https://www.faz.net/-gqe-9wj6m

Datenschützer sehen Verstöße : Spitzel-Affäre bringt H&M-Chefin ins Schwimmen

Bild: H und M

In der Nürnberger Kundenzentrale des schwedischen Modeunternehmens H&M wurden systematisch Mitarbeiter ausspioniert. Während Datenschützer schwere Verstöße sehen, gibt sich die neue Vorstandsvorsitzende Helena Helmersson unwissend.

          3 Min.

          Die Affäre ums Bespitzeln von Mitarbeitern in der Nürnberger Kundenzentrale des Modeunternehmens H&M weitet sich aus und erreicht jetzt die Konzernspitze in Schweden. Nicht nur, dass es neue Vorwürfe gibt, wie der im Oktober aufgrund eines F.A.Z.-Berichts bekannt gewordene Fall intern vom regionalen Management aufgeklärt wird. Vielmehr fällt die gerade erst ernannte Vorstandsvorsitzende der gesamten H&M-Gruppe, Helena Helmersson, in einem Interview mit dem schwedischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender SVT mit ausweichenden Aussagen auf. Sie gibt sich darin zudem unwissend. Sie kenne nicht alle Details, antwortet sie auf eine Frage, ob höchstpersönliche Informationen zu Mitarbeitern überhaupt gesammelt werden sollten. Zuvor war Helmersson im Unternehmen unter anderem auch für den Bereich soziale Verantwortung zuständig.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der F.A.Z. liegt die gesamte Aufzeichnung des Gesprächs des Senders SVT mit ihr vor. Die zentrale Frage ist: Sieht H&M es nur als falsch an, dass die hochsensiblen Daten durch ein internes Versehen an einen breiten Mitarbeiterkreis durchsickerten? Oder sieht man es auch als Fehler, dass das Unternehmen die Daten überhaupt erhob? Hier fällt die ausweichende Reaktion des schwedischen Konzerns auf – einschließlich seiner neuen Vorstandschefin. Wiederholt befragte der SVT-Reporter Helmersson danach.

          „Selbstverständlich sollen wir aber alle Regeln befolgen“

          „Das war wirklich unglücklich“, sagt sie nach der ersten entsprechenden Frage. „Im Moment führen wir einen Dialog mit den Behörden, die wir so schnell wie möglich informiert haben.“ Als der Journalist unterbricht und die Frage wiederholt, sagt Helmersson: „Besprechen Sie das bitte mit anderen. Ich kenne nicht alle Details.“

          Karl-Johan Persson und Helena Helmersson
          Karl-Johan Persson und Helena Helmersson : Bild: AFP

          Auf die Frage, ob nach Helmerssons Meinung solche Personalakten mit Daten über Krankheiten, Menstruationszyklen und anderem angelegt werden sollten, sagt sie: „Ich finde es sehr schwierig, die Sache an sich zu diskutieren. Selbstverständlich sollen wir aber alle Regeln befolgen, damit die Kunden und unsere Angestellten das Gefühl haben, dass wir Daten sicher handhaben.“

          „Klima der Angst“ im Nürnberger Kundenzentrum

          Der schwedische Journalist hat nach eigenen Worten mit einer Dame gesprochen, die lange in der Hauptverwaltung gearbeitet habe. Ihre Akte habe 40 bis 50 Seiten umfasst und Daten enthalten wie Schwangerschaften oder Familienberatung. Helmersson wurde Ende Januar mit sofortiger Wirkung zur neuen Vorstandsvorsitzenden ernannt. Ihr Vorgänger Karl-Johan Persson, der das Unternehmen zehn Jahre lang führte, wechselt in den Aufsichtsrat. Er ist der Enkel des H&M-Gründers.

          Eine Sprecherin der deutschen H&M-Gesellschaft geht weiterhin auf Bitten um ein Gespräch nicht ein, sie antwortet stets nur schriftlich. „Da sich der Vorfall nach wie vor in juristischer Prüfung befindet, bitten wir Sie um Verständnis, dass wir uns zum aktuellen Zeitpunkt nicht weiter äußern können“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Der Vorfall sei ein Einzelfall, man nehme ihn sehr ernst und bedaure, dass „Kolleg*innen“ betroffen seien. Direkte Fragen an Helmersson wurden abgelehnt.

