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Reisebranche : „Wir geben den Sommerurlaub nicht verloren“

Protest mit Maske: Reisevermittler demonstrieren vor dem Kieler Landtag. Bild: dpa

Das Auswärtige Amt macht klar, bis zum Pfingstferienende wird es keine Auslandsreisen geben, vielleicht noch länger. Offiziell zeigen Urlaubsmanager Verständnis, hinter den Kulissen ist der Unmut groß .

          3 Min.

          Auslandsurlaub über Christi Himmelfahrt und Pfingsten fällt in diesem Jahr aus, der Sommer ist ungewiss. Das Auswärtige Amt verlängert seine Reisewarnung für alle Länder bis zum 14. Juni – und damit genau auf den Schlusstag der Pfingstschulferien. Nach außen gibt sich die Reisebranche verständnisvoll. Eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands (DRV) sagte, es wurde „eine verantwortungsvolle Entscheidung getroffen, bei der die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung im Mittelpunkt steht.“ Zuletzt hatte der Verband noch ein Ende der pauschalen Warnungen und differenzierte Vorgaben für verschiedene Länder gefordert.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die ruhigen Worte verdecken, dass es in der Reisebranche gärt. Offiziell heißt es: „Damit haben die Reiseveranstalter in Deutschland eine gewisse Planungssicherheit – Reisen bis zu diesem Termin werden jetzt sukzessive abgesagt und die Kunden entsprechend informiert werden.“ Doch die Planungssicherheit bedeutet vor allem, dass weitere sechs Wochen ohne sichere Einnahmen bevorstehen. Bislang galt die Reisewarnung nur bis zum 3. Mai. Lufthansa kündigte an, den Notflugplan bis Ende Mai zu verlängern, allerdings kommen schon einzelne neue Verbindungen nach Athen,  Porto und Göteborg fliegen.

          Reisebüros machen am heutigen Mittwoch in einer bundesweiten Protestaktion darauf aufmerksam, dass sie vorerst um das für sie überlebenswichtige Auslandsgeschäft gebracht sind, während staatliche Hilfen ausstehen. In der Not wird die Verlängerung der Universalwarnung um sechs Wochen schon als Erfolg verbucht.

          In München versammeln sich Reisebüro-Mitarbeiter auf dem Odeonsplatz. Bilderstrecke
          Reisebüros demonstrieren : Reisebüros demonstrieren

          Nach Informationen der F.A.Z. hatte das Auswärtige Amt mit einer unbefristeten Reisewarnung geliebäugelt. Das wäre die Ansage gewesen, dass ein Großteil des Sommerferiengeschäfts wegfällt – egal welche Schutzmaßnahmen von Abstandsgeboten bis zu Buffetverboten in Ferienressorts ergriffen werden.

          Schrittweise und regionale Öffnungen gefordert

          Zwar sind sich alle Touristiker einig, dass ein sofortiges uneingeschränktes Losreisen unverantwortlich wäre. Mit Spanien und Italien zählen zwei beliebte Ziele zu den am stärksten von Infektionen betroffenen Ländern der Welt. Aus ganz Griechenland sind hingegen weniger Coronafälle gemeldet als aus dem Hamburger Stadtgebiet. Bislang seien Reisewarnung von der Sicherheitslage in anderen Ländern abhängig gewesen, nun falle das vorläufige Schlussdatum mit dem Ende deutscher Schulferien zusammen, merkt ein Touristiker an, der ungenannt bleiben will.

          Der Vorstandsvorsitzende des Reisekonzerns TUI, Fritz Joussen, schrieb derweil an die Konzernmitarbeiter, Industrie und Politik sollten nun „alles tun, um Reisen so weit wie möglich wieder zu ermöglichen“. Eine Öffnung werde „vermutlich schrittweise und regional erfolgen – so werden die Balearen und Kanaren zum Beispiel früher Gäste empfangen können als die Urlaubsregionen auf dem spanischen Festland.“

          Maas will keine neue Rückholaktion

          Außenminister Heiko Maas (SPD) schließt derweil eine weitere Verlängerung der allgemeinen Warnung nicht aus. Er befürchtet, dass eine abermalige Rückholaktion notwendig werden könnte. „Wir haben in den letzten vier Wochen 240.000 Touristen aus der ganzen Welt nach Deutschland zurückgebracht. Wir werden im kommenden Sommer eine solche Aktion nicht noch einmal durchführen.“

          Der Kraftakt muss für Verstimmungen zwischen Ministerium und Branche gesorgt haben – zumal sie mitunter nicht sonderlich kooperativ abgelaufen sein soll. Das dürfte auch damit zu tun, dass noch kurz bevor Warnungen und Rückholungen begannen, neue Pauschalreisekunden ins Ausland geflogen wurden. Allerdings weisen Reiseveranstalter hinter den Kulissen darauf hin, dass sie selbst die Sonderheimflüge für ihre Kunden organisiert haben – und auch selbst bezahlt haben. Eine Last für den Steuerzahler hätten sie nicht erzeugt.

          „Wir geben den Sommerurlaub nach wie vor nicht verloren“, zeigt sich der Reiseverband hoffnungsvoll. Doch vom Wunsch nach differenzierten Reiseregeln muss nicht nur Außenminister Maas, sondern auch Innenminister Horst Seehofer (CDU) überzeugt werden. Denn aktuell müssen Heimkehrer sich für zwei Wochen in häusliche Quarantäne begeben. „Auch die Einreise-Quarantäne von 14 Tagen muss aufgehoben werden, sobald touristische Reisen ins Ausland wieder möglich sind“, erklärt der DRV.

          Auch politische Plädoyers für Ferien im Inland sorgen für Irritationen. So sagte der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU), am Mittwoch im Radiosender Bayern 2: „Ich glaube, dass dieses Jahr wirklich Heimaturlaub angesagt ist." Am Wochenende hatte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die Vorzüge von Ferien auf dem Bauernhof hervor gehoben. Aktuell arbeiten zwar mehrere Bundesländer an Stufenplänen für das Anlaufen des Tourismus. Ein Datum, ab wann Ferienhausbucher und Hotelgäste kommen dürfen, hat noch keines genannt.

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