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Nach den Anschlägen : Sri Lanka bangt um den Tourismus

Männer in Colombo lesen am Tag nach den Anschlägen in einer Zeitung. Bild: EPA

Der Inselstaat ist wirtschaftlich in einer schwierigen Lage. Das Geschäft mit den Gästen könnte helfen. Nach den Anschlägen aber droht es einzubrechen.

          3 Min.

          Manches in diesen Stunden erinnert an die verheerenden Anschläge auf der indonesischen Ferieninsel Bali 2002 und 2005: Die Serie von Bombenanschlägen auf Sri Lanka treffen einen Inselstaat, der zu weiten Teilen vom Geschäft mit den Gästen abhängig ist. Tauchurlaube, das Elefantenfestival in Kandy, die Teeplantagen und die quirlige Hauptstadt Colombo sind Ziele, die sich von Europa und Asien gleichermaßen gut erreichen lassen. Nun aber grassiert die Furcht, dass der Aufschwung der Branche schlagartig zu Ende gebombt wurde.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Lange Zeit konnte die einstige Hippie-Insel ihr Potenzial nicht heben, weil der Bürgerkrieg dem Land über knapp 30 Jahre bis 2009 Fesseln anlegte. Damals waren an jeder größeren Straßenkreuzung in der Hauptstadt Befestigungen aus Sandsäcken aufgebaut, schwer bewaffnetes Militär patroullierte durch die Straßen, das massige Hilton-Hotel wurde zur Festung der wenigen ausländischen Geschäftsleute. Der verheerende Tsunami 2004 tat ein übriges, um die Gefahren der – oft illegalen – Strandbebauung aufzuzeigen. Die Erholung brauchte Zeit. Dann aber folgte der Aufschwung: In den vergangenen Jahren fanden die Boutiquehotels entlang der Strände im Süden und rund um die Festungsstadt Galle wieder regen Zuspruch. Die Infrastruktur wuchs, wenn auch unter zweifelhaften Bedingungen. Touristen waren sie egal – die neue Schnellstraße nach Galle half ihnen, und im Restaurantquartier im früheren holländischen Hospital in Colombo ließ sich gut essen.

          Hoffnung auf Tourismus

          Erst vor wenigen Tagen hatten die Behörden beschlossen, für Gäste aus gut 30 Ländern die Visa und ihre Gebühren ab dem 1. Mai für das halbe Jahr der Regenzeit zu streichen und ihnen damit Kosten zwischen 20 und 40 Dollar zu erlassen. Im vergangenen Jahr zählte die Insel mit ihren gut 21 Millionen Menschen rund 2,2 Millionen Touristen – allerdings waren für 2016 schon 2,5 Millionen geplant. Derzeit leben gut 150.000 Menschen direkt vom Geschäft mit den Gästen - etwa als Personal in den fast 3500 Hotels und Unterkünften – weitere rund 200.000 sind davon indirekt abhängig. Hoffnung macht, wie schnell die Erholung nach Katastrophen normalerweise vorangeht: In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Tourismus auf Sri Lanka um durchschnittlich 18 Prozent. Allerdings flacht sich der Anstieg ab: Im ersten Quartal lag er im Jahresvergleich nur noch bei 4,6 Prozent.

          Bild: google earth, F.A.Z.

          Wirtschaftlich braucht Sri Lanka die Gäste, aber auch Investoren. Einige Firmen aus dem Ausland sind seit Jahrzehnten vor Ort – so lässt der weltumspannende Segelmacher North Sails auf der Inseln die meisten Segel für Europa nähen, und auch viele Lederhosen für das Oktoberfest stammen aus einem von Deutschen geführten Betrieb auf der Insel. Der Export wuchs im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent. Das Land verbesserte seinen Rang im Index, der die Schwierigkeiten des Geschäftslebens misst, um 11 Stellen auf den hundertsten Platz. Zum Vergleich: Das benachbarte Indien rangiert auf  Platz 77. Die Armutsrate Sri Lankas fiel von gut 15 Prozent 2006 auf nun offiziell 4,1 Prozent. Doch lastet derzeit eine relativ hohe Teuerungsrate von 5,5 Prozent auf den Menschen.

          Land mit vielen Schwierigkeiten

          Dabei bleibt die Wachstumsrate von nur noch 3,2 Prozent im vergangenen Jahr weit hinter dem Notwendigen zurück und wird in Südasien nur noch von derjenigen Afghanistans unterschritten. Verantwortlich dafür ist auch ein politisches Tauziehen, das tief in die Gesellschaft der Inseln hineinreicht: Der frühere Präsident Mahinda Rajapaksa hatte sein Land in die Verschuldungsfalle Chinas getrieben. Die nächste Regierung unter Ministerpräsident Ranil Wickremesinghe und Präsident Maithripala Sirisena drohte unter der Schuldenlast und den politischen Angriffen der Rajapaksa-Günstlinge zusammenzubrechen. Die Auslandsreserven deckten nur noch drei Monate der Einfuhr ab, die Rupie sank ins Bodenlose. Erst als der Internationale Währungsfonds über weitere Hilfe zu verhandeln begann, setzte eine Bodenbildung ein. „Politische Unsicherheit lastete 2018 auf der Volkswirtschaft und verschärfte sich im letzten Quartal, so dass alle drei großen Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit Sir Lankas herabstuften“, heißt es bei der Asiatischen Entwicklungsbank. Analysten bezeichnen das Land als „fehlerhafte Demokratie“.

          Touristen brauchen die Querelen zwischen den Dynastien des Landes wenig zu stören. Die meisten von ihnen suchen Sonne und Kultur. Mit knapp 400.000 Gästen kamen sie zuletzt vor allem aus Westeuropa. Nach den Anschlägen bieten die großen Veranstalter wie Thomas Cook und TUI kostenlose Stornierungen für geplante Reisen. Die Gäste, die auf der Insel festsitzen, sollten über Nacht ihre Hotels nicht verlassen. Sie werden gewarnt, dass die Fahrt zum Flughafen aufgrund der vielen Kontrollen nun bis zu vier Stunden dauern könne.

          Reisehinweise für Sri Lanka

          Das Auswärtige Amt aktualisierte nach den Attacken seine Reisehinweise und bat Reisende, die Anschlagsorte weiträumig zu meiden, die lokalen Medien zu verfolgen, engen Kontakt zu Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften zu halten und Anweisungen von Sicherheitskräften Folge zu leisten.

          Das Auswärtige Amt hat einen Krisenstab eingerichtet, Angehörige können sich unter 030-50000 melden.

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