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SPD-Schatzmeisterin Hendricks : „Sollen wir unsere Beteiligungen an Rupert Murdoch verkaufen?“

  • Aktualisiert am

SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks Bild: Pein, Andreas

Die SPD will sich nicht von ihren Medienanteilen trennen - auch nicht von der defizitären „Frankfurter Rundschau“. Der Umbau dort habe die Qualität gesteigert, sagt SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks. Die Zukunft liege im Lokalen.

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          Frau Hendricks, schauen Sie denn morgens in jede Zeitung, an der die SPD beteiligt ist?

          Nein, dafür hätte ich nicht die Zeit. Die Beteiligung der SPD ist über einzelne Verlage sehr breit gestreut.

          Falls Sie hineinschauen, könnten Sie oftmals von einer guten Konjunktur lesen. Was spüren Ihre Zeitungen davon?

          Der Stellenmarkt hat sich stabilisiert - wie bei der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld, die in dem Bereich immer stark ist. Aber für viele kleine Zeitungen, an denen wir beteiligt sind, ist relevanter, ob die großen Discounter inserieren.

          Die Lage der Zeitungen ist für die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft DDVG, die Beteiligungsgesellschaft der SPD, entscheidend. Wird diese 2011 wieder einen Gewinn erreicht haben, nachdem es im Vorjahr erstmals seit 1993 wieder einen Verlust gab?

          Das Jahr ist noch frisch. Wir sind ordentlich im Plan und werden unsere Daten im Frühsommer veröffentlichen.

          Ihr größter Sorgenpunkt ist vielleicht die „Frankfurter Rundschau“.

          Das operative Geschäft der DDVG war auch 2010 insgesamt sehr positiv, aber wir haben durch Forderungsverzicht und Wertberichtigungen einen bilanziellen Verlust ausgewiesen. Das lag wesentlich an der „Frankfurter Rundschau“.

          Bei der „Frankfurter Rundschau“ ist vieles umgebaut worden. 88 Arbeitsplätze sind in der Redaktion gestrichen worden, es gab die Zusammenlegung mit der „Berliner Zeitung“ in eine gemeinsame DuMont-Redaktion in Berlin. Wie bewerten Sie das?

          Das kann ich noch nicht abschließend bewerten. Die Zusammenlegung war erst im August 2011. Aber im einzelnen Medium ist mehr Angebot. Auch sind die 88 Stellen nicht ersatzlos gestrichen worden. 30 Stellen sind in die gemeinsame Redaktion nach Berlin gewandert. Der Qualität beider Zeitungen hat es insgesamt nicht weh getan, dass die Journalisten in Politik, Wirtschaft und Kultur zusammengefasst worden sind.

          Dann müsste man ja noch mehr zusammenlegen, wenn es der Qualität hilft.

          Das ist nicht unsere Zielrichtung.

          Wie sieht es für die Zukunft der „Frankfurter Rundschau“ aus?

          Das müssen Sie den Mehrheitsanteilseigner fragen. Wir beobachten die Lage sorgfältig und halten unsere Zusagen ein.

          Sie sind 2004 bei der „Frankfurter Rundschau“ eingestiegen und haben 2006 die Mehrheit an DuMont Schauberg abgegeben. Beim Einstieg sagten Sie, es gehe ums Überleben der Zeitung. Ist das immer noch der Fall?

          Die Frage stellt sich für die gesamte Gattung Tageszeitung. Andererseits hat sich die Lage durch die Zusammenlegung mit der „Berliner Zeitung“ geändert. Der Erhalt der Vielfalt ist nicht mehr das entscheidende Argument.

          Denken Sie über einen Ausstieg nach?

          Wir arbeiten seit 2004 daran, die FR am Markt zu halten. Ein Ausstieg ist nicht unsere Zielrichtung.

