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Verkehrspolitik : Forscher fordern Testläufe für das Tempolimit

Auf 70 Prozent der Autobahnen in Deutschland gibt es kein Tempolimit. Bild: dpa

SPD und Grüne sind für das Tempolimit. Eine Studie kommt zu dem Schluss: Das würde Leben retten. Doch die Datenlage ist dürftig. Forscher schlagen vor, einzelne Autobahnabschnitte in „Reallabore“ zu verwandeln.

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          Auf rund 70 Prozent der Autobahnstrecken in Deutschland gilt kein Tempolimit. Anders als in fast allen anderen Ländern der Welt gilt dort das aus der Wirtschaftswunderzeit stammende Motto „freie Fahrt für freie Bürger“. Doch schon bald könnte damit Schluss sein. Die Mehrheit der Deutschen ist aktuellen Umfragen zufolge für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern. SPD und Grüne haben im Wahlkampf dafür geworben. Sollten diese Parteien mit der FDP koalieren und sich die Liberalen nicht für den Status quo verkämpfen, würde die Ampel buchstäblich auf rot springen.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Über die Vor- und Nachteile des Tempolimits wird emotional gestritten. Gegner und Befürworter argumentieren mit unterschiedlichen Daten, die oft nicht besonders aussagekräftig sind. Gegner des Limits verweisen etwa darauf, dass es in Deutschland weniger Verkehrstote je gefahrenem Autobahnkilometer gibt als in Italien und Belgien. Sie sehen das als Beleg dafür, dass das Tempolimit die Verkehrssicherheit nicht erhöht.

          Verkehrsforscher wenden jedoch ein, dass in solchen Statistiken viele wichtige Faktoren ausgeblendet würden – zum Beispiel in welchem Zustand und wie gefährlich die Straßen sind. Befürworter des Limits stützen sich dagegen zum Teil auf Tempolimit-Experimente in Deutschland, die allerdings schon 45 Jahre alt sind.

          Menschenleben retten, Klima schonen

          Die Ökonomen Stefan Bauernschuster (Universität Passau) und Christian Traxler (Hertie School Berlin) versuchen nun in der „polarisierten und überwiegend ideologisch geprägten Debatte“ mit einer neuen Studie einen „sachlichen Überblick“ zu geben. Ihr Fazit: „Vieles spricht dafür, dass der Nutzen eines Tempolimits die möglichen Kosten übersteigt.“

          Den Forschern zufolge würde ein Tempolimit Jahr für Jahr viele Menschenleben retten und zudem das Klima schonen. Im Jahr 2019 wurden noch mehr als 32.000 Menschen auf deutschen Autobahnen getötet oder verletzt. Auf den Autobahnabschnitten, die auf Tempo 130 gedrosselt werden, würde die Zahl der Toten wegen etwas geringerer Durchschnittsgeschwindigkeiten um 15 bis 47 Prozent sinken, prognostizieren die Wissenschaftler auf Grundlage von Modellberechnungen.

          Die Zahl der Schwerverletzten würde demnach auf den Autobahnabschnitten um bis zu ein Drittel reduziert. Auch die positiven Folgen für das Klima sind den Forschern zufolge nennenswert. Durch ein generelles Tempolimit auf Autobahnen würde so viel Treibhausgas eingespart wie durch „eine Reduktion des Pkw-Verkehrs in Städten um 13 Prozent“, schreiben die Forscher.

          Dem gegenüber steht der mögliche Zeitverlust für Autofahrer. In einer früheren Studie wurde dieser auf etwa 16 Sekunden je 10 Kilometer Autobahnstrecke beziffert. Die Forscher geben zu bedenken, dass weniger Unfälle auch zu weniger Staus führen würden, was die Zeitverluste „deutlich schmälern“ könnte.

          Die Wissenschaftler schrecken allerdings davor zurück, ihre Ergebnisse in Euro und Cent umzurechnen und eine belastbare Kosten-Nutzen-Analyse zu liefern. „Die Datenlage ist dürftig und kausale Evidenz ist rar“, schränken sie ein. Sie bemängeln, dass es keine Testläufe für das Tempolimit gibt. Nichts spreche dagegen, einzelne Autobahnabschnitte in „Reallabore“ zu verwandeln, schlussfolgern sie.

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