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Spielemesse Gamescom : Hersteller setzen auf kostenpflichtige Zusatzinhalte

Immer mehr Menschen kaufen digitale Zusatzinhalte und geben dafür im Schnitt auch immer mehr Geld aus. Bild: dapd

An diesem Mittwoch beginnt in Köln die Spielemesse Gamescom. Die Branche wird dabei vor allem über einen Trend diskutieren: Immer mehr kostenlose Spiele, die trotzdem Gewinn bringen.

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          Es war eine Meldung, die viel über den Wandel aussagt, der sich gerade in der Computerspieleindustrie abzeichnet. Ende Juli teilte der Spielehersteller Electronic Arts mit, dass sein preisgekröntes Spiel „Star Wars - The Old Republic“ aus der Krieg-der-Sterne-Reihe vom Herbst an zumindest in Teilen für alle Interessierten kostenlos spielbar sein wird; bisher war das Spiel nur gegen Bezahlung einer Gebühr zugänglich. „Das ausschließlich auf Abonnements basierende Konzept war für viele Leute ein großes Hindernis“, ließ sich Matthew Bromberg, Geschäftsführer der Electronic-Arts-Marke Bioware zitieren.

          Das bisherige Konzept schlug sich auch in den Nutzerzahlen nieder: Bis Anfang Februar hatte Electronic Arts nach eigenen Angaben das Spiel zwei Millionen Mal verkauft, zählte 1,7 Millionen aktive Abonnenten. Allerdings tauchten seitdem immer weniger Spieler per Abo in die Welt der Jedi-Ritter ein. Die Zahl der Abos sei unter die Millionenmarke gesunken, liege aber noch immer über der für ein positives Ergebnis nötigen Schwelle von 500 000 Spielern, sagte Frank Gibeau in der vorvergangenen Woche vor Analysten.

          Umbruch im Spielemarkt

          Der Wandel zum „Free To Play“ - er wird auch auf der an diesem Mittwoch in Köln beginnenden Spielemesse Gamescom eine große Rolle spielen. Schon im Vorfeld der nach eigenen Angaben weltgrößten Veranstaltung für interaktive Spiele hatte deren ideeller Träger, der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), anhand von aktuell hochgerechneten Geschäftszahlen belegt, dass sich die Branche wandelt. Demnach wuchs der Umsatz mit virtuellen Zusatzinhalten, das sogenannte Items-Selling, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres hierzulande auf 145 Millionen Euro - eine Steigerung um rund 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Item-Selling, also etwa der Kauf von zusätzlichen Ausrüstungsgegenständen in Spielen, verwenden Spielehersteller häufig als Geschäftsmodell, wenn sie ihre Spiele kostenfrei oder gegen eine geringe Nutzungsgebühr anbieten. Im Gegensatz dazu sank der Umsatz mit Spiele-Abos für Online- oder Browsergames im ersten Halbjahr um 8 Prozent auf 84 Millionen Euro.

          Auch der Branchenverband Bitkom bestätigt den Umbruch im Gaming-Markt: Zwar werde immer mehr gespielt, sagte das Bitkom-Präsidiumsmitglied Ralph Haupter am Montag. „Andererseits verlagert sich die Nachfrage mit hohem Tempo vom traditionellen Handel ins Internet, aus der Offline- in die Onlinewelt, vom stationären Bildschirm zum mobilen Handy.“

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          “Der Umsatzanteil von virtuellen Zusatzinhalten wächst kontinuierlich und äußerst dynamisch. Das Geschäftsmodell Item-Selling ist eine echte Innovationsgeschichte“, urteilt Maximilian Schenk, der Geschäftsführer des Branchenverbands BIU, anlässlich der Veröffentlichungen der Marktzahlen. „Das ist ein Trend, den wir auf der Messe seit etwa drei Jahren beobachten“, sagt auch Tim Endres, der für die Gamescom verantwortliche Projektleiter vom Veranstalter der Koelnmesse GmbH. Die Mischung aus kostenfreien Spielen und kostenpflichtigen Zusatzangeboten finde sowohl bei Spieleanbietern aus Deutschland als auch aus dem Ausland immer mehr Anklang.

          Zahl der Spieler geht in die Millionen

          Dabei belegen die Zahlen des BIU nicht nur, dass immer mehr Menschen Zusatzinhalte kaufen, sondern dabei auch immer mehr ausgeben. Zwischen 2010 und 2011 stieg der Umsatz je Person von 43 Euro auf 63,50 Euro. Für Hersteller wie das französische Spielehaus Ubisoft sind die Free-To-Play-Titel daher schon länger Kern der Strategie und werden immer mehr zu Umsatzträgern. So spielen schon mehr als 1,5 Millionen Spieler per Browser „Die Siedler Online“. „Wir prognostizieren, dass das Spiel für Ubisoft in vier Jahren ertragreicher sein wird, als es die Siedler PC-Titel in den vergangenen neun Jahren waren“, sagt Stephanie Perotti, bei Ubisoft zuständig für den Online-Bereich.

          Trotz allem machen die Spielehersteller in Deutschland den Löwenanteil ihres Geschäfts weiter auf dem angestammten Feld, nämlich dem Verkauf von Spielen auf Datenträgern oder per Download (siehe Grafiken). Im ersten Halbjahr dieses Jahres setzte die Branche nach Angaben des BIU damit 616 Millionen Euro um - ein Minus von 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Vertrieb per Download hat dabei schon im vergangenen Jahr leicht angezogen und überschritt damals mit 27 Prozent zum ersten Mal die Marke von einem Viertel. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden nun schon 42 Prozent der Spiele digital vertrieben.

          Mehr Zusatzinhalte, mehr Downloads und mehr Spieler - das sollte im Vorfeld der Gamescom eigentlich für gute Laune bei der Spieleindustrie sorgen. Und dennoch setzt sich ein Problem fort, das die Wirtschaft ebenfalls schon länger beschäftigt. Die Margen sinken: Obwohl etwa 2011 mit 72 Millionen Einheiten so viele Spiele wie noch nie zuvor abgesetzt wurden, sank der Umsatz weiter. Besonders stark wirkte der Preisverfall auf mobilen Endgeräten, wo die Preise um 6 Prozent sanken. Aber auch die Konsolenspiele litten unter zurückgehenden Preisen im Umfang von 4 Prozent.

          Somit wird wohl in diesem Jahr der Branche ein Gesamtumsatzrückgang nicht erspart bleiben. Der Bitkom prognostiziert am Montag für die Spieleindustrie einen Umsatzrückgang um 3,7 Prozent auf insgesamt 2,5 Milliarden Euro. Der BIU konnte dagegen für das erste Halbjahr noch ein Wachstum um 1 Prozent vermelden. Wie dieses Spiel am Ende tatsächlich ausgeht, wird sich allerdings erst nach dem Weihnachtsgeschäft zeigen.

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