https://www.faz.net/-gqe-xqrs

Solarunternehmen : Ein teuer bezahlter Erfolg

  • -Aktualisiert am

Viele Solarunternehmen haben die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Das rächt sich jetzt. Denn nicht die sinkende Einspeisevergütung ist das Problem, sondern die stattliche Subventionierung der Branche.

          Ob in der Großstadt oder im hintersten Provinzwinkel, die Zahl der Solaranlagen auf deutschen Dächern wächst in atemberaubendem Tempo. Seit 2006 wurden jedes Jahr zwischen 50 und 100 Prozent mehr Photovoltaikanlagen installiert als jeweils im Jahr zuvor. 2009, auf dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise, als das deutsche Bruttoinlandsprodukt um fünf Prozent schrumpfte, verbuchte die Branche einen Zubau-Rekord von 3800 Megawatt. Aber die Deutschen wollen einfach nicht aufhören. In diesem Jahr erwarten Branchenkenner bis zu 10.000 neue Megawatt.

          Aus dem solaren Dunkel ist ein bedeutender Wirtschaftssektor entstanden mit 10,2 Milliarden Euro Umsatz, 80.000 Mitarbeitern, 15.000 Unternehmen und mehr als zwei Millionen Anlagen. Bis 2020 will man die Beschäftigtenzahl verdoppeln und den Umsatz verdreifachen. Das alles ist beeindruckend, und doch schleicht sich immer größeres Unbehagen ein. Schließlich ist dieser Erfolg mit enormen Subventionen erkauft. Jeder, der in Deutschland Strom verbraucht, muss dafür zahlen. So will es das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG. Wer auf seinem Dach oder seinem Acker Sonnenstrom erzeugt und in das öffentliche Netz einspeist, wird fürstlich entlohnt. Die Einspeisevergütung beträgt knapp 40 Cent pro Kilowattstunde Strom und damit doppelt so viel wie die 20 Cent, die eine Kilowattstunde aus dem Netz im Schnitt kostet. Die sonnenvergüteten 40 Cent werden auf die Gemeinschaft der Stromkunden umgelegt.

          Nach monatelangem Streit

          Verbraucherschützer rechnen vor, welche Beträge unterm Strich herauskommen. Zwanzig Jahre lang wird die Einspeisevergütung je Photovoltaikanlage garantiert gezahlt. Für 2009 summieren sich die Mehrkosten daraus für die deutschen Stromverbraucher auf mindestens 14 Milliarden Euro. Wohlgemerkt: nur für die neuen Anlagen eines einzigen Jahres. Insgesamt könnte die Solarförderung einen dreistelligen Milliardenbetrag erreichen. Industriepolitiker und Solarlobbyisten betrachten das als schiere Notwendigkeit. Schließlich sei die Solarindustrie die Zukunftsbranche schlechthin, unverzichtbar angesichts von Klimawandel und Ölpest. Da dürfe Deutschland seine Spitzenposition nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

          Diese Argumentation verfängt in der Politik und bei vielen Bürgern immer wieder, auch wenn sie mittlerweile irrationale Züge annimmt wie die aktuelle Solar-Debatte. Planmäßig sieht das EEG vor, dass die Förderung des Sonnenstroms Jahr für Jahr um rund 10 Prozent sinkt. Damit will man dem technischen Fortschritt und den sinkenden Anlagenkosten Rechnung tragen. Doch im Vorjahr sanken die Preise für Photovoltaikanlagen um durchschnittlich 30 Prozent.

          CDU-Bundesumweltminister Norbert Röttgen machte hier zu Recht eine „Überförderung“ aus und verlangte, die Subvention außerplanmäßig zu senken. Doch erst nach monatelangem Streit haben Bundestag und Bundesrat an diesem Freitag eine erheblich abgespeckte Form von Röttgens Plan gebilligt. Danach sinkt die Einspeisevergütung einmalig um 11 bis 16 Prozent, aber später als ursprünglich geplant, nämlich im Oktober.

          Das war nicht geplant

          „Das Ergebnis ist schlecht, von einem Kompromiss kann man nicht sprechen“, schimpft die Branchenvereinigung Solarvalley Mitteldeutschland. Nun stehe die Solarindustrie unter enormem Rationalisierungsdruck. Die Kosten müssten weiter gesenkt werden, um mit den sinkenden Preisen für Solaranlagen zurechtzukommen. Genau, darum geht es. Die deutsche Solarindustrie ist heute nicht mehr die, die sie vor fünf Jahren war. Inzwischen haben die Chinesen dazugelernt. Wie immer, wenn einfache Arbeit und einfache Produkte in Richtung Schwellen- und Entwicklungsländer abwandern, müssen Industriestaaten mit Innovationen dagegenhalten. Viele der gepäppelten Unternehmen hierzulande haben (zu) spät gemerkt, dass die Solarbranche auf dem Weg zu einer normalen Branche ist, die im globalen Wettbewerb steht. Bei der unausweichlichen drastischen Konsolidierung, die nun ansteht, könnte bis zur Hälfte der Unternehmen auf der Strecke bleiben.

          Als Schuldigen wird die Branche die niedrigere Einspeisevergütung ausmachen. Das Gegenteil ist richtig: Die für die Verbraucher kaum sichtbare indirekte Förderung hat manchen Manager träge werden lassen. Überdies lasten Kritiker dem Programm an, sein Ziel verfehlt zu haben. Ursprünglich habe man Umweltschutz mit Hochtechnologieförderung verknüpfen wollen. In Wirklichkeit würden damit Handel und Handwerk gefördert und nicht Spitzentechnologie. Eine Handelsregister-Untersuchung hinsichtlich neu gegründeter Solarunternehmen brachte im Mai jedenfalls ein ernüchterndes Ergebnis: Weniger als ein Prozent waren technologiebasierte Gründungen. In 38 Prozent der Fälle ergänzten Installationsbetriebe ihr Geschäftsfeld, und bei 42 Prozent stand der Betrieb einer Anlage im Mittelpunkt. Anlagen, deren Bestandteile immer häufiger aus China kommen. So stammen etwa die 90.000 Solarmodule für das jüngst eröffnete Solarstrom-Kraftwerk Finow Tower, das fünftgrößte in Deutschland, sämtlich aus China. Die deutsche Einspeisevergütung sichert mit vielen Milliarden Euro also fernöstliche Arbeitsplätze. Auch das war eigentlich nicht geplant.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.