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Kapitalmarkt : So viele Staatsschulden wie noch nie

Braucht jemand noch Geld? Die Finanzierungsbedingungen könnten derzeit kaum besser sein. Bild: Rüchel, Dieter

Auch die Unternehmen sind doppelt so hoch verschuldet wie in der Finanzkrise. Die OECD warnt vor Risiken.

          3 Min.

          Die Schulden von Staaten und Unternehmen wachsen unaufhörlich. Die historisch niedrigen Zinsen laden dazu ein. Ebenso bieten die Anleihekaufprogramme von Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) Staaten beste Finanzierungsbedingungen. In einer aktuellen Studie erwartet die Ratingagentur Standard&Poor’s (S&P), dass die am Kapitalmarkt gehandelten Staatsschulden, also in der Regel Staatsanleihen, in diesem Jahr auf den Rekordwert von 53 Billionen Dollar steigen werden. Das entspricht nach Berechnung der Bonitätsprüfer einem Anstieg der Gesamtverschuldung gegenüber dem Vorjahr von 5 Prozent und gegenüber 2015 von 30 Prozent. Sie führen den höheren Mittelbedarf auf das schlechtere konjunkturelle Umfeld und die schwächere Haushaltslage vieler Staaten zurück.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Wie unsicher Staatsanleihen sind, zeigt das Beispiel Argentiniens: Anleger befürchten einen baldigen Schuldenschnitt. Entsprechend stiegen die Risikoaufschläge, was mit Kursverlusten der Anleihen verbunden ist. Auslöser war der Aufruf des Internationalen Währungsfonds (IWF), private Gläubiger müssten einen „bedeutenden“ Beitrag leisten, das südamerikanische Land von seiner untragbaren Schuldenlast zu befreien. Im Jahr 2012 strich Griechenland die Hälfte seiner Schulden. Argentinien war in seiner Geschichte schon mehrfach mit einem Staatsbankrott konfrontiert.

          Einen hohen Mittelbedarf haben derzeit die Vereinigten Staaten. Die Schulden der Vereinigten Staaten werden nach Prognose von S&P bis Jahresende mit knapp 18 Billionen Dollar gegenüber dem Stand von 2016 um 27 Prozent höher ausfallen. Insgesamt werden die Staaten der Welt in diesem Jahr 8,1 Billionen Dollar an neuen Schulden aufnehmen, 2015 hatten sie noch ein Fünftel weniger aufgenommen. Die Vereinigten Staaten benötigen 3 Billionen Dollar, Japan 1,75 Billionen Dollar. Die beiden Länder stehen für knapp zwei Drittel der gesamten Mittelaufnahme. Um fällige Schulden zu bedienen, benötigen die Staaten nach S&P-Angaben 5,8 Billionen Dollar. Damit verbleibt eine zusätzliche Neuverschuldung von 2,3 Billionen Dollar, die S&P mit der schwächeren Haushaltslage begründet.

          In Amerikas Politik sind die Staatsschulden aber zum Randthema geworden. Ende Januar hatte das unparteiische Büro der Rechnungsprüfer des Kongresses Zahlen vorgelegt, die in anderen Zeiten politische Empörung und Marktreaktionen provoziert hätten. In diesem Jahr erklimmt das Haushaltsdefizit der Bundesregierung die Billionen-Grenze. Das entspricht 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die öffentlichen Schulden nähern sich der Prognose zufolge dann 81 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), dem Doppelten des Durchschnitts der vergangenen fünfzig Jahre. Bis 2030 könnten die Schulden fast genauso hoch sein wie die jährliche Wirtschaftsleistung.

          Trump liebäugelt mit Steuersenkung

          Die Rechnungsprüfer unterstellen für ihre Prognose, dass die geltenden Gesetze in Kraft bleiben und dass Amerikas Wirtschaft im Schnitt jährlich um 1,7 Prozent wächst. Es könnte auch anders kommen: Präsident Donald Trump liebäugelt offenbar mit einer Steuersenkung noch in diesem Jahr. Schon die große Steuerreform hat das Haushaltsdefizit vergrößert und sich, anders als versprochen, nur zu 20 Prozent selbst getragen. Doch ist eine bessere Entwicklung nicht ausgeschlossen. Trumps eigene Ökonomen erwarten ein deutlich höheres Wachstum, was mehr Steuern in die Kassen des Fiskus spülen würde.

          Bemerkenswert ist, dass das jüngste Wirtschaftswachstum kaum noch von Investitionen getragen wird. Die gehen zurück. Entscheidend sind offenbar die Staatsausgaben. Amerika leistet sich eine keynesianisch anmutende Fiskalpolitik, ohne dass es eine Krise zu bekämpfen gilt. Das wirft die bange Frage auf, wie hoch die Schulden klettern, wenn doch einmal eine Rezession kommt. Interessant ist auch, dass der Fiskus keine Probleme hat, seine Staatsanleihen zu plazieren. Die Finanzmärkte lassen sich offenbar durch eine andere Kennziffer beschwichtigen. Die Schulden in Relation zur Wirtschaftsleistung mögen hoch sein, die Finanzierungskosten im Verhältnis zum BIP liegen im Durchschnitt der Nachkriegszeit. Die Niedrigzinsen wirken.

          Doch nicht nur die globalen Staatsschulden bereiten Sorgen. Auch die Unternehmen nutzen die günstigen Zinskonditionen. Die Investoren sind bereit, auch Titel von finanzschwachen Unternehmen zu erwerben, weil diese einen vergleichsweise hohen Zins bieten. Das bedeutet aber, dass die Risiken an den Märkten für Unternehmensanleihen deutlich zunehmen. Davor hat kürzlich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie gewarnt. Demnach stiegen die Unternehmensschulden am Anleihemarkt bis Ende 2019 auf das Rekordniveau von 13,5 Billionen Dollar. Nach OECD-Angaben war das mehr als doppelt so viel wie Ende 2008 während der Finanzkrise.

          Sorge bereiten vor allem die Unternehmen aus den unteren Bonitätsklassen, die also finanzschwach sind. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die als Bank der Notenbanken fungiert, warnt in der jüngsten Zeit regelmäßig vor aggressiven Risikoübernahmen an den Finanzmärkten, was auf die Geldschwemme der Notenbanken zurückzuführen ist. Das gilt vor allem für amerikanische Unternehmensanleihen, aber der harte Wettbewerb führt auch in Europa zur Aufweichung von Kreditstandards.

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