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Obsoleszenz : Wie lange muss ein Produkt halten?

Elektroschrott Bild: dpa

Der Lautsprecher ist gerade erst gekauft, doch bald funktioniert er nicht mehr richtig. Der Drucker geht schon nach drei Jahren kaputt. Schön ist das nicht. Aber Abhilfe zu schaffen, ist nicht so leicht.

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          Obsoleszenz – dass so ein Fremdwort mal die Deutschen so bewegen kann, hätte vor zehn Jahren wohl auch noch niemand gedacht. Es geht um ein einfaches Phänomen: Kunden haben das Gefühl, Produkte gingen schneller kaputt als nötig, damit die Firmen schneller neue Produkte verkaufen können.

          Das Umweltbundesamt unternahm eine Studie, fand keine Hinweise, die Diskussion ebbte etwas ab – doch jetzt sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit in Mode, da kommt jede Umweltdiskussion zurück. Und dann kommt Sonos, der Hersteller von Streaming-Lautsprechern.

          Wer Sonos-Lautsprecher installiert, kann per W-Lan Musik direkt aus dem Internet hören – und zwar in mehreren Räumen parallel, wenn er mag. Mancher ersetzte seine Stereoanlage, die vorher 20 Jahre gehalten hatte. Und jetzt sagt Sonos plötzlich: Die Software älterer Produkte wird nicht mehr aktualisiert – das betrifft sogar Geräte, die vor drei Jahren noch verkauft wurden.

          Dieser Schritt mag den älteren Geräten eines Tages Sicherheitsrisiken bringen. Auch sonst ist sicher: Viele Sonos-Kunden haben mehrere Hundert Euro ausgegeben, um in verschiedenen Räumen Musik zu haben – und künftig arbeiten diese Geräte nicht mehr reibungsfrei zusammen. Da fühlen sich viele Kunden genötigt, neues zu kaufen. Und alle reden wieder über Obsoleszenz.

          Wie übel ist Obsoleszenz?

          Da machen es sich die enttäuschten Kunden zu leicht. Es ist ja kein Wunder, dass das Umweltbundesamt keinen Hinweis auf geplante Obsoleszenz gefunden hat. Dass Produkte absichtlich schnell kaputtgehen, ist keine gewinnbringende Strategie, schließlich holen enttäuschte Kunden das neue Produkt dann sicher von einer anderen Marke. Wahr ist, dass es Preis- und Qualitätsunterschiede gibt: Wenn das Produkt länger halten soll, ist es oft teurer herzustellen.

          Und da kommen die Kunden ins Spiel. Vielen ist der Preis wichtiger als die Haltbarkeit. Die Bundesregierung hat das sogar mal getestet: Sie hat ein Lebensdauer-Label entwickelt und 10.000 Bürgern gezeigt. Würden sie teurere Produkte kaufen, wenn die länger halten? Das Ergebnis war ernüchternd: Die Testkunden veränderten ihr Kaufverhalten praktisch gar nicht.

          Und haben sie nicht Recht? Viele Produkte will man ja gar nicht mehr jahrzehntelang benützen. Der technische Fortschritt ist zwar nicht unbedingt schneller geworden, doch die Produktentwicklung hat sich so beschleunigt, dass die Menschen immer wieder bessere Produkte angeboten bekommen, und viele können sich das leisten. In vielen Fällen schützen Verbraucher sogar das Klima, wenn sie eine alte Waschmaschine gegen ein neues, sparsameres Modell austauschen (das dann vielleicht sogar ein Spezialprogramm hat, das die Sportkleidung besonders schont).

          Produkte flexibel zu halten

          Die Antwort kann also nicht sein, jahrzehntelang mit dem gleichen alten Zeug zu leben. Es muss darum gehen, dass Technik immer wieder aktualisiert werden kann – zumindest die Software, die ja schon einiges beeinflusst. Umweltfreundliche Unternehmen bauen dann die Hardware der Geräte so, dass sie leicht wieder auseinandergenommen und recycelt werden kann.

          Und was bedeutet das für den Sonos-Fall? Der Unternehmenschef hat sich schon für das Vorgehen entschuldigt, rückt aber von seiner Kernposition nicht ab. Wahr ist, dass zeitgemäßes Streaming immer höhere technische Anforderungen stellt. Gut möglich, dass die alten Produkte nicht mehr gut funktionieren und den Fortschritt neuerer Produkte aufhalten können, wenn das Unternehmen sie kompatibel hielte – manche wurden entwickelt, als es noch kein iPhone gab.

          Vielleicht hätte Sonos aber die Baureihen zwischendurch so aktualisieren können, dass sie nicht schon nach so wenigen Jahren unbrauchbar werden. Besser wäre es wohl gewesen, nicht mindestens fünf Jahre Software-Updates zu versprechen, wenn mancher Kunde jetzt schon nach drei Jahren Probleme bekommt. Und vielleicht lässt sich die nächste Baureihe so anlegen, dass man schnell vom Fortschritt überholte Bauteile einfach auswechseln kann.

          Das Unternehmen gibt einen Rabatt für Neugeräte. Das ist ein Trostpflaster für die Kunden. Aber Sonos verlangt dafür, dass die alten Geräte nachweislich unbrauchbar gemacht werden. Das ist nicht optimal. Einschicken und zentral recyceln – für die Umwelt wäre das der beste Weg.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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