          Die „Frankfurter Rundschau“ versucht im digitalen Feld zu wachsen, um Verluste im klassischen Bereich auszugleichen: Wie weit ist sie auf diesem Weg? Bis 2013 soll es die Möglichkeit geben, noch so weiterzufahren, dann müsse aber langsam die Gewinnzone erreicht werden.

          Die Anwendung der FR für den Tabletcomputer ist sehr erfolgreich. Aber damit ist vorerst kein Geld zu verdienen. Die Frage ist, wann der break even erreicht wird.

          Wie schätzen Sie dafür die Chancen ein?

          Digital ist alles erst mal kostenfrei. Nachrichtenseiten versuchen im Internet nicht, Geld von ihren Lesern zu erhalten, sondern nur von den Anzeigenkunden. Es ist offen, ob journalistisch hochwertige Tablet-Anwendungen kostendeckend arbeiten können.

          Die Beteiligung der SPD ist weit gestreut: Sie halten einen Anteil an der Madsack-Gruppe, an der „Sächsischen Zeitung“ und auch an der „Westfälischen Rundschau“.

          Aber nur mit einem kleinen Anteil.

          13 Prozent sind es bei der „Westfälischen Rundschau“. Das ist für Sie nicht mehr so wichtig?

          Wenn wir da einen Ertrag bekommen würden, wäre mir das wichtiger, aber immerhin: Die Zahlen im WAZ-Konzern scheinen jetzt endlich besser zu werden.

          Die „Westfälische Rundschau“ ist defizitär, die anderen Zeitungen der WAZ-Gruppe sind wieder in der Gewinnzone. Wie sehen Sie die Perspektive?

          Es ist bedauerlich, dass die Brost-Familie ihre WAZ-Anteile ganz verkauft hat. Die Briten hatten es mit der Lizenzvergabe so austariert, dass die Brost-Familie als sozialdemokratischer Stamm und die Funke-Familie als CDU-Stamm sich ausgleichen - das hat sechzig Jahre lang gehalten. Aber für die inhaltliche Ausrichtung ist es irrelevant, weil die Flaggschiffe des Konzerns nicht mehr der Sozialdemokratie nahestanden. Ob die Zeitungen noch konservativer werden, wenn dem CDU-Stamm alles gehört, weiß ich nicht. Wirtschaftlich tut es dem Konzern sicher gut, dass es jetzt nicht mehr ewig Streit gibt.

          Sie wollen bei der „Westfälischen Rundschau“ bleiben, obwohl es politisch nicht mehr in Ihre Richtung geht?

          Darum geht es nicht. Wir nehmen keinen Einfluss. Die „Westfälische Rundschau“ ist eine gute Regionalzeitung und für Dortmund relevant. Ich hoffe nur, dass es dem WAZ-Konzern gelingen wird, sie auch wieder in den profitablen Bereich zu führen.

          Sie sind die einzige deutsche Partei, die an Medien beteiligt ist. Wollen Sie das fortführen?

          Selbstverständlich! Wir haben einen Besitz, den wir pflegen. Ich bin wirtschaftlich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass in unserer 149 Jahre alten Partei der Besitz, der über Jahrzehnte gesammelt worden ist, nicht verlorengeht. Die Menschen können ruhig wahrnehmen, dass wir Sozis mit Geld umgehen können.

          Doch in Teilbereichen läuft es wirtschaftlich nicht mehr, wie bei der „Westfälischen Rundschau“ und der „Frankfurter Rundschau“.

          Seien Sie sicher, dass wir unseren Beteiligungsbesitz mit Bedacht verwalten.

          Warum soll eine Partei an Medien beteiligt sein?

          Wir könnten uns gar nicht leicht davon lösen. Wir haben Verpflichtungen. Es gibt in den Verlagen Vorkaufsrechte und Poolrechte. Wir könnten nicht mal die DDVG, die den Beteiligungsbesitz hat, verkaufen. Auch untersagt das Kartellamt meist Zusammenschlüsse. Sollen wir unsere Beteiligungen an Rupert Murdoch verkaufen?

