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Sotheby´s-Auktion : Gründungsdokumente des World Wide Web werden versteigert

Als das World Wide Web noch in der Wiege war: Tim Berners-Lee am CERN in Genf 1994 Bild: dpa

Der Web-Erfinder Tim Berners-Lee trennt sich von seinen alten Dateien. Sotheby´s ruft 1000 Dollar als Erstgebot auf. Kommende Woche geht es los.

          3 Min.

          Die Originaldateien samt Quellcode und Ideenskizzen für das World Wide Web werden versteigert. Wie das Auktionshaus Sotheby’s jetzt mitgeteilt hat, startet die Auktion in der kommenden Woche. Sie umfasst die Originaldateien mit Zeitstempel, eine animierte Visualisierung des Codes, einen Brief des Web-Erfinders Tim Berners-Lee mit seinen Gedanken zu dem Vorhaben und ein digitales Poster des Codes samt Autograph des Erschaffers. Das Erstgebot wird 1000 Dollar betragen. Mit den zu erwartenden Erlösen sollen verschiedene Initiativen der Familie des Web-Erfinders Tim Berners-Lee unterstützt werden. Die Auktion steht in einer Reihe spektakulärer Versteigerungen wegweisender technischer Produkte aus dem 20. Jahrhundert.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der britische Physiker hatte sich Ende der Achtzigerjahre im Rahmen eines Projektes an der europäischen Forschungseinrichtung CERN in Genf darangemacht, ein sogenanntes Hypertext-System zu entwickeln. Ursprünglich sollten Wissenschaftler damit schnell und einfach die Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen können. Berners-Lee stellte sein Vorhaben im März 1989 im CERN vor. Es kam bei seinen Kollegen gut an. Ein Jahr später schrieb er auf einem NeXT-Computer den Code in der Computersprache „Objective-C“. Kurz darauf ging aus seinen Arbeiten das heutige World Wide Web (WWW) hervor, ein Meilenstein nicht nur in der Geschichte der Technik.

          9555 Zeilen

          Nun bringt der Web-Erschaffer die Gründungsdokumente seines Werkes durch eines der größten Auktionshäuser der Welt auf den Markt. „Das Web ist die Idee eines der wichtigsten Denker, die Großbritannien je hervorgebracht hat“, erklärt Oliver Barker, Chairman von Sotheby’s Europe. „Es ist eine wirklich großartige britische Erfindung – eine, die im wahrsten Sinne des Wortes global geworden ist.“ Der ursprüngliche Quellcode des Webs besteht aus alles in allem 9555 Zeilen. Die hatte Berners-Lee zwischen 1990 und 1991 geschrieben. Bis heute tragen sie den Zeitstempel aus den Tagen ihrer Erschaffung.

          Der NeXT-Computer, mit dem Sir Tim Berners-Lee das World Wide Web entworfen hat, ausgestellt im Science Museum in London.
          Der NeXT-Computer, mit dem Sir Tim Berners-Lee das World Wide Web entworfen hat, ausgestellt im Science Museum in London. : Bild: dpa

          In den vergangenen Jahren hat sich Berners-Lee immer wieder kritisch über die Tendenzen der Zentralisierung, Kommerzialisierung und Zensierung des Webs geäußert. Seit 2015 arbeitet er an einem Projekt namens „Solid“, mit dem er das Web wieder näher an seine Ursprünge rücken will. Im April dieses Jahres kontaktierte er Sotheby’s, um die Gründungsdokumente versteigern zu lassen. Für Sotheby’s ist das ein Coup, für Berners-Lee ein Abschied.

          Er hatte seine alten Dateien in einem speziellen Packprogramm gespeichert, einer sogenannten Tar-Datei. Damit können Dateien und Verzeichnisse erst in eine einzige Datei geschrieben und dann aus ihr wieder komplett hergestellt werden. Sotheby’s setzt bei der Versteigerung dieses digitalen Schatzes ebenfalls auf eine besondere Kryptotechnik: nicht fungible Token (NFT). Während Fungibilität sicherstellt, dass Einheiten eines zähl- oder messbaren Gutes austauschbar sind, steht Nichtfungibilität für das Gegenteil.

          Blockchain macht es möglich

          So kann ein NFT den Besitz und Ursprung eindeutig dokumentieren. Damit lässt es sich wie ein digitales Echtheitszertifikat einsetzen. Das Kopieren einer Datei verhindert es nicht. Trotz vieler Kopien aber kann nur eine Datei als Ursprung gelten. Da ein nicht fungibles Token eindeutig die Herkunft dokumentiert, stellt es sicher, welche Datei das Original ist.

          Die von Sotheby’s verwendeten Token sollen auf der Blockchain der Plattform Ethereum in einem Smart Contract erzeugt werden. Berners-Lee erklärte dazu: „NFTs, ob nun für Kunstwerke oder ein solches digitales Artefakt wie dieses hier, sind die neuesten spielerischen Kreationen in diesem Reich (der Technik) und die am besten geeigneten Eigentumsformen, die es gibt. Sie sind die ideale Art, die Ursprünge des Webs zu verpacken.“

          Von einem Künstler namens Beeple: „Everydays: The First 5,000 Days“ erzielte als NFT-zertifiziertes Jpeg-Foto einen Preis von 70 Millionen Dollar.
          Von einem Künstler namens Beeple: „Everydays: The First 5,000 Days“ erzielte als NFT-zertifiziertes Jpeg-Foto einen Preis von 70 Millionen Dollar. : Bild: AP

          NFTs erleben einen Boom: So wurde vom Auktionshaus Christie's vor kurzem die NFT-verknüpfte Kopie einer Collage des Digitalkünstlers Beeple für fast 70 Millionen Dollar versteigert. Das Werk war als in ein Jpeg-Format mit 21.069×21.069 Pixeln gepackt und per Token zertifiziert worden. Mehr als 20 Millionen Menschen waren den letzten Minuten der Versteigerung im Internet gefolgt – so viele wie noch nie. Das machte Schule: Seitdem verkaufen Tech-Milliardäre ihre NFT-gemarkten Twitter-Tweets für Hunderte oder gar Tausende Dollar. Auch die gute alte Nyan Cat, das zehn Jahre alte Internetphänomen der aus 12 Frames bestehenden GIF-Animation einer fliegenden Katze, ging auf diesem Wege über den Tisch – für mehr als eine halbe Million Dollar.

          Darüber hinaus sind auch wegweisende Produkte der Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts derzeit heiß begehrt. Vor drei Jahren wurde einer der ersten Apple-Computer versteigert – für 375.000 Dollar. In England fand gerade eine rund 70 Jahre alte Fotokamera aus dem Hause Leica für 4.008.000 Euro einen neuen Besitzer. Der Prototyp einer Anfang der neunziger Jahre von Sony und Nintendo gemeinsam entwickelten Videokonsole „Playstation“ kam für eine viertel Million Euro unter den Hammer. Der Grund: Das Modell ist einzigartig. Denn es ging durch einen Streit zwischen den beiden Firmen nie in die Massenfertigung. So ist nun auch bei den WWW-Dateien von Tim Berners-Lee damit zu rechnen, dass das Eröffnungsgebot von 1000 Dollar rasch in die Höhe schnellen wird. Die Versteigerung beginnt am 23. Juni und wird sich über eine Woche hinziehen.

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