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Ansprüche von Arbeitnehmern Das Recht auf Homeoffice ist schon wieder abgeräumt

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil gibt im Streit mit der Union über das Homeoffice klein bei. Nach nicht einmal einem Monat. Vielen Unternehmen dürfte das gefallen.

Von Corinna Budras und Johannes Pennekamp

Das Büro in die Küche zu verlagern soll auch nach Corona möglich sein – sagt die IG-Metall.
© Jens Gyarmaty
Das Büro in die Küche zu verlagern soll auch nach Corona möglich sein – sagt die IG-Metall.

Der Vorschlag währte kaum einen Monat, dann begrub ihn Hubertus Heil höchstselbst. Der SPD-Bundesarbeitsminister hat seine Gesetzespläne zur Einführung eines Rechtsanspruchs auf Homeoffice „zurückgestellt“, nachdem er bei seinem Koalitionspartner damit auf eine Fundamentalopposition gestoßen war.

„Da die Union bei dieser Frage offensichtlich noch nicht im Jahre 2020 angekommen ist, bin ich bereit, den Anspruch auf 24 Tage Homeoffice im Jahr zurückzustellen“, sagte Heil dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Wochenende. Er möchte künftig nur noch einen Anspruch des Arbeitnehmers auf ein Gespräch mit seinem Chef über die Möglichkeit von Homeoffice verankern. Will der Chef diesen Wunsch ausschlagen, müsse er erklären, welche betrieblichen Gründe dagegen sprächen.

„Endlich Rechtssicherheit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer“

Darüber hinaus will Heil in seinem abgespeckten Gesetz einen „modernen Rahmen für mobile Arbeit beschließen“. Dazu gehören Klarstellungen zum Unfallschutz, wenn Arbeitnehmer morgens ihre Kinder in die Kita bringen und danach ins Homeoffice zurückkehren, außerdem eine Regelung zur digitalen Arbeitszeiterfassung. Damit greift Heil die Kritik auf, die Arbeit von zu Hause aus führe zu einer Entgrenzung der Arbeitszeit, weil nicht mehr klar zwischen Arbeit und Privatleben getrennt werden könne. Diesen Rahmen will Heil noch in diesem Jahr durchsetzen. „Denn das schafft endlich Rechtssicherheit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer“, sagte er.

Die Union blieb derweil weiter bei ihrer harten Haltung gegenüber einem gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice. „Ich habe keinerlei Sympathie für Rechtsansprüche, die nur einigen wenigen Arbeitnehmern zugutekommen“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) der „Bild am Sonntag“ und zählte dabei beispielhaft einige Berufsgruppen auf, die niemals vom Homeoffice profitieren könnten: die Briefträgerin und die Krankenschwester, der Klempner und der Chirurg. Er bekräftigte, dass viele Unternehmen ihren Mitarbeitern in Corona-Zeiten Homeoffice ohnehin erlaubten. „Der Gesetzgeber sollte nicht alles mit Regularien verpflichtend bestimmen.“

Wie sinnvoll die neue Heimarbeit ist, muss sich ohnehin noch erweisen. Viele Unternehmen nehmen ihre Mitarbeiter im Homeoffice jedenfalls als weniger produktiv wahr, zeigt eine Befragung des Münchener Ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Von knapp 1100 befragten Betrieben aus unterschiedlichen Branchen attestierten nur 5,7 Prozent den Mitarbeitern in den eigenen vier Wänden eine höhere Produktivität. 30,4 Prozent beobachteten keine Veränderung, 27 Prozent der Unternehmen gaben an, dass die Mitarbeiter zu Hause weniger leisten.

Kleinere Betriebe sahen die Arbeit im Homeoffice sogar noch kritischer. „Die Erklärung für die geringere Produktivität mag auch darin liegen, dass Unternehmen ein sozialer Ort sind. Der persönliche Kontakt der Mitarbeiter untereinander schafft eine Dynamik und Innovationskraft, die auch Videokonferenzen nicht ersetzen können“, sagte Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.

Die neueste Erhebung steht im Kontrast zu einer vielzitierten Studie, in der die Arbeit von Call-Center-Beschäftigten ausgewertet wurde. Sie zeigte vor mehreren Jahren eine steigende Produktivität. Auch Forscher der Harvard Business School und der New York University, die die E-Mail-Kommunikation von mehr als 3 Millionen Homeoffice-Arbeitnehmern in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten im April und Mai dieses Jahres untersucht haben, kamen zu dem Schluss: Im Homeoffice wird länger gearbeitet als im Büro. Die Mitarbeiter selbst schätzen sich im Homeoffice mehrheitlich produktiver ein, zeigte zudem eine Befragung von 7000 Beschäftigten der Krankenkasse DAK in diesem Sommer.

Es werden ganz sicher nicht die letzten Erkenntnisse zu dieser Frage sein. Denn auch ohne ein Recht auf Homeoffice dürfte der große Feldversuch der Unternehmen zur Heimarbeit in den kommenden Monaten angesichts der steigenden Infektionszahlen weitergehen.

Ein Lob auf die Heimarbeit

Die Gewerkschaft IG Metall will deshalb auch nicht so schnell klein beigeben. Die Zweite Vorsitzende Christiane Benner und Bereichsleiterin Vanessa Barth verlangten.: „Wer im Homeoffice und auswärts arbeiten will, soll das auch dürfen. Die IG Metall fordert deshalb einen Anspruch auf mobile Arbeit – sofern die Tätigkeit dafür geeignet ist.“ Nur wenn das nicht der Fall sei, soll der Arbeitgeber den Wunsch ablehnen können. Sie führen an, dass viele Beschäftigte sich mehr Selbstbestimmung darüber wünschten, wie und wo sie arbeiten. „Ihnen geht es vor allem darum, durch den Wegfall des Arbeitsweges wertvolle Zeit zu gewinnen“, so die Gewerkschafterinnen. Das Homeoffice ermögliche mehr Zeit für die Familie, den Haushalt, für Freunde und Ehrenamt „oder auch für den individuellen Biorhythmus“.