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Corona-Lockerungen : Spielverderber gesucht

Gute Reise: Urlauber im Flughafen Dusseldorf Bild: Henning Kaiser/dpa

Deutschland macht mit seinen Lockerungen denselben Fehler wie vor einem Jahr. Das kann sich rächen – auch für die Wirtschaft.

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          Keine Kontrolle eines Coronatests, keine Frage nach einem Impfnachweis, kein Fiebermessen am Terminal: Wer derzeit zum Beispiel nach Italien fliegt, bekommt das Gefühl vermittelt, dass die Pandemie vorüber ist. Das freut Urlauber, Fluggesellschaften und mutierte Co­r­onaviren. Letztere können sich so in Windeseile über Landesgrenzen hinweg ausbreiten und dem munteren Treiben schon bald ein Ende setzen - so wie im vergangenen Jahr. Offenbar sind Politik und Bürger zu vergesslich, um die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal zu begehen. Auch damals schien die Pandemie fast überwunden, bevor im Herbst Geschäfte schließen und Krankenhäuser Intensivstationen erweitern mussten.

          Richtig ist, dass die Voraussetzungen für die Gesundheit und die Wirtschaft dieses Mal günstiger sind. In vielen Ländern sinken die Inzidenzen, während die Impfquoten steigen. Auch Coronatests sind heute an jeder Ecke zu haben. Darum wäre es auch falsch, angesichts der sogenannten Delta-Variante eine neue Diskussion über flächendeckende Lockdowns loszubrechen. Im Biergarten, in Geschäften mit Maske und Abstand oder getestet im Büro sind die Ansteckungsrisiken überschaubar. Es hilft der Wirtschaft und der Stimmung, wenn es an diesen Orten so wenige Einschränkungen wie nö­tig gibt. Fahrlässig aber wäre es, die einfachen Hygieneregeln über Bord zu werfen und auch in Innenräumen zur Normalität überzugehen - und zwar sowohl, was die offiziellen Regelungen angeht als auch das eigene Verhalten. Das gilt auch für vollständig Geimpfte. Denn Delta-Viren können offenbar auch von ihnen weitergetragen werden. Eine Maske aufzuziehen oder Abstand zu halten ist das kleinere Übel, als in den nächsten Lockdown zu laufen.

          Völlig unverständlich ist, warum Ur­lauber, egal mit welchem Verkehrsmittel sie unterwegs sind, nicht engmaschiger kontrolliert werden. Im vergangenen Sommer haben laut Gesundheitsministerium Reiserückkehrer vor allem vom Balkan die Coronawelle mit angeschoben. Sehenden Auges wird diese Gefahr nun wieder in Kauf genommen, weil kurz vor der Bundestagswahl niemand den Spielverderber geben möchte.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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