          Aus Mitarbeiterkreisen des betroffenen Nürnberger Kundenzentrums, welches das Online-Geschäft und die Telefonbestellungen für Deutschland und Österreich steuert, ist zu erfahren, dass die versprochene umfängliche Aufklärung der Vorkommnisse kaum stattfinde. So herrsche weiterhin ein „Klima der Angst“. Viele zögerten mit einem Auskunftsbegehren an die Zentrumsführung, was über sie an Daten gesammelt wurde, weil dadurch berufliche Nachteile befürchtet würden. Die Behandlung des Falls durch das Management verlaufe „völlig undurchsichtig“. In der Nürnberger Dependance sind etwa 600 Mitarbeiter beschäftigt.

          Beispiellose Ausforschung ohne vergleichbares Beispiel 

          Erstmals hatte die F.A.Z. über die Vorfälle berichtet (26. und 30. Oktober). Ende Januar hatte die zuständige Datenschutzbehörde in Hamburg nach eigenen Prüfungen ein Bußgeldverfahren gegen H&M eingeleitet. Der Verdacht massiver Verstöße gegen Datenschutzrechte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe sich erhärtet, ließ der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Johannes Caspar, wissen.

          Die Daten enthielten „detaillierte und systematische Aufzeichnungen von Vorgesetzten über ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Es handelt sich dabei auch um Gesundheitsdaten der Betroffenen, von der Blasenschwäche bis zur Krebserkrankung, sowie um Daten von Personen aus deren sozialen Umfeld wie etwa familiäre Streitigkeiten, Todesfälle oder Urlaubserlebnisse.“ Die Hamburger Datenschutzbehörde ist zuständig, weil die Deutschlandzentrale des schwedischen Modekonzerns in Hamburg ihren Sitz hat.

          Einen derart gravierenden Verstoß haben die Datenschützer nach ihrem Bekunden lange nicht mehr gesehen. Das qualitative und quantitative Ausmaß der für die gesamte Leitungsebene des Unternehmens zugänglichen Mitarbeiterdaten zeige eine umfassende Ausforschung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den letzten Jahren ohne vergleichbares Beispiel sei, befand Caspar. Es gehe jetzt darum, den konkreten Verdacht auf schwerwiegende Verstöße gegen Datenschutzbestimmungen zu verfolgen und die Rechte und Freiheiten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schützen.

          Die Datenspeicherung war aufgeflogen, als Mitarbeiter des Kundencenters beim Durchstöbern interner Dateien im IT-System zufällig offen zugängliche Ordner mit brisantem Material entdeckten. Aufgelistet in den digitalen Akten waren nach Informationen der F.A.Z. nicht nur allgemeine Angaben über einzelne Angestellte am Standort, sondern eben auch private Details – zur Lebenssituation der Person und zu Vorkommnissen im Privaten. Zum Beispiel, ob sich jemand scheiden lassen will, zu Hause Ehekrach hat oder eben an einer bestimmten Krankheit leidet. Gespeist und dann protokolliert worden sein sollen die Berichte aus persönlichen Gesprächen der betroffenen Mitarbeiter entweder mit Teamleitern und anderen Vorgesetzten – aber auch aus Plauderrunden in den Büroräumen oder während Raucherpausen.

          Redaktionelle Mitarbeit: Sebastian Balzter

          Weitere Themen

          Siemens Energy mit verhaltenem Börsen-Debüt Video-Seite öffnen

          Fokus nötig : Siemens Energy mit verhaltenem Börsen-Debüt

          Die Siemens AG konzentriert sich nach der Abspaltung der Energie-Sparte mit den verbleibenden 240.000 Mitarbeitern auf ihre margenstarken Geschäfte mit der Automatisierung von Anlagen und ganzen Fabriken, auf digitale Gebäudetechnik und auf Züge. Der erste Aktienkurs von Siemens Energy wurde am Montag mit 22,01 Euro festgestellt.

          Topmeldungen

          Steuern des Präsidenten : Wie viel Geld hat Trump noch?

          Donald Trump soll in den vergangenen Jahren kaum Steuern gezahlt haben. Finanziell gehe es ihm nicht gut, heißt es in einem Medienbericht. Er habe Hunderte Millionen Dollar Schulden – und es könnten noch mehr werden.
          Aserbaidschanische Soldaten schießen auf die Kontaktlinie der selbsternannten Republik Nagornyj Karabach – Aufnahme aus Filmmaterial, das das aserbaidschanische Verteidigungsministerium am Sonntag veröffentlicht hat

          Konflikt um Nagornyj Karabach : Jeder feiert seine Erfolge

          Bei den neu entflammten Kämpfen in Nagornyj Karabach ist die Propaganda ein wichtiges Mittel. Doch die Parteien erhalten auch international Hilfe – aus Russland und der Türkei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.