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Sprachförderung : Der Schlüssel zum sozialen Aufstieg

„Süß und saftig”: Spracherziehung im Kindergarten Maria Hilf Bild: Florian Sonntag

Das Projekt „Frühstart“ fördert die Sprachentwicklung von Kindern mit Migrationshintergrund. Denn die Grundbedingung für Integration und sozialen Aufstieg ist fast immer eine gute Bildung. Doch die erlangt nur, wer dem Unterricht folgen kann.

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          „Guten Morgen, guten Morgen. Ich winke dir zu, erst ich und dann du.“ Drei kleine Mädchen und vier kleine Jungen sitzen um einen Tisch und singen diesen Refrain. Dazwischen stellt sich immer ein Kind vor. Zum Beispiel Amina: „Guten Morgen, ich heiße Amina.“

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          In der Mitte steht ein Korb mit Äpfeln. Die Erzieherin schneidet einen Apfel in Hälften. „Das Fruchtfleisch ist weiß“, sagt ein Kind. „Und auch gelb, rot und orange“, meint ein anderes. „Und wie schmeckt der Apfel?“, fragt die Erzieherin. „Er schmeckt gut“, antwortet ein Kind. „Kannst du das noch ein wenig genauer beschreiben?“ „Süß und saftig schmeckt er.“

          Sie würden die erste Grundschulklasse nicht bestehen

          Es wird ständig gesprochen in dieser halben Stunde. Meistens in ganzen Sätzen. Und alle Kinder bekommen die Gelegenheit, sich zu beteiligen. Sie besuchen die Kindertagesstätte der katholischen Gemeinde Maria Hilf im Frankfurter Gallusviertel. Etwa zweimal in der Woche kommen sie zusammen, um Sprachunterricht zu erhalten. Die Sprachförderung in den Gruppen reicht für sie nicht aus. Sie würden Deutsch nicht gut genug lernen, um in der ersten Grundschulklasse bestehen zu können.

          Unterrichtet werden sie von Erzieherinnen, die in einer Fortbildung auf diesen Sprachunterricht vorbereitet wurden. Dort haben sie einiges gelernt über die Sprachentwicklung und die Besonderheiten des Zweit- oder Mehrsprachenerwerbs. Außerdem bekamen sie Material für den Unterricht. Die Fortbildung ist Teil des Projekts „Frühstart“ der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung, der Gölkel Stiftung und des hessischen Familienministeriums. Nachdem in einer ersten Modellphase 12 Kindertagesstätten teilnahmen, sind es von 2008 bis 2010 schon 36 Einrichtungen; diese zweite Phase kostet 1,8 Millionen Euro. Profitiert haben bisher rund 1000 Kinder.

          Eine große Kraftanstrengung und ein langer Atem sind gefragt

          Das Konzept von Frühstart fußt zum einen auf der Erkenntnis, dass die Grundbedingung für Integration und sozialen Aufstieg fast immer Bildung ist. Zum anderen trägt es der Tatsache Rechnung, dass eine möglichst frühzeitige Bildung besonders erfolgversprechend ist und dass gute Sprachkenntnisse die Basis sind für Bildungserfolg - in allen Bereichen. Frühstart berücksichtigt noch etwas anderes: dass ohne Eltern nur wenig geht, wie die Leiterin des Kindergartens Maria Hilf sagt. Deshalb werden im Rahmen des Projekts Elternbegleiter ausgebildet. Das können Eltern, Studenten und Rentner sein. Meistens sind sie zweisprachig, und ihre Aufgabe ist es, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Im Kindergarten Maria Hilf planen die Elternbegleiterinnen, ein Elterncafé zu installieren und ein interkulturelles Frühstück anzubieten. Angedacht sind auch Informationsnachmittage, zum Beispiel zum Bildungssystem.

          Nach der ersten Modellphase wurde Frühstart vom Europäischen Forum für Migrationsstudien evaluiert. Sprachschatz, Sprachproduktion und Lautbildung fast aller Kinder hätten sich verbessert, hieß es. Manche Teilnehmer hätten Kinder mit deutscher Muttersprache überholt. Auch im Kindergarten Maria Hilf ist man zufrieden, betont aber, dass die Förderung sozial benachteiligter Kinder, die oft, nicht immer aus Migrantenfamilien stammten, einer großen Kraftanstrengung und eines langen Atems bedürfe.

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