https://www.faz.net/-gqe-tluq

Spieltheorie : Hollywood zu Gast im Hörsaal

  • -Aktualisiert am

John Nash wird im Film „A Beautiful Mind” von Russel Crowe dargestellt Bild: picture-alliance / dpa

Exzellente Forscher, vor allem wenn sie zu mehreren Auftreten, sind eine Garantie für öffentliches Interesse. So auch beim Aufeinandertreffen der Nobelpreisträger John Nash, auch bekannt durch den Film „A beautiful Mind“, Reinhard Selten und dem Leibnizpreisträger Axel Ockenfels.

          3 Min.

          Ein kleines Schild auf dem Gang vor dem Veranstaltungsraum drückt aus, wie groß das öffentliche Interesse ist: „Aula wegen Überfüllung geschlossen“. Die internationale Prominenz der Wirtschaftsforschung ist an diesem Donnerstag abend zu Gast an der Kölner Universität.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Bei ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt in Deutschland stellen sich die Nobelpreisträger John Nash und Reinhard Selten, den Fragen von Professoren, Studenten und Ottonormalverbrauchern. Die 1100 Stühle des Saales voll besetzt, auf den Stehplätzen der Empore Menschen dicht an dicht, Schlangen vor den Türen, die es nicht mehr hinein geschafft haben. Der Veranstalter, Leibnizpreisträger Professor Axel Ockenfels, drückt seine Freude aus, über das große Interesse an dem „Symposium Spieltheorie und Experimentelle Wirtschaftsforschung“.

          Im Schweinsgalopp streift das Gespräch die verschiedensten Gebiete des Wissenschaftszweigs. Im Zentrum die Aussage Seltens: „Der Mensch ist nicht rational.“ Der klassischen Wirtschaftsforschung, die auf dem Bild des Homo Oeconomicus aufbaut, mangele es damit an einem entscheidenden Faktor: „An der Frage, was im menschlichen Gehirn passiert, wenn wir ökonomische Entscheidungen treffen.“

          John Nash, der Nobelpreisträger im Original
          John Nash, der Nobelpreisträger im Original : Bild: ddp

          Die richtige Ecke des Fußballtors

          Um das zu erforschen, hat sich das Trio Nash, Selten, Ockenfels in Köln getroffen. Seit Ockenfels sein Laboratium für Experimentelle Wirtschaftsforschung eingerichtet hat, ist die Uni ein kleines El Dorado auf diesem Gebiet. Hier läßt der junge Professor seine Versuchspersonen in Computerkabinen mit fiktiven Aktien handeln, auf Tauschmärkten Geschäfte abschließen oder imaginäre Güter ersteigern - nicht ohne hinterher, je nach Erfolg der „Spieler“ echtes Geld als Gewinn auszuzahlen.

          „Spieltheorie - das ist zum Beispiel die strategische Entscheidung des Fußballspielers beim Elfmeterschießen“, erklärt Nash dem Publikum. „Es gibt die Strategie in die eine Ecke zu schießen, die Strategie in die andere Ecke zu schießen, oder die, geradeaus zu schießen. Aber der Spieler muß die Überlegungen des Torwarts mitbedenken, denn der soll schließlich bestenfalls in die genau falsche Ecke springen.“

          Eine rein wissenschaftliche Veranstaltung

          Seit dem Hollywoodstreifen „A Beautiful Mind“ ist der Wissenschaftler zum Starökonom avanciert, auch außerhalb der Forscherwelt. In der wohl bekanntesten Szene entwickelt Nash alias Russell Crowe sein spieltheoretisches Gleichgewicht als er mit Freunden in einer Kneipe versucht, einer Blondine schöne Augen zu machen - freilich ist das frei erfunden. Der echte John Nash spricht nur ungern über den Kinohit. Sein Leben auf der Leinwand zu sehen, hätte ihm besser gefallen, wäre es nicht sein eigenes Leben gewesen, hat der Nobelpreisträger kürzlich in einem Interview gesagt.

          Und so sollte das Symposium in Köln nach Aussage von Ockenfels eine rein wissenschaftliche Veranstaltung werden. Ein akademisches Problem wollte man beackern - das Zusammenspiel von Theorie und Experiment und den Gegensatz zwischen dem perfekt strategischen Menschen und dem tatsächlich handelnden Spieler.

          Das wichtigste ökonomische Problem

          Das Publikum ist indes vor allem daran interessiert, ob Russel Crowe den „echten“ John Nash wirklichkeitsgetreu gespielt habe, ob der Starökonom einem VWLer raten würde, mehr Mathematik zu büffeln oder ob die Forscher die Spieltheorie auf Probleme in ihrem Privatleben anwenden. Betretenes Schweigen von Nash.

          Auf die Frage, was das wichtigste, mit experimenteller Wirtschaftsforschung lösbare Problem unserer Zeit sei, führt Nash aus: „Das vielleicht wichtigste aktuelle Problem ist der Klimawandel“ - mit experimenteller Ökonomie könne man diesem Phänomen aber leider nicht beikommen. Ockenfels widerspricht: Das Marktdesign von Emissionshandelssystemen könne durch Experimente verbessert werden. So könne die Wirtschaftsforschung immerhin dazu beitragen, daß der Klimaschutz vielleicht billiger wird. Fast kommt eine Diskussion auf. „Professor Nash, auf welche ihrer Forschungsleistungen sind Sie heute am meisten stolz?“, fragt daraufhin eine Studentin. Der Professor gibt sich höflich und bescheiden. Von Emissionshandel ist dann keine Rede mehr.

          Kleine Präsente

          Punktuell führt Selten aus, daß man seiner Meinung nach den Niedriglohnsektor subventionieren sollte, um den deutschen Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen. Studenten freuen sich, als Nash bekundet „Das Glasperlenspiel“ sei ein exzellenter Roman. Die Frage, was von neuroökonomischen Experimenten zu halten sei, die Blutströme im menschlichen Gehirn messen, während ein Individuum Entscheidungen trifft, mündet in einer kurzen Diskussion über überteuerte Computertomographen.

          Was der eigentliche Forschungsgegenstand war, den das exzellente Trio bei seinem Zusammentreffen in Köln beackerte, fragt niemand. Die Wissenschaftler thematisieren ihn auch nicht. Nach etwas mehr als einer Stunde bedankt sich Ockenfels mit kleinen Präsenten bei seinen Stargästen. Ein paar Kameras blitzen, die Türsteher stehen stramm, den roten Teppich hatte wohl irgendwer zu Hause vergessen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.
          Der erste Streich: Gnabry nimmt Maß und trifft.

          8:0 gegen Schalke : Die Acht-Tore-Ansage

          Der FC Bayern demonstriert zum Saisonauftakt der Bundesliga seine Überlegenheit und demontiert den FC Schalke nach allen Regeln der Fußball-Kunst. Serge Gnabry trifft beim 8:0 drei Mal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.