https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/sozialpolitik-abstieg-in-dortmund-11747906.html

Sozialpolitik : Abstieg in Dortmund

  • -Aktualisiert am
An einem Parkplatz in der Dortmunder Nordstadt.
          6 Min.

          Es riecht nach Urin. Sehr stark sogar. Genaugenommen stinkt es wie in einer öffentlichen Toilette, die seit Wochen nicht geputzt wurde. Seltsamerweise gibt es hier in der Dortmunder Nordstadt, in diesem Teil der Anne-Frank-Gesamtschule, aber keine Toilette. „Am Wochenende wird hier gesoffen und in die Ecke gepinkelt“, erklärt Schulleiter Johannes Köppen das Rätsel. „Die Hausmeister spritzen das regelmäßig weg, aber eben nicht ständig.“

          Köppen hat sich an den Gestank gewöhnt, sein Direktorzimmer ist keine 20 Meter entfernt. Außerdem hat er noch ganz andere Probleme. Die Zusammensetzung seiner Schülerschaft zum Beispiel. Von den 820 Kindern besitzen nur 332 einen deutschen Pass. Und auch unter diesen stammt mehr als jedes zweite aus einer Einwandererfamilie. Schulleiter Köppen schätzt den Anteil seiner Schüler mit Migrationshintergrund insgesamt auf „mehr als 80 Prozent“.

          Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste

          Das stelle die Lehranstalt schon bei der Einschulung vor ernste Probleme, berichtet der Direktor. Beispielsweise habe er sich früher darum bemüht, dass in einer Klasse jeder zweite Schüler Muttersprachler ist. „Dieser Wert ist heute von den Anmeldezahlen überhaupt nicht mehr aufrechtzuerhalten“, klagt er. Auch bilde er aufgrund der Zeugnisnoten „Töpfe“ mit guten, mittleren und schwachen Schülern und verteile diese gleichmäßig auf die fünften Klassen. Leider habe er in diesem Jahr nur zwei oder drei von 93 Schülern im guten Topf gehabt. „Und wenn man nur schwache Schüler hat, ist es schwierig, sie zu motivieren.“ Schwierigkeiten mit Drogen oder übermäßiger Gewalt gebe es an seiner Schule nicht, betont Köppen. „Aber es gibt Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste. Wir haben die ganze Palette. Und wenn wir dann manchmal die Eltern sehen, wissen wir auch, warum.“

          Ein Bild, zwei Welten: Ein paar typische Bewohner der Dortmunder Nordstadt spiegeln sich in dieser C&A-Reklame, die ihnen das Leben auf der Sonnenseite des Lebens vor Augen führt. Bilderstrecke
          Ein Bild, zwei Welten: Ein paar typische Bewohner der Dortmunder Nordstadt spiegeln sich in dieser C&A-Reklame, die ihnen das Leben auf der Sonnenseite des Lebens vor Augen führt. :

          Heruntergekommen sind auch die Gebäude der Anne-Frank-Gesamtschule. Viele Türen sind verbeult und beschmiert. In einem Klassenraum, den Köppen zeigt, ist der Teppich mit Kaugummi übersät. Ein Dutzend Eierkartons hängt an den Wänden, um den Hall zu mildern. In der Decke klafft ein Loch so groß wie das Lehrerpult. Die Sanierung der Schule wird angeblich seit zehn Jahren geplant, übernächstes Jahr soll es so weit sein. Von der Renovierung hält der Direktor aber nicht viel, er träumt von einem Neubau. Dieser sei der Stadt zu teuer, doch er halte das für falsch: „Wir sollten die verwöhnen, die noch da sind. Das kann der ganzen Stadt nur nutzen, denn in der Nordstadt werden die meisten Kinder geboren.“

          Jeder Dritte lebt von Hartz IV

          Das stimmt: Der Bezirk ist der einzige in Dortmund, in dem mehr Menschen geboren werden als sterben. Nirgendwo ist der Anteil Minderjähriger höher als hier. Was die Statistik angeht, sind das aber auch die einzigen erfreulichen Zahlen. Die anderen Kennziffern sind ernüchternd. Nach Angaben der Kommune haben zwei Drittel der 52.500 Einwohner des Viertels Migrationshintergrund. Mehr als jeder dritte Einwohner lebt von Hartz IV. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 25 Prozent. Das ist doppelt so viel wie im Durchschnitt der Stadt und sogar 3 Prozentpunkte mehr als im taumelnden Griechenland. Auch die Kriminalitätsrate ist zweimal höher als im Rest der Stadt.

          Weitere Themen

          Kontroversen beim Kaffee

          Steinmeier in Sachsen : Kontroversen beim Kaffee

          Der Bundespräsident reist abermals für mehrere Tage in die Peripherie – diesmal ins sächsische Freiberg. Bei einem Gespräch mit Bürgern dominiert der Dissens über Corona, die Ukrainepolitik und „die Medien“.

          Topmeldungen

          Wie wäre das schön ein eigenes Haus zu haben.

          Lebensziel Eigenheim : Haustraum adé. Und jetzt?

          Ein eigenes Haus – für viele ist das ein Lebensziel. Manche sind geradezu verzweifelt, wenn daraus nichts wird. Psychologin Janina Larissa Bühler über die Rolle des Eigenheims für unser Selbstbild.
          Demonstranten Ende Oktober in Teheran

          Iran : Erste Hinrichtung im Zusammenhang mit Protesten

          Die Demonstranten in Iran haben sich auch durch zahlreiche Todesurteile nicht abschrecken lassen. Nun hat das Regime die erste Hinrichtung im Zusammenhang mit den Protesten vollstreckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.