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So ungerecht sind die Steuern

Von PATRICK BERNAU und ANDRÉ PIRON (Grafiken) · 8. Februar 2020

Wer mehr verdient, zahlt höhere Steuern: Gegen dieses Prinzip wird ständig verstoßen. Jetzt soll das Steuersystem mal wieder reformiert werden. Wir zeigen, wo man anfangen könnte.

Quellen: ifo; DIW; IW

Kleine Leute, große Belastung

Die erste Ungerechtigkeit im deutschen Steuersystem betrifft die Leute, die überhaupt keine Steuern bezahlen. Das klingt nur im ersten Moment paradox. Wenn sich aber gutbezahlte Leute darüber ärgern, dass der Staat ihnen von jedem verdienten Euro nur ungefähr 50 Cent lässt, dann empfiehlt sich ein Blick ans andere Ende der Steuerkurve, zu den Geringverdienern. Von ihnen erhebt der Fiskus zwar teils gar keine Steuern, bei Singles zum Beispiel nicht, bis sie rund 10.000 Euro verdienen. Die Linkspartei hat in ihrem Steuersenkungskonzept vor, den Freibetrag um rund 3000 Euro zu erhöhen. Doch das heißt längst nicht, dass Geringverdiener von ