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Sorge vor Geisterstädten : In Großbritannien sterben die Büros

Der London City Airport Bild: Reuters

Noch immer ist Großbritannien das Land in Europa mit der höchsten Quote an Mitarbeitern im Homeoffice. Nun hat ein großer Dienstleistungskonzern angekündigt, mehr als ein Drittel seiner Büros im Lande zu schließen.

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          Seit Wochen bedrängt die britische Regierung die heimischen Unternehmen, das flächendeckende Homeoffice für ihre Mitarbeiter zu beenden und diese zurück in die Büros zu holen. Ansonsten drohe eine Verödung der Innenstädte und das gilt besonders für die Metropole London, fürchtet die Regierung von Boris Johnson. Auch Notenbankchef Andrew Bailey hat den Ruf zurück in die Büros unterstützt. Doch die Resonanz der Wirtschaft fällt dürftig aus. Noch immer ist Großbritannien – mehr als zwei Monate nach dem Ende des offiziellen Corona-Lockdowns – das Land in Europa mit der höchsten Quote an Mitarbeitern im Homeoffice.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Stattdessen kündigte der Dienstleistungskonzern Capita an, der 45.000 Mitarbeiter beschäftigt, mehr als ein Drittel seiner 250 Büros im Lande zu schließen. Fast 100 Großraumbüros werden dauerhaft aufgegeben. Capita-Chef Jon Lewis erhofft sich davon eine zweistellige Millionenersparnis im Jahr. Schon vorher hatte das Unternehmen die Homeoffice-Erlaubnis für die Mitarbeiter bis Neujahr verlängert, was besonders in London viel Pendelverkehr erspart.

          „Warum sollten Sie bis zu zwei Stunden am Tag fünfmal in der Woche mit Pendeln hin und zurück zum Zentral-Londoner Büro verbringen, wenn Sie genauso effektiv zu Hause arbeiten können?“, sagte Lewis der Belegschaft des Unternehmens, das vor allem mit staatlichen Großaufträgen wie dem Einsammeln der Rundfunkgebühren, der Londoner Umweltzonengebühr sowie mit der Personalverwaltung für die britische Armee einen Milliardenumsatz macht. Dass ein großer Teil der Mitarbeiter dauerhaft von zu Hause arbeitet, nennt Capita in einem Konzeptpapier die „New Hybrid Norm“.

          Das Stadtzentrum wirkt noch immer sehr leer

          Falls das Beispiel Schule macht, befürchten viele in der Londoner City und in anderen Städten große wirtschaftliche Schäden. Der Schwund an Berufstätigen würde zu dauerhaft großen Umsatzausfällen für die ohnehin angeschlagene Gastronomie und andere Geschäfte führen. Unlängst kündigte die Sandwich-Ladenkette Pret a Manger an, fast 3000 Stellen zu streichen. Ein Drittel ihrer Belegschaft wird entlassen und Läden werden dichtgemacht. Vor Corona war gerade in der Londoner Innenstadt an jeder dritten Ecke ein Pret a Manger. Jetzt fehlen sowohl die Touristen als auch die Büromitarbeiter, die in der Mittagspause schnell mal ein Sandwich oder ein Baguette kaufen. Die Nachfrage ist viel geringer als früher.

          Das Stadtzentrum wirkt noch immer sehr leer. Im Finanzdistrikt Canary Wharf waren Mitte August von den insgesamt 120.000 Büromitarbeitern, die vor Corona täglich in die dortigen Hochhaustürme strömten, nur etwas mehr als 15 Prozent zurückgekehrt. London hinkt anderen europäischen Städten hinterher: Während dort insgesamt nur etwas mehr als 30 Prozent an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, sind es in Frankfurt schon fast 60 Prozent und in Paris etwa drei Viertel, zeigt eine Übersicht von Morgan Stanley Research.

          Einige Banken versuchen, ihre Mitarbeiter in die Großraumbüros zu locken. Goldman Sachs will seine Londoner Mitarbeiter zurückholen, die Rückkehr ist aber freiwillig. Wer dem Ruf des Arbeitgebers folgt, erhält als Anreiz kostenloses Essen und Schutzmasken für die Anfahrt. Auch die Kinderbetreuung wird organisiert, solange die Schulen geschlossen sind. Bei Barclays arbeiten weiterhin 69.000 Mitarbeiter im Homeoffice bis mindestens Ende September.

          „Es ist wichtig, die Leute wieder in physischer Konzentration zusammenzubringen“, sagte Barclays-Chef Jes Staley, der während der Epidemie gesagt hatte, die Zeit von Riesenbürotürmen mit 7000 Mitarbeitern sei wohl vorbei. Die Bank NatWest, die bis vor kurzem Royal Bank of Scotland hieß, wird 50.000 ihrer Mitarbeiter, etwa 80 Prozent ihrer Belegschaft, bis 2021 von zu Hause aus arbeiten lassen. Der Vermögensverwalter Schroders hat angekündigt, dass er seinen 5000 Mitarbeitern dauerhaft „flexibles Arbeiten“ ermöglichen will. Pessimisten befürchten daher, dass so im Lande viele „Geisterstädte“ entstehen.

          Die London Property Alliance, ein Interessenverband von 420 großen Immobilieninvestoren, hat an Londons Verkehrsminister Grant Shaps appelliert, durch günstige und flexible U-Bahntickets und mehr Radwege eine größere Zahl von Leuten zur Rückkehr in ihre innerstädtischen Büros zu bewegen. Die Vermieter müssen zittern. In einer Umfrage des Immobilienberatungsunternehmens Gerald Eve sagten 92 Prozent der antwortenden Unternehmen, dass sie eine Verkleinerung ihrer Büroflächen erwägen. Viele von ihnen bezifferten den Abbau auf bis zu 35 Prozent in diesem Jahr.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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