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Sozialpolitik : Abstieg in Dortmund

An einem Parkplatz in der Dortmunder Nordstadt. Bild: Röth, Frank

Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen und Gewalt: Die Dortmunder Nordstadt hat alle Probleme, die ein Viertel auch nur haben kann. Mitten in der Stadt, die als „Herzkammer der Sozialdemokratie“ gilt, bekommt die SPD die sozialen Schwierigkeiten nicht in den Griff.

          Es riecht nach Urin. Sehr stark sogar. Genaugenommen stinkt es wie in einer öffentlichen Toilette, die seit Wochen nicht geputzt wurde. Seltsamerweise gibt es hier in der Dortmunder Nordstadt, in diesem Teil der Anne-Frank-Gesamtschule, aber keine Toilette. „Am Wochenende wird hier gesoffen und in die Ecke gepinkelt“, erklärt Schulleiter Johannes Köppen das Rätsel. „Die Hausmeister spritzen das regelmäßig weg, aber eben nicht ständig.“

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Köppen hat sich an den Gestank gewöhnt, sein Direktorzimmer ist keine 20 Meter entfernt. Außerdem hat er noch ganz andere Probleme. Die Zusammensetzung seiner Schülerschaft zum Beispiel. Von den 820 Kindern besitzen nur 332 einen deutschen Pass. Und auch unter diesen stammt mehr als jedes zweite aus einer Einwandererfamilie. Schulleiter Köppen schätzt den Anteil seiner Schüler mit Migrationshintergrund insgesamt auf „mehr als 80 Prozent“.

          Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste

          Das stelle die Lehranstalt schon bei der Einschulung vor ernste Probleme, berichtet der Direktor. Beispielsweise habe er sich früher darum bemüht, dass in einer Klasse jeder zweite Schüler Muttersprachler ist. „Dieser Wert ist heute von den Anmeldezahlen überhaupt nicht mehr aufrechtzuerhalten“, klagt er. Auch bilde er aufgrund der Zeugnisnoten „Töpfe“ mit guten, mittleren und schwachen Schülern und verteile diese gleichmäßig auf die fünften Klassen. Leider habe er in diesem Jahr nur zwei oder drei von 93 Schülern im guten Topf gehabt. „Und wenn man nur schwache Schüler hat, ist es schwierig, sie zu motivieren.“ Schwierigkeiten mit Drogen oder übermäßiger Gewalt gebe es an seiner Schule nicht, betont Köppen. „Aber es gibt Schulverweigerer, Kriminelle und Verwahrloste. Wir haben die ganze Palette. Und wenn wir dann manchmal die Eltern sehen, wissen wir auch, warum.“

          Ein Bild, zwei Welten: Ein paar typische Bewohner der Dortmunder Nordstadt spiegeln sich in dieser C&A-Reklame, die ihnen das Leben auf der Sonnenseite des Lebens vor Augen führt. Bilderstrecke

          Heruntergekommen sind auch die Gebäude der Anne-Frank-Gesamtschule. Viele Türen sind verbeult und beschmiert. In einem Klassenraum, den Köppen zeigt, ist der Teppich mit Kaugummi übersät. Ein Dutzend Eierkartons hängt an den Wänden, um den Hall zu mildern. In der Decke klafft ein Loch so groß wie das Lehrerpult. Die Sanierung der Schule wird angeblich seit zehn Jahren geplant, übernächstes Jahr soll es so weit sein. Von der Renovierung hält der Direktor aber nicht viel, er träumt von einem Neubau. Dieser sei der Stadt zu teuer, doch er halte das für falsch: „Wir sollten die verwöhnen, die noch da sind. Das kann der ganzen Stadt nur nutzen, denn in der Nordstadt werden die meisten Kinder geboren.“

          Jeder Dritte lebt von Hartz IV

          Das stimmt: Der Bezirk ist der einzige in Dortmund, in dem mehr Menschen geboren werden als sterben. Nirgendwo ist der Anteil Minderjähriger höher als hier. Was die Statistik angeht, sind das aber auch die einzigen erfreulichen Zahlen. Die anderen Kennziffern sind ernüchternd. Nach Angaben der Kommune haben zwei Drittel der 52.500 Einwohner des Viertels Migrationshintergrund. Mehr als jeder dritte Einwohner lebt von Hartz IV. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 25 Prozent. Das ist doppelt so viel wie im Durchschnitt der Stadt und sogar 3 Prozentpunkte mehr als im taumelnden Griechenland. Auch die Kriminalitätsrate ist zweimal höher als im Rest der Stadt.

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