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Soziale Schichten : Fatal

  • -Aktualisiert am

Meinungsforschern zufolge glaubt die deutsche Bevölkerung weniger denn je daran, dass Menschen aus einer niedrigen sozialen Schicht in die nächsthöhere vordringen können. Unverzichtbar sind die richtigen Vorbilder. Gerade Kinder brauchen ganz alltägliche Vorbilder, die sie anspornen.

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          Am Ende dieser Zeilen wird folgende These stehen: Die Kinder aus der Unterschicht sollten mehr Bus fahren. Aber eins nach dem anderen.

          Ausgangspunkt ist eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach. Darin zeigen die Meinungsforscher, dass die deutsche Bevölkerung weniger denn je daran glaubt, dass Menschen aus einer niedrigen sozialen Schicht in die nächsthöhere vordringen können. Nur 14 Prozent der Unterschichtenbürger glauben, dass sich ihre wirtschaftliche Lage in den nächsten zehn Jahren nennenswert bessert. Nur jeder Dritte glaubt, dass es den eigenen Kindern einmal bessergehen wird, nur jeder Vierte denkt, dass man aus allen Schichten aufsteigen kann. Die anderen haben kapituliert. „Statusfatalismus“, so nennen Demoskopen diese Haltung.

          Was gibt Menschen überhaupt Hoffnung? Unverzichtbar sind die richtigen Vorbilder, schon im Kindesalter. Das müssen keine Stars sein, Bundesminister oder Wirtschaftsbosse. Für ein türkisches Kind aus der Unterschicht reicht es nicht, dass ein Türke „Tatort-Kommissar“ ist. Für das Kind arbeitsloser Eltern in Görlitz wird es als Ansporn nicht genügen, dass ein Görlitzer in der Fußballnationalmannschaft spielt.

          Gerade Kinder brauchen ganz alltägliche Vorbilder, die sie anspornen: einen Schulkameraden, der den Sprung aufs Gymnasium schafft. Die Nachbarsfreundin, die ihr Abitur nachholt und studiert.

          Hoffnung auf den Aufstieg bleibt wichtig

          Aber solche Vorbilder werden rar, und hier nähern wir uns langsam den Bussen. Denn bürgerliche Eltern bemühen sich nach Kräften, sich und ihre Kinder den Schulen der Problemviertel zu entziehen. Wer nicht umzieht, erfindet eine neue Adresse, eine Tagesmutter im gewünschten Bezirk oder täuscht gar eine Trennung vor. Wer kann es den Leuten verdenken? Die Bildung des eigenen Kindes dem Kampf gegen den Statusfatalismus zu opfern, ist niemandem zumutbar.

          Eine radikale Anti-Segregationsstrategie haben in den 70er Jahren Amerikas Schulbehörden erfunden. In Bussen verfrachteten sie schwarze Kinder auf mehrheitlich weiße Schulen. „Forced Busing“ hieß die Zwangsumschulung, gegen die nicht nur Weiße wütend demonstrierten. Heute ist umstritten, ob „Busing“ die Rassenintegration gefördert hat oder ob der einzige Erfolg des Programms darin bestand, Kinder aus ihrer vertrauten Umgebung zu reißen. Zu Recht plant hierzulande niemand Derartiges.

          Aber es darf nicht dabei bleiben, dass nur Wohlhabende Schultourismus betreiben. Schulpolitiker und Städteplaner müssen Wege suchen, die Segregation aufzubrechen. Es ist gesellschaftlich wie wirtschaftspolitisch geboten, Menschen die Hoffnung auf einen Aufstieg zu geben. Sie brauchen Vorbilder in ihrer Nähe, bei denen sie sich die Aussicht auf ein besseres Leben abgucken können. Der soziale Friede ist in Gefahr, wenn 77 Prozent der Bürger denken, dass Arm und Reich hier im Dauerkonflikt leben.

          Ein Weg wäre es, die Schule ganz vom Wohnort abzukoppeln, wie es in Nordrhein-Westfalen etwa eingeführt wurde. Dabei darf es aber nicht bleiben, sonst machten nur Wohlhabende von der Wahlfreiheit Gebrauch. Es wäre Aufgabe jeder Stadt und Schule, sozial schwache Eltern auf die Idee zu bringen, dass sie ihr Kind nicht auf die Brennpunktschule um die Ecke schicken müssen. Dazu muss die Infrastruktur die richtigen Anreize liefern. Wenn die Fahrkarte in den Nachbarort nichts kostet und die Busse öfter fahren, wenden sich manche Eltern wohl eher ab von ihrer Rütli-Schule. Man muss der Oberschicht nicht die „Bildungsreise“ verbieten - die Unterschicht-Kinder sollten mehr Bus fahren. Auf einen Versuch kommt es an.

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