https://www.faz.net/-gqe-6ycv6

Sparkassenverbandspräsident im Gespräch : „Großbanken zerschlagen darf kein Tabu sein“

  • Aktualisiert am

„Es wird Zeit, Lehren aus der Finanzkrise zu ziehen“: Sparkassenverbandspräsident Heinrich Haasis Bild: dpa

Sparkassenverbandspräsident Heinrich Haasis beklagt, wie die EZB schwache Großbanken ohne Einlagen aus einem Liquiditätsengpass befreit und ihnen einfache Gewinne beschert.

          Herr Haasis, Sie kritisieren die Europäische Zentralbank (EZB) dafür, dass sie europäischen Geschäftsbanken zu viel und zu billig Geld ins Haus spült. Welche Folgen befürchten Sie?

          Die EZB hat zuletzt europäischen Banken insgesamt 1 Billion Euro zu 1 Prozent für drei Jahre geliehen. Das birgt Stabilitätsgefahren und trägt den beteiligten Banken einfache Gewinne ins Haus. Denn in vielen Fällen werden diese Mittel in Staatsanleihen südeuropäischer Länder investiert. Dort ergibt sich eine Gewinnmarge von 4 Prozentpunkten. So viel ist im normalen Kreditgeschäft bei weitem nicht zu erzielen. Wenn es zutrifft, dass über 100 Milliarden Euro an italienische Banken gegangen sind, so können diese damit fast 5 Milliarden Euro verdienen.

          Nutzen die Sparkassen das billige EZB-Geld nicht auch?

          Nicht zu diesen Zwecken. Regionale Banken wie Sparkassen und Volksbanken finanzieren sich vor allem durch Kundeneinlagen. Die Sparkassen haben 106 Milliarden Euro mehr Einlagen als ausgereichte Kredite. Sie investieren vor allem in Unternehmenskredite in Deutschland. Für sie wäre es nicht vernünftig, billiges EZB-Geld zu nehmen und in riskante Anlagen zu stecken.

          Die EZB sagt aber, es drohe ohne die zinsgünstigen Tender-Geschäfte eine Kreditklemme.

          Es gibt Banken, die sich vor allem bei anderen Banken finanzieren und denen deshalb Liquiditätsengpässe drohen. Denn das Misstrauen auf dem internationalen Bankenmarkt ist immer noch sehr groß. Billiges Geld im Übermaß ist aber volkswirtschaftlich gefährlich und für uns Sparkassen im Wettbewerb mit anderen Banken auch ärgerlich.

          Warum ist eine Liquiditätsschwemme volkswirtschaftlich gefährlich?

          Eine wesentliche Ursache der Finanzkrise 2008 war zu viel Geld im Markt. Das ist in nicht werthaltige Investments geflossen und hat Preisblasen ausgelöst. Dieses Problem hatten auch deutsche Institute, auch Landesbanken. Deshalb müssen wir jetzt darauf achten, dass nicht wieder Geschäfte gemacht werden, die man unter normalen Umständen nicht machen würde. Billiges Geld verführt genau dazu. Wir müssen vor diesem Hintergrund auch den Immobilienmarkt in Deutschland kritisch beobachten.

          Also gerade große Banken mit wenig Einlagengeschäft profitieren von den EZB-Liquiditätshilfen. Täuscht der Eindruck, dass die ganz großen Banken sogar noch an Bedeutung gewinnen und damit ihr Rettungserpressungspotential zugenommen hat?

          Auf dem G-20-Gipfel im September 2009 ins Pittsburgh hatten sich die Staats- und Regierungschefs eigentlich darauf verständigt, keine Bank dürfe so groß sein, dass sie sich auf eine Rettung durch den Steuerzahler verlassen kann. Tatsächlich haben heute in Europa neun Banken eine größere Bilanzsumme als die jährliche Wirtschaftsleistung ihrer Heimatländer, die größte deutsche liegt bei über 70 Prozent. Jetzt gibt es eine offizielle Liste systemrelevanter Banken. Das wirkt wie eine Rettungszusage. Damit haben solche Banken Refinanzierungsvorteile auf den internationalen Finanzmärkten. Das schafft einen Anreiz für andere Banken, immer größer und damit möglichst auch systemrelevant zu werden. Vor Jahren wurde die Haftung der öffentlichen Hand bei Sparkassen und Landesbanken abgeschafft. Jetzt wird sie faktisch bei Großbanken eingeführt.

          Weitere Themen

          Pilotenheld kritisiert Boeing Video-Seite öffnen

          „Sully“ schlägt Alarm : Pilotenheld kritisiert Boeing

          Mehrere Piloten fordern den US-Flugzeugbauer Boeing auf, Piloten besser zu schulen, bevor die Flieger vom Unglückstyp 737 Max nach zwei Abstürzen mit hunderten Toten wieder fliegen dürfen. Die von Boeing angebotenen Schulungen reichten nicht aus, sagt unter anderem Chesley "Sully" Sullenberger. Er schrieb mit der geglückten Notlandung mit einem Airbus auf dem Hudson in New York 2009 Geschichte.

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.