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Spitzengehälter : Top-Manager verlieren ihre Freunde

Der Spitzenverdiener: VW-Chef Martin Winterkorn
          4 Min.

          Martin Winterkorn entspricht so ziemlich dem Ideal von einem guten Manager: vernarrt in das eigene Produkt, durchsetzungsstark, erfolgsfixiert, integer. Mit sturer Akribie treibt der Mann den VW-Konzern an die Weltspitze. Die Aktionäre sind glücklich, die Mitarbeiter auch: Zehntausende Leute hat Winterkorn als VW-Chef neu eingestellt, eine halbe Million Mitarbeiter und ein Dutzend Automarken fügen sich zu einem großartigen Gesamtwerk. Mehr geht nicht: Mehr Gewinn kaum. Mehr Gehalt auch nicht. Das ist sein Problem.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          17,4 Millionen erhält Winterkorn von Volkswagen (darin enthalten sind die 767.000 Euro für den Zweitjob als Chef der Porsche-Holding) – so viel wie keiner in der Dax-Liga vor ihm. Damit kassiert der Schwabe locker das Doppelte von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der es – wie wir hören – dieses Jahr auf acht Millionen Euro bringt. Mit der Banker-Kaste möchte der VW-Chef erst gar nicht in einem Topf landen, schließlich basiere sein Gehalt auf einem „real erwirtschafteten Ergebnis“: echtes Blech, ehrliches Geld also. „Manche Banker haben Boni bekommen, obwohl sie bankrott waren. Das ist bei uns nicht der Fall.“

          Unangemessene Höhe

          Alles richtig, alles wahr. Nur hilft es dem VW-Chef wenig: Das Volk in seiner großen Mehrheit (71 Prozent laut einer aktuellen Umfrage) hält Millionengehälter für Manager selbst dann nicht für gerechtfertigt, wenn die einen satten Profit erwirtschaften. Dieses Jahr sind die Gewinne explodiert, das zahlt sich aus: Arbeiter kassieren Rekordprämien, Aktionäre Rekorddividenden, Top-Manager Rekordboni. 23 der 30 Dax-Konzerne haben bis zum Wochenende ihre Zahlen für 2011 vorgelegt, Ergebnis: Das Gehalt der Vorstände liegt laut einer Towers Watson-Studie 14 Prozent höher als im Vorjahr.

          Nun hat sich der gewöhnliche Spitzenverdiener an Neid von den ärmeren Zeitgenossen gewöhnt, Winterkorns Gehalt jedoch überschreitet eine Grenze: Jetzt meutern die Kapitalisten. Investoren, Aktionärsschützer und Mittelständler empfinden die Stargage als Provokation. Wie der Bonus zustande kam, wird als „nicht nachvollziehbar“ kritisiert: „Mit seinem intransparenten Vergütungssystem ist VW wieder mal ein Beispiel für eine schlechte Unternehmensverfassung“, sagt Hans-Christoph Hirt vom britischen Pensionsfonds Hermes, der seine Milliarden quer durch die Dax-Konzerne verteilt. Die Höhe des Gehalts sei unangemessen, unanständig, obszön, so der einhellige Tenor.

          Kein Mucks zu hören

          „Jenseits der zehn Millionen Euro wird es sozial unverträglich“, urteilt etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) – und eröffnet eine Debatte über fixe Obergrenzen: Bei 10 Millionen Euro Barausschüttung soll demnach Schluss ein. Für den Verband der Familienunternehmer sind fünf Millionen Euro Jahresgage das Äußerste.

          Bloß die üblichen Verdächtigen, in Gestalt der IG Metall, schweigen: Kein Mucks ist von den Gewerkschaftern zu hören, schließlich haben sie als Aufsichtsräte die Spitzengagen abgenickt, froh darüber, für ihre Klientel das Maximum an Gewinnbeteiligung rausgeschlagen zu haben. „Die Vorstände profitieren von der Kumpanei mit den Gewerkschaftern zu Lasten der Eigentümer“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, in der sich klangvolle Namen aus Industrie und Handel versammeln. So ganz geheuer waren Konzernvorstände diesen Kreisen noch nie: Zu vorlaut, zu selbstherrlich sind die angestellten Manager, die mit dem Geld anderer Leute wirtschaften und sich, so das Klischee, im Zweifel die eigenen Taschen füllen.

          „Spätrömischen Dekadenz“

          Mit den 17 Millionen für Winterkorn bricht dieser Gegensatz neu auf: „Solche Gehaltsexzesse zerstören das Sozialgefüge“, zürnt Stiftungspräsident Hennerkes: „Wir sollten nicht die Sitten angelsächsischer Investmentbanker importieren.“

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