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Sonntagsökonom : Präsidenten sind auch bloß Eisverkäufer

  • Aktualisiert am

„Herr A et al.” Bild: F.A.Z.

Nach Harold Hotellings klassischem Aufsatz "Stability in Competition" ist das politische Geschäft wie der Eisverkauf am Badestrand: Warum Bush und Kerry härtere Rivalen sind als Clinton und Dole.

          Präsidenten mit Eisverkäufern zu vergleichen ist respektlos. Wenn man aber die innere Logik des öffentlichen Schaulaufens der Herren Bush und Kerry vor der näher rückenden amerikanischen Präsidentenwahl am 2. November begreifen will, ist diese Parallele durchaus hilfreich. Das berühmte Eisverkäufer-Beispiel von Harold Hotelling ist nicht nur ein hübsches Gedankenspiel, sondern eine der Säulen der ökonomischen Theorie der Politik.

          Es hilft, die programmatische Positionierung von Politikern zu erklären. Und mit Blick auf den amerikanischen Wahlkampf gibt es allerhand zu erklären: Wieso verläuft er so viel kontroverser als andere? Noch vor acht Jahren klagte Robert Dole über den Demokraten Bill Clinton, dieser stehle den Republikanern die Themen. Die Blöcke waren nur wenig zu unterscheiden. Auch in anderen Ländern rücken die großen Parteien in der Mitte des politischen Spektrums zusammen, starke Abweichungen vom Meinungstrend gibt es nur am (extremistischen) Rand. Diesmal sieht in Amerika das Bild anders aus. Die Kandidaten gehen selbst in den Fernsehduellen so höflich miteinander um wie sonst kaum irgendwelche Rivalen. Doch auch wenn beide nicht gerade an den Rändern des politischen Spektrums angesiedelt sind, beziehen sie inhaltlich sehr verschiedene Standpunkte - von der Außenpolitik bis hin zur Wirtschaftspolitik. Warum?

          In der Strandmitte

          Harold Hotellings Aufsatz "Stability in Competition" von 1929 hat der ökonomischen Theorie der Politik zwar nur ein Grundgerüst vorgegeben. Doch das Modell ist seither vielfach aufgegriffen, ausgebaut und auf diverse Zusammenhänge angewandt worden. Es ist so sehr im politökonomischen Einmaleins aufgegangen, daß sich kaum noch jemand die Mühe macht, den alten Originalaufsatz zu lesen. Dieser galt einer schlichten standorttheoretischen Frage: Wo siedelt sich ein Unternehmen in Abhängigkeit von der Kundschaft sinnvollerweise an? Kaum jemand weiß noch, daß Hotelling gar nicht von Eisverkäufern spricht, sondern nur von "Business". Wer wohl auf die plastische Idee mit den Eisverkäufern kam?

          Ist er der bessere „Eisverkäufer”?

          Das berühmte Beispiel geht so. Man stelle sich einen langen, schmalen Strand vor, auf dem sich die Badegäste gleichmäßig verteilen. Diesen gelüste es ohne große Rücksicht auf den Preis nach Eiscreme, und es gebe zwei Eisverkäufer, die zu gleichen Kosten eine gleichartige Eiscreme produzieren. Wo nun stellen sich die Verkäufer am sinnvollsten entlang des Strandes auf, wenn die Kunden wenigstens möglichst wenig laufen möchten? Hotelling weist nach, daß ihr privatwirtschaftliches Interesse die Eisverkäufer dazu bringt, eng in der Strandmitte aneinanderzurücken. Warum? Weil es keinen anderen Weg gibt, dem jeweils anderen möglichst wenig Kunden abtreten zu müssen. Für die Badegäste indes wäre es optimal, wenn die Verkäufer so viel Abstand voneinander hielten, daß ihre Wegekosten minimiert würden.

          Ein bißchen Phantasie

          Dieses Modell läßt sich mit ein bißchen Phantasie mühelos auf alle möglichen Zusammenhänge übertragen. Die ökonomische Theorie der Politik hat das getan und Politiker an die Stelle der Eisverkäufer gesetzt, Wähler an die Stelle der Badegäste und das Rechts-links-Spektrum (oder irgendeine politische Einzelfrage) an die Stelle des Strandes. Nicht nur kompliziert, auch richtig spannend wird das Modell in seinen - ökonomischen oder politischen - Anwendungen dann, wenn man Abweichungen von Hotellings übermäßig strengen Annahmen durchspielt.

          So haben Kritiker früh darauf hingewiesen, daß die mittige Positionierung schon dann nicht mehr zwingend ist, wenn der eine Eisverkäufer die Reaktion des anderen antizipiert: Dann ergibt sich ein Abschreckungsgleichgewicht mit symmetrischem Abstand von der Mitte. Auch führt das Wegekosten minimierende Zusammenrücken in der Mitte rasch dazu, daß sich die beiden Eisverkäufer auf andere Weise Konkurrenz machen, etwa durch Preis, Qualität und Service. Auch hierzu lassen sich Parallelen in der Politik konstruieren

          Die Schärfung des eigenen Profils

          Was bedeutet das jetzt für Bush und Kerry? Es heißt wohl wieder eine Hypothese von Hotelling aufgeben. Und zwar die Annahme der Gleichverteilung der Badegäste am Strand - oder, wie in der gelockerten Version der ökonomischen Theorie der Politik, zumindest die Hypothese, daß sich die politischen Präferenzen der Bürger um ein einzelnes, wie auch immer geartetes Zentrum ballen. Wenn sich aber die Wähler von vornherein in zwei Lager aufteilen, wird ein anderes Spiel gespielt: Dann geht es weniger darum, neue Freunde zu gewinnen, als die alte Klientel zu pflegen. Alles ist nützlich, was der Schärfung des eigenen Profils und der Abgrenzung vom Rivalen dient; Annäherung ist kontraproduktiv.

          Zum amerikanischen Wahlkampf paßt das. Schließlich ist die Wählerschaft in Folge des Irak-Krieges so gespalten wie selten zuvor. Diese Wahl ist vor allem eine Entscheidung für oder gegen den Amtsinhaber. Viele seiner Gegner finden sich zusammen unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner "ABB" (Anything But Bush). Klare, kontroverse Worte zur Wirtschaftspolitik sind da nur eine weitere Abgrenzungsmaßnahme - beider Seiten.

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