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Spitzengehälter : Top-Manager verlieren ihre Freunde

Als völlig unangemessen kritisiert auch Lutz Goebel, Präsident des Verbandes der Familienunternehmer, die 17-Millionen-Gage: „Kein Top-Manager ist das 300- oder 400fache eines einfachen Angestellten wert: Solch hohe Beträge verderben die Sitten und auch die Gehaltsstrukturen.“ Und Michael Adams, ein in Hamburg lehrender Wirtschaftsjurist, sozialistischer Umtriebe unverdächtig, greift in seiner Wutrede auf Winterkorns „obszönes Gehalt“ zum Wort von der „spätrömischen Dekadenz“: „Nur die römischen Senatoren hatten sich ähnlich weit entfernt vom gewöhnlichen Volk. Derart ordinär hohe Gehälter sind ökonomisch nicht erforderlich.“ Für Staatsmänner, die Verantwortung über Krieg und Frieden tragen, sei es schwer erträglich, „dass ein Autoverkäufer das 50-fache von ihnen kassiert“, wettert Adams: „Muss Herr Winterkorn wirklich das 50fache der Bundeskanzlerin verdienen, das 180fache eines Professors oder 15 Mal wo viel, wie ein Nobelpreisträger bekommt?“

Revolutionierende Ideen

Keiner dieser Ur-Marktwirtschaftler zweifelt an Winterkorns herausragender Leistung. Gerade weil sie ihm keine Gier unterstellen, glauben sie, dass er für weniger Geld nicht weniger tüchtig wäre: „Herr Winterkorn würde sicher auch für ein Drittel arbeiten“, vermutet Goebel, Präsident der Familienunternehmer. Dahinter steckt der Verdacht, dass die Spitzenlöhne in den Konzernen weniger mit Angebot und Nachfrage zu tun haben als mit dem Versagen oder zumindest der Freigebigkeit von Aufsichtsräten: „Fünf Millionen Euro sind eine vernünftige Grenze, dafür kriegt man alle guten Leute“, sagt Goebel. Wenigstens sollten für Großzügigkeiten jenseits der fünf Millionen die Eigner, also die Hauptversammlung, gefragt werden, fordert Professor Adams.

An astronomischen Gagen für ein Fußballgenie wie Lionel Messi stört sich niemand, auch gegen die Hunderte Millionen für einen Steve Jobs, der mit seinen Ideen die Welt revolutioniert hat, ist aus Sicht der Wütenden nichts einzuwenden. Der Protest richtet sich gegen angestellte Manager, deren Leistung darin besteht, einen vorgefundenen Apparat in neue Höhen zu führen – ohne eigenen Kapitaleinsatz, mit dem einzigen persönlichen Risiko, gefeuert zu werden: „Selbst dagegen sind die Vorstände in den Dax-Konzernen abgesichert durch üppige Abfindungen und üppig bemessene Renten“, giftet Stiftungspräsident Hennerkes. Den familiengeführten Zulieferern treibt es die Zornesröte ins Gesicht, wenn die Autoindustrie Rekordgehälter und Rekordprämien verkündet und gleichzeitig die Lieferanten zu Tiefstpreisen zwingt.

Die Politik hat diverse Versuche unternommen, die Managergehälter zu zügeln: Seit einigen Jahren müssen die Dax-Konzerne das Gehalt ihrer Topleute einzeln ausweisen (was eher zu einer Nivellierung nach oben geführt hat), ein 2009 erlassenes Gesetz verordnet zudem eine „angemessene“ Bezahlung (ohne dies in Zahlen zu fassen). Auch sollte die Belohnung kurzfristige Anreize vermeiden – zumindest gegen diesen Geist verstoße Winterkorns Salär, urteilt der Corporate-Governance-Experte Christian Strenger. Ihn stört, dass an den VW-Chef zu viel in bar ausgeschüttet wird und weniger als 30 Prozent längerfristig vergütet werden. „Diese Verteilung war sicher nicht die Vorstellung des Gesetzgebers.“

Die Mittelständler schließlich treibt in ihrer Managerkritik ein ganz eigennütziges Motiv: Kocht die Neiddebatte hoch, schlägt das womöglich auf sie zurück, wenn die Politik sich dadurch motiviert sieht, bei der Steuer kräftiger zuzulangen: „Wenn unmäßige Manager-Gehälter zu einem höheren Spitzensteuersatz führen“, sagt Lutz Goebel, „dann trifft das Familieunternehmer und schadet der gesamten Wirtschaft.“

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