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SPD : Steinbrücks Geld

Peer Steinbrück Bild: dpa

Mit den Großverdienern in den eigenen Reihen hatte die deutsche Linke schon immer ein Problem. Sein Kontostand habe nichts mit seinen politischen Zielen zu tun, verteidigt sich Peer Steinbrück. Doch mit dem Moralisieren wird es für ihn schwierig.

          Mit den Großverdienern in den eigenen Reihen hatte die deutsche Linke schon immer ein Problem. Als der deutsche Soziologe Robert Michels, damals noch ein Sozialdemokrat, vor rund hundert Jahren einen Parteitag der italienischen Sozialisten im traditionsreichen Opernhaus von Bologna besuchte, staunte er über all die erfolgreichen Professoren und Freiberufler, Rechtsanwälte und Ökonomen. „In die Prachträume des Teatro Comunale, eine der herrlichsten Schöpfungen Bibbienas, in welchem der Kongress tagte, wagte sich diese Spezies des spirito proletario autentico in Reinkultur nicht hinein“, giftete er in einem Aufsatz über „Proletariat und Bourgeoisie“.

          Jetzt hat dieses alte Thema, wer hätte es gedacht, die deutsche Sozialdemokratie ein Jahrhundert später wieder eingeholt. Dem Mann, den sie heute so lustlos wie einmütig zum Kanzlerkandidaten wählen will, geht der von Michels angemahnte „authentisch proletarische Geist“ vollständig ab. Bei Auftritten erklärt Peer Steinbrück ungefragt, dass er Wein für fünf Euro pro Flasche als Billigfusel verabscheut - was ein Spitzenpolitiker in Frankreich oder Italien wohl gar nicht erst betonen müsste.

          „Was, bitte schön, hat mein Kontostand mit meinem Willen zu tun, anderen Menschen einen fairen Lohn zu verschaffen?“

          Vor allem sind da seine Honorare. „Was, bitte schön, hat mein Kontostand mit meinem Willen zu tun, anderen Menschen einen fairen Lohn zu verschaffen?“, hat er nun zu seiner Verteidigung in einem Interview gefragt.

          Die Frage ist interessant, weil sie den Kern des sozialdemokratischen Selbstverständnisses und der politischen Ökonomie berührt. Ein Marxist alter Schule hätte vermutlich geantwortet: rein gar nichts. Über die Verteilung finanzieller Ressourcen entscheiden im Kapitalismus die Gesetze des Marktes, mit individueller Moral oder wohltätigen Spenden ist da nichts auszurichten. Heute lautet das Argument in abgemilderter Form: Steinbrück will ja laut SPD-Beschluss den Leuten nicht das Geldverdienen verbieten, sondern ihre Einkünfte lediglich etwas höher besteuern, wenn auch nicht ganz so hoch wie unter Helmut Kohl. Anders formuliert: Steinbrück arbeitet daran, dass auch er an den Staat mehr abführen muss - schließlich hat er auch bisher seine Honorare brav beim Finanzamt angemeldet.

          Schwierig wird es, wenn Steinbrück selbst mit dem Moralisieren beginnt. Von „denen oben“, klagte er im selben Interview, leisteten sich einige „einen schnöden Individualismus“. Soll das wirklich nur bedeuten, dass sie egoistischerweise die FDP wählen und nicht vernunftgemäß Steinbrücks Sozialdemokratie? Was sonst, bitte schön, hat das Einkommen von „denen oben“ mit deren Willen zu tun, anderen Menschen einen fairen Lohn zu verschaffen? Oder heißt es eben doch: Sie sollen freiwillig auf Einkommen verzichten, vor allem dann, wenn sie für dessen Erwerb öffentliche Ämter vernachlässigen? Dann zielte Steinbrück mit dem Satz auf sich selbst.

          Das gilt erst recht, wenn man versucht, den Erfolg auf dem Markt mit persönlicher Leistung zu kontrastieren. Er verstehe, sagt der Kandidat, wenn sich eine alleinerziehende Mutter mit einem Monatseinkommen von 1000 Euro netto über seine Honorare wundere: Donnerwetter, 25.000 Euro für zwei Stunden Arbeit! Das denkt sie dann aber nicht nur bei dem Redner Peer Steinbrück, sondern auch beim Fußballspieler, bei der Opernsängerin oder dem Winzer, der seinen Wein für den hundertfachen Preis eines schnöden Pinot Grigio verkauft, ohne dass er damit hundertmal mehr Arbeit hätte.

          Ob Steinbrücks Satz also stimmt, der Kontostand eines Kandidaten habe mit dessen politischen Zielen wenig zu tun? Das hängt vor allem davon ab, wie er diese Ziele formuliert. Und welche gedankliche Präzision er dabei an den Tag legt.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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