https://www.faz.net/-gqe-6kpex

Sozialpsychologin Alice Eagly : „Die Zeit arbeitet für die Frauen“

  • Aktualisiert am

Wir begeben uns hier auf das eisglatte Feld der Stereotype. Sind Frauen wirklich sozial intelligenter als Männer?

Wenn man Männer und Frauen in psychologischen Studien vergleicht, kann man das zeigen. Frauen haben offenbar das größere Einfühlungsvermögen. Viele Männer verfügen auch darüber. Doch als Gruppe erzielen Frauen die besseren Ergebnisse. Insofern ist das ein ziemlich akkurater Stereotyp. Frauen sind im Umgang höflicher und respektvoller, sie sind nicht so selbstbezogen. Das sind wissenschaftlich nachweisbare Wahrheiten. Im Einzelfall kann es da natürlich Abweichungen geben. Männer hingegen gelten als zielorientiert und zupackend ...

... und oft autoritär. Passt das noch in die postheroische Arbeitswelt?

Verantwortung übernehmen, den Mitarbeitern sagen, was zu tun ist, Dinge an sich ziehen – das machen Männer eher als Frauen. Frauen können und tun das auch. Aber sie gehen die Dinge häufig anders an: Sie empfehlen eher als befehlen, sie coachen statt Druck zu machen, sie haben einen kollegialeren Führungsstil. Beide Typen werden gebraucht, um Aufgaben zu erledigen. Aber eben nicht mehr nur der männliche Stereotyp.

Das spricht doch alles für die wachsende Bedeutung von Frauen auch in Führungspositionen.

Das stimmt. Von daher gesehen wäre ein schnelleres Ende unserer noch immer recht patriarchalischen Zeiten zu erwarten. Das wäre dann der Fall, wenn sich Frauen und Männer Macht und Autorität zu je 50 Prozent teilten. Das wird kommen. Aber ich selbst werde diesen Zustand wohl nicht mehr erleben. In den statistischen Zeitreihen zeigt sich nämlich ein etwas anderes Bild.

Das da wäre?

Die Veränderungsgeschwindigkeit hat in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren wieder abgenommen. In den siebziger und achtziger Jahren haben die Frauen viel an Boden gewonnen. Sie begannen zu arbeiten und aufzusteigen. Sie verdienten mehr. Doch hat dieser Prozess in jüngster Zeit an Dynamik verloren. Gerade in Sachen Power-Sharing sehen wir, dass wir Frauen nicht mehr so richtig weiterkommen. Und auch die Bezahlung bleibt unterschiedlich. Eigentlich bräuchten wir eine neue Art von Frauenbewegung, wenn sich die Welt schneller verändern soll.

Ist den Frauen die Luft ausgegangen?

Viele Frauen sind heute zufriedener als sie es noch in den siebziger Jahren waren. Es herrscht offenbar ein neuer gesellschaftlicher Konsens, den ich gern das Modell der Semi-Gleichberechtigung nenne: Er macht die große Karriere, sie die kleine, er arbeitet Vollzeit, sie halbtags. Sie hat ihr eigenes Geld und wäre halbwegs unabhängig, wenn er sie verließe. Das alles ist akzeptiert. Viele Frauen und Männer deuten dieses Stadium bereits als erreichte Gleichberechtigung.

Aber Ihnen passt das nicht.

Nein, ich bin noch nicht zufrieden, weil wir auf diese Art und Weise nicht zu Gleichberechtigung und damit zum Ende männlicher Dominanz gelangen. Das wäre für mich erst erreicht, wenn wirklich 50 Prozent der Positionen, in denen die wichtigen Dinge entschieden werden, von Frauen besetzt sind, und zwar im Gesundheitswesen, in der Wissenschaft, in Wirtschaft und Politik. Aber davon sind wir weit entfernt. Von einem Ende des patriarchalischen Zeitalters kann keine Rede sein.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil die Welt dann anders wäre.

Besser?

Ja. Auf jeden Fall. Die Werte und Prioritäten der Frauen sind andere als die der Männer. Frauen sind soziale Gerechtigkeit, Gesundheit und Bildung wichtiger. Dagegen sind sie eher gegen jede Form von Gewalt und auch gegen Kriege. Hätten die Frauen mehr Macht und damit einen größeren Anteil an wichtigen Entscheidungen, würde das in jeder Hinsicht helfen.

Zur Person

Wenn in Amerika über Frauen, veränderte Arbeitswelten und sich verstärkende weibliche Einflussnahme debattiert wird, ist Alice Eagly immer gefragt. So wie jetzt gerade wieder. Während das amerikanische Intellektuellen-Magazin „The Atlantic“ das „Ende der Männer“ heraufbeschwört, gießt die renommierte Sozialpsychologin an der Northwestern University in Evanston, Illinois, Wasser in den Wein. Ganz so weit, sagt sie, sei es noch nicht. Die Professorin, die sich selbst als Feministin bezeichnet, beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftlichen Veränderungen und Stereotypen verschiedener Gruppen. Sie hat in Harvard studiert und in Ann Arbor, Michigan, promoviert. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie ihr viel beachtetes Buch „Through the Labyrinth“, das sich mit Frauen in Führungspositionen beschäftigt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Markus Söder und Armin Laschet bei der Jahreskonferenz der Ministerpräsidenten

Söder oder Laschet? : Eigentümlich inhaltsleer

Zwei Politiker zogen in einen Wettkampf, der keine Spielregeln hat. Nicht der Streit ist darum das Problem, sondern seine Formlosigkeit auf offener Bühne.

K-Frage der Union : Der entspannte Herr Söder

In einem Auftritt vor der Presse gibt sich CSU-Chef Markus Söder auffallend konziliant und bekundet „Respekt vor allen Gremien“ der CDU. Sieht so jemand aus, der fürchten müsste, dass sich die Schwesterpartei am Abend gegen ihn ausspricht?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.