https://www.faz.net/-gqe-rwef

Soziologie : „Ein Begrüßungsgeld für Kinder wäre gut“

  • Aktualisiert am

Der Soziologe Hans-Peter Kohler über das Glück des ersten Sprößlings und die Illusion staatlicher Betreuung - das Interview.

          Der Soziologe Hans-Peter Kohler über das Glück des ersten Sprößlings und die Illusion staatlicher Betreuung - das Interview.

          Stimulieren ökonomische Anreize und Hilfen die Menschen überhaupt dazu, mehr Kinder zu kriegen?

          Studien bestätigen, daß die Menschen darauf reagieren, wenn die Angebote passen. Die Eltern bekommen früher im Leben Kinder, wenn die Anreize entsprechend sind. Die Regelung der Babypause in Schweden hat dazu geführt, daß die Eltern schneller ein zweites Kind bekommen.

          Welche ökonomischen Anreize müßte man schaffen, damit Paare im Durchschnitt zwei Kinder bekommen statt 1,3?

          Darüber gibt es kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Es müßten auf jeden Fall massive Anreize sein.

          Was bewegt die Menschen, Kinder zu bekommen oder eben nicht zu bekommen?

          Es ist ein Kalkül. Menschen entwickeln Präferenzen für Kinder, wenn sie mit ihnen interagieren wollen, sie großziehen wollen. Das macht ihnen Freude.

          Sind denn Eltern glücklicher als Kinderlose?

          Wir haben eine Studie in Dänemark gemacht mit einem bemerkenswerten Ergebnis. Insbesondere das erste Kind hat einen beachtlichen positiven Einfluß auf das Wohlbefinden. Sie empfinden sich subjektiv besser als Kinderlose.

          Wie ist es mit dem zweiten Kind?

          Bei Frauen hat das zweite Kind sogar einen negativen Effekt auf das subjektive Wohlbefinden. Für Männer ist der Effekt null. Mit anderen Worten: Das erste Kind macht die Leute glücklicher, das zweite Kind und alle weiteren Kinder nicht mehr.

          Empfinden Männer und Frauen unterschiedlich?

          Offenbar ja, besonders wenn man den Wunsch nach Kindern in Beziehung setzt zu dem Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft. Für Frauen steigert ein Kind das Wohlbefinden ebenso, wie eine stabile Partnerschaft das Wohlbefinden erhöht. Für Männer dagegen ist die stabile Partnerschaft wichtig, und ein Kind ist eine Möglichkeit, eine stabile Partnerschaft zu erhalten.

          Für Männer sind Kinder also eher zweitrangig.

          Priorität genießt auf jeden Fall die Stabilität der Partnerschaft. Etwas provokant kann man formulieren: Wenn Kinder dafür nützlich sind, die Partnerschaft zu erhalten, dann sind sie gut fürs persönliche Wohlergehen.

          Was passiert nach dem ersten Kind?

          Das ist schwer zu sagen. Das Bedürfnis nach einem Kind ist relativ stark. Und dafür sind die Menschen auch bereit, beachtliche Kosten in Kauf zu nehmen. Beim zweiten oder dritten Kind ist die Bereitschaft weitaus geringer beachtliche Ressourcen aufzuwenden, wenn doch deren Beitrag zum Wohlbefinden gering ist.

          Sind die Eltern von heute kalkulierender als früher?

          Kinder waren schon früher Ergebnis eines Kalküls. Was sich aber gravierend verändert hat, sind die Möglichkeiten, die knappen Ressourcen Zeit und Geld einzusetzen. Es gibt viel mehr Alternativen. Geändert hat sich zudem der konkrete Grund, Kinder zu bekommen. Heute hat man Kinder, wenn man Spaß daran hat. Unmittelbare ökomische Anreize gibt es kaum. Man braucht sie nicht mehr als billige Arbeitskräfte, nicht als Versicherung gegen die Armut im Alter. Die Sorge hat man auf staatliche Institutionen übertragen.

          Kinder als Altersvorsorge könnte wieder ein Thema werden, wenn die Finanzkraft der Sozialversicherung weiter schrumpft.

          Das wird bestimmt so sein in den nächsten Jahren. Aber bisher scheinen die jungen Erwachsenen das Problem noch nicht als gravierend wahrzunehmen.

          Könnte nicht auch heute noch die Angst vor der Einsamkeit im Alter ein guter Grund sein, Kinder zu bekommen?

          Ich kenne keine Studie, die belegt, daß Angst vor Einsamkeit im Alter für Menschen zwischen 25 und 35 Jahren ein gravierendes Motiv ist, Kinder zu bekommen.

          Was würden Sie machen, um die Geburtenraten in Deutschland zu erhöhen?

          Zunächst würde ich mich von der Vorstellung verabschieden, daß ich mit den Ressourcen, die der Politik zur Verfügung stehen, eine Trendumkehr erreichen kann, also eine Geburtenrate von mehr als zwei Kinder pro Paar erreichen kann von jetzt 1,3. Es geht um kleine Schritte mit kleinen Effekten. Man sollte es Paaren erleichtern, Kind und Beruf zu vereinbaren. Ich würde mir wünschen, daß die Kinderbetreuung stärker privaten Anbietern überlassen wird. Dem Staat fehlen die Ressourcen, eine Betreuung so zu organisieren, daß sie auf die Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten ist. Helfen würden nach meiner Ansicht auch hohe Einmalzahlungen.

          So eine Art Begrüßungsgeld?

          Ja. So könnte man das nennen.

          Wie hoch müßte die Summe sein, damit es fühlbar wird?

          Eine Summe möchte ich lieber nicht nennen. Italien hat mit einem Begrüßungsgeld aber gute Ergebnisse erzielt.

          Was halten Sie von gebührenfreien Kindergärten?

          Ob eine Reduktion der Gebühren sein muß, bezweifle ich. Kinderbetreuung in Deutschland ist ja schon relativ preiswert, wenn man es zum Beispiel mit den Vereinigten Staaten vergleicht. Ich hielte es für sinnvoller, die Kinderbetreuungskosten steuerlich abzugsfähig zu machen. Die konkreten Kosten sind weniger das Problem. Wichtiger ist die Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen. Bessere Öffnungszeiten und Horte für Kleinkinder würden helfen. Das würde es den Eltern im übrigen auch erleichtern, die Babypausen zu verkürzen.

          Weitere Themen

          Das war die Gamescom 2019 Video-Seite öffnen

          Rückblick : Das war die Gamescom 2019

          Die Gamescom 2019 ist vorbei. Doch welche Hallen und Stände lohnten einen Besuch? F.A.Z.-Redakteur Bastian Benrath verrät es auf einem Videorundgang.

          Von wegen Kinderkram!

          F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

          Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Topmeldungen

          Proteste gegen China : Hongkong ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft

          Chinas innenpolitischer Konflikt bedroht die ohnehin schon trübe Weltkonjunktur. Auch Pekings Vorgehen gegen die Fluggesellschaft Cathay sollte deutschen Unternehmen eine Warnung sein – denn auch Daimler und Lufthansa gerieten schon mal ins Fadenkreuz.

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.