zocker. Die Regierung hatte die Leute in Anzeigen aufgefordert, Staatsanleihen zu zeichnen. Verkauft wurden die Papiere in den Staatsbanken." Eine vergleichbare Arbeit hat der heute 53 Jahre alte Telekom-Spezialist nie wieder gefunden.

          Besser davon kamen die heimischen Industrieunternehmen, die durch die Maxi-Abwertung des Peso gegen die Auslandskonkurrenz geschützt wurden. Zudem stellte die Regierung per Federstrich alle Bankschulden von harten Dollars eins zu eins auf entwertete Pesos um. Noch stärker profitierten Argentiniens Farmer, die mehr Soja gegen harte Dollars exportierten und zu steigenden Weltmarktpreisen verkaufen konnten. Freilich schöpfte die Regierung diese Profite bald über Exportsteuern ab, um Sozialprogramme zu finanzieren.

          Die Krise hatte die Arbeitslosenrate auf 24 Prozent getrieben. Am laufenden Einkommen gemessen, stürzte zeitweise mehr als die Hälfte der Menschen unter die Armutsgrenze. Viele der krisenerfahrenen Argentinier hatten freilich Rücklagen in Dollar unter den Matratzen oder im Ausland gehortet. Die hatten nun eine hohe Kaufkraft. Schon wenige Monate nach der Staatspleite wurde überall renoviert und gebaut, um die niedrigen Pesokosten auszunutzen. Die Bankkunden erhielten ihre Einlagen bald zurück, viele sogar in Dollar oder mit geringen Abschlägen in Pesos. Um die Banken für ihre Verluste zu entschädigen, gab die Regierung den Instituten neue Staatspapiere. So waren die Staatsschulden bald noch höher als vor der Zahlungseinstellung. Die Zeche zahlten die ausländischen Anleihegläubiger, die ihre Verluste von drei Vierteln der Forderungswerte durch nichts kompensieren konnten.

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