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Fortschrittliche Halbleiter : So will Europa in der Chip-Industrie relevant bleiben

EU-Kommissar Thierry Breton und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor der Halbleiterfabrik von Bosch in Dresden. Bild: dpa

In der Halbleiterindustrie läuft nicht nur ein Rennen um die neuesten Technologien, sondern auch um Subventionen. Es geht um mehr als 100 Milliarden Euro.

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          Thierry Breton ist auf einer Mission. Der technikaffine EU-Kommissar mit einer langen Karriere in der Computer- und IT-Wirtschaft will Europa auf der Landkarte der Chipindustrie in den kommenden Jahren wieder deutlich sichtbarer machen. Denn vor allem bei den neusten Entwicklungen, den sogenannten State-of-the-art-Chips, ist der alte Kontinent mittlerweile zu einem weißen Fleck auf der Karte der Halbleiterbranche geworden. Das will Breton ändern. Am Freitag tourte er durch die Dresdner Halbleiterbranche, Europas größten Chipstandort. Hier produzieren Hersteller wie Infineon, Bosch oder Globalfoundries. Die Sachsenmetropole steht darüber hinaus im Visier der amerikanischen Intel-Gruppe und des taiwanischen TSMC-Konzerns: Beide loten in Europa mehrere Standorte aus für den Bau neuer Chipfabriken, lokale Bedingungen, nationale Beihilfen und europaweite Möglichkeiten von Subventionszuschüssen für ihre Investitionen.

          Stephan Finsterbusch
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Europa gibt es derzeit keinen nennenswerten heimischen Hersteller von Prozessoren mehr, und auch keine hiesigen Produzenten von Speicher- oder Grafikchips, die in den jeweiligen Branchenligen ganz vorn mitspielen können. Hier werden keine Chips der momentan modernsten Generationen mit Strukturgrößen von weniger als 10, 7 oder 5 Nanometer produziert. In hiesigen Fabriken laufen bestenfalls Bausteine mit Strukturen von 22 Nanometern vom Band.

          Der weiße Fleck Europas ist angesichts der heutigen Chip-Abhängigkeit von Branchen wie dem Automobilbau, der Chemie- oder Pharmaindustrie keine Bagatelle mehr, sagt Guido Hertel vom Beratungshaus Kearney. Die schon seit einem Jahr andauernden Engpässe auf den Halbleitermärkten der Welt bremsten schon zahlreiche Industrien in Europa hart aus und kosteten deutsche, französische und italienische Unternehmen Milliarden Euro an Umsatz. Europa müsse handeln.

          Subventionen von mehr als 120 Milliarden Euro

          „Amerika und vor allem Europa haben in einem so wichtigen Sektor wie den Halbleitern gegenüber Asien deutlich an Boden verloren“, erklärt Greg Slater, Vizepräsident von Intel. „Wir sind gut, aber wir könnten besser sein – und vor allem schneller.“ Intel peilt seit einigen Monaten schon den Bau einer sogenannten Leading-Edge-Mega-Fab in Europa an. Die besteht aus acht bis zehn einzelnen Fabriken, in denen Chips der neuesten Generationen gebaut werden.

          In Asien sind die ersten dieser Werke bereits hochgezogen. In Amerika ist man gerade am Bau. Tokio geht im Rahmen einer japanisch-taiwanischen Gemeinschaftsunternehmung soeben daran, sich über die Feinheiten der Planung einer solchen Riesenfabrik zu beugen. Europa darf nach Ansicht Bretons da nicht nachstehen. So wollen Regierungen nahezu aller großen Industrieländer mit Subventionen von alles in allem mehr als 120 Milliarden Euro den Bau neuer Chip-Fabriken fördern. 

          Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb
          Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb : Bild: EPA

          Margrethe Vestager, EU-Wettbewerbskommissarin, warnt aber vor den Gefahren, dass die Firmen die Staaten hier ausspielen. „Wir müssen einen Subventionswettlauf vermeiden,“ erklärte sie. Denn das Risiko sei hoch, dass die Steuerzahler die Zeche zahlten. Dagegen sagte Yvonne Keil, Vorstand der im Silicon Saxony e. V. versammelten Dresdner Chipfirmen: Europa brauche eine verbindliche Zusage für öffentliche Co-Finanzierung, um Investitionen zu sichern.

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