          Es fehlt Ihnen nur ein Käufer?

          Nein. Wir haben einen anständigen Ertrag aus unserem Besitz. Für Festgeld erhalten Sie nur wenige Prozent. Das ist für uns keine Option.

          Ist es nicht schlimm genug, dass es den politischen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt?

          Erstens ist das nicht schlimm, das Bundesverfassungsgericht hat es als richtig beschrieben. Zweitens hat das Gericht unseren Beteiligungsbesitz zum Traditionsbestandteil der deutschen Sozialdemokratie gewürdigt. Drittens nehmen wir keinen Einfluss auf die Redaktionen der Zeitungen.

          Die Verlage wollen Hürden für Zusammenschlüsse von Zeitungen, nach der das Kartellamt diese untersagen kann, verringern. Wie sehen Sie das Vorhaben, das Pressefusionsrecht zu lockern?

          Für uns besteht daran kein Interesse. Doch manche sind durch das Kartellrecht gezwungen, ihren Besitz zu halten, obwohl sie ihn veräußern wollen. Wenn etwa die Erben einer Zeitung alt sind und gern verkaufen würden, aber niemanden finden. Denn der, der nebenan mit einer größeren Auflage sitzt, darf nach dem Kartellrecht nicht. Es entspricht nicht unserer Wirtschaftsordnung, Menschen zu zwingen, ihren Besitz zu behalten, wenn sie ihn veräußern wollen. Durch die elektronischen Medien und das Netz besteht eine Monopol-Situation alter Art nicht mehr fort.

          So wie Sie auch nicht gezwungen sind, Ihren Besitz zu behalten. Was bedeutet es für die Partei und ihre Finanzkraft, wenn sie ein Portfolio mit Verlustbringern hat?

          Unser Portfolio ist insgesamt ertragreich. Jeder, der Geschäfte macht, muss damit rechnen, dass es in Teilbereichen mal Verluste gibt. Wir wirtschaften mit Ertrag.

          In ihrem Geschäftsbericht stellen Sie allen Geschäftsführern der Zeitungen, an denen Sie beteiligt sind, Fragen. Eine heißt: Kritiker werfen den Verlagen vor, Sie sparten den Qualitätsjournalismus kaputt; wie sehen Sie die Redaktionen morgen und ihren journalistischen Auftrag?

          Tageszeitungen müssen sich um das Lebensumfeld ihrer Abonnenten kümmern und im Lokaljournalismus besser werden. Am wichtigsten ist nicht der Redakteur, der am weitesten von den Menschen weg ist - nicht der Kommentator der Außenpolitik, sondern der Lokalredakteur. Tageszeitungen werden digital nicht in Schnelligkeit und Qualität mithalten können, wie das nationale Medien können. Das Alleinstellungsmerkmal einer guten Tageszeitung ist die lokale und regionale Berichterstattung. Das können andere eben nicht.

          Das Gespräch führte Jan Hauser.

          Die SPD und ihre Zeitungen

          Barbara Hendricks ist seit 2007 Schatzmeisterin der SPD, seit 1994 Bundestagsabgeordnete und war von 1998 bis 2007 Parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium. Als Generaltreuhänderin verwaltet sie die Beteiligungen der Partei, die in der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft DDVG gebündelt sind. Diese kam 2010 auf einen Fehlbetrag von 14,3 Millionen Euro (2009: Überschuss von 4,2 Millionen Euro) und schüttete 7,7 Millionen Euro an die SPD aus. Die Holding ist an Druckereien, Radiosendern und Zeitungen beteiligt: wie an der „Neuen Westfälischen“ (57,5 Prozent), „Frankfurter Rundschau“, „Sächsischen Zeitung“ (jeweils 40 Prozent), „Frankenpost“ (35 Prozent) und an der Madsack-Gruppe mit 23,1 Prozent („Hannoversche Allgemeine“, „Leipziger Volkszeitung“).(jch.)

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