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Sportwetten : Den Buchmachern geht es an die Wäsche

Werbung für bwin - vielleicht bald verboten Bild: AP

Privaten Sportwetten wird jetzt der Garaus gemacht. Denn der Staat will das Geschäft allein für sich. Doch das Internet kann er nicht kontrollieren.

          Der fröhliche Gesang norddeutscher Fußballfans: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ könnte in Kürze von bayerischen Vollzugsbeamten gnadenlos gekontert werden. Dann nämlich, wenn sich die Fußballer von Werder Bremen im südlichen Freistaat mit Trikots zeigen, auf denen für den Wettanbieter „bwin“ geworben wird. „Mit diesen Trikots nicht in Bayern“, droht das bayerische Innenministerium. Nicht den Bayern, den Hanseaten geht es dann an die Wäsche.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Textilfrage ist hoch symbolisch in einem an Absurditäten reichen Spektakel: Es geht um die Zukunft der privaten Sportwetten in Deutschland. Der größte Anbieter mit hierzulande rund 300.000 Kunden ist der österreichische Internet-Buchmacher Betandwin, der sich seit dem 1. August bwin nennt.

          SMS-Werbung untersagt

          Bwin dürfte es eigentlich gar nicht geben, wenn es nach der Rechtsauffassung der Bundesländer geht. Das gleiche gilt für die Werbung der privaten Wettanbieter und die vielen Wettbüros, die wie Pilze aus dem Boden schießen: immer dort, wo gerade ein Bistro, ein Kebab-Grill oder ein Sonnenstudio aufgegeben wird. 2.500 solcher Kleinbetriebe gibt es bereits.

          „Wir haben 100 von 400 Wettbüros geschlossen“, meldet das bayerische Innenministerium und droht: „So geht es weiter.“ Das Landgericht München hat bwin am vergangenen Freitag die SMS-Werbung per Mobiltelefon untersagt. Ordnungsgeld bei Zuwiderhandlung: 250.000 Euro. Am Montag wird Frankfurt den örtlichen Buchmachern Beamte des Ordnungsamts auf den Hals hetzen. „Rien ne va plus“, sagt der Sicherheitsdezernent der Mainmetropole. „Wir werden als Verbrecher hingestellt und mit Drogendealern verglichen“, entrüstet sich bwin-Direktor Marcus Meyer.

          Spielleidenschaft kanalisieren

          Was steckt hinter diesen Aktionen? Der Staat verteidigt sein Glücksspielmonopol. Die Rechtslage allerdings muß jedem Menschen absurd vorkommen, solange er nicht juristisch gebildet ist: Sportwetten sind Glückssache. Und Glücksspiel ist in Deutschland verboten, um Spielsucht zu verhindern. Allerdings betreibt der Staat eine eigene florierende Glücksspielindustrie mit Lotto, Toto, Rennquintett, konzessionierten Spielcasinos - und eben dem Sportwett-Anbieter Oddset.

          Die juristische Begründung für das staatliche Glücksspielmonopol lautet: Weil sich die Spielleidenschaft der Bevölkerung nicht völlig ausmerzen läßt, will der Staat sie wenigstens kanalisieren und bremsen. „Mit diesem Argument kann man Brauereien verstaatlichen, um Trunksucht zu bekämpfen“, lästert der CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag, Joachim Herrmann. Wer sich noch an die Allpräsenz von Oddset bei Sportübertragungen und in Reklameblocks bis in den Frühling hinein erinnert, ahnt: Geworben wurde vermutlich nicht, um Zocker zu demotivieren.

          Zulassung von bwin fußt auf DDR-Lizenz

          Am 28. März machte das Bundesverfassungsgericht dem Treiben ein Ende. Das staatliche Glücksspielmonopol wurde zwar bestätigt, die Werbung den staatlichen Betreibern aber untersagt. Gleichzeitig endete auch die Schonfrist für die privaten Wettanbieter und eben auch für bwin.

          Daß das Unternehmen bwin in Deutschland überhaupt einmal zugelassen wurde, fußt auf einer Skurrilität. Die Österreicher berufen sich auf eine DDR-Lizenz, die sich ein pfiffiger sächsischer Informatiker ein paar Wochen vor dem Zusammenbruch der SED bei einem kommunalen Gewerbeamt sicherte. Dieser gründete damals eine Gesellschaft mit der Rechtsform „eingetragener Kaufmann“, beteiligte den börsennotierten österreichischen Online-Anbieter Betandwin. Der deutsche bwin-Direktor Marcus Meyer gibt sich kämpferischBETANDWINBETANDWIN. „bwin hat seit 16 Jahren eine gültige Lizenz. Sie hat alle juristischen Angriffe überstanden.“

          Hilfe aus Politik und Sport

          Doch damit könnte bald Schluß sein. Seit wenigen Tagen ist die Begründung zu einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bekannt, welches der ebenfalls mit DDR-Lizenz ausgestatteten Firma Sportwetten Gera den Betrieb ihres Büros in Bayern untersagte. Das Regierungspräsidium Chemnitz zieht inzwischen auch die bwin-Lizenz in Zweifel und will sie entziehen. Der bwin-Manager droht vorsorglich: „Wenn uns die Lizenz entzogen wird, dann klagt das Unternehmen auf Schadensersatz. Der Schaden wird auf mindestens eine halbe Milliarde Euro beziffert.“ Die Aktie der bwin in Österreich stürzte binnen weniger Tage in den Keller.

          Juristisch wird es schwer für die privaten Wettunternehmen. Deswegen hoffen sie auf Hilfe aus der Politik und dem Sport. Nicht ohne Erfolg. CSU-Politiker Herrmann setzt sich für ein Modell ein, das auch private Anbieter erlaubt. bwin wirbt für eine Neuregelung mit dem Argument: „Sportwetten im Internet kann man nicht in den Griff bekommen, indem man sie einfach verbietet.“ Schließlich läßt sich der private Zugang über Internet auf die Sportwetten-Seiten schlecht verhindern.

          Trikots ausziehen

          Auf den Fußball kann bwin noch zählen. Der Deutsche Fußball-Bund forderte jetzt eine Liberalisierung des Wettmarktes. "Davon erhofft sich der Fußball in Deutschland zusätzliche Mittel für den Profi- und Breitensport bei gleichzeitiger Forcierung der Suchtprävention", sagt DFB-Mann Wilfried Straub. Dem Sport gehen durch das mit dem Wettverbot einhergehende Werbeverbot Millionen verloren, zumal auch die staatliche Oddset das Werbebudget dramatisch reduzierte.

          bwin hat ein Werbebudget von 54 Millionen Euro, 30 Millionen davon für den Sport. So tragen die Spieler von Amateursportclubs bwin-Trikots für knapp zehn Euro - bis die Polizei kommt. Das passierte jüngst einer Altherren-Mannschaft aus dem bayerischen Starnberg. Für das erste reguläre Heimspiel zum Saisonauftakt wird der Zeugwart von Werder Bremen noch einmal die bwin-Trikots rauslegen und sich auf eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Bremen berufen. Doch fürs erste Auswärtsspiel in Hannover müssen dann andere Leibchen her. Das niedersächsische Innenministerium droht mit Zwangsgeld von 50.000 Euro. Zeugwarte haben es auch nicht leicht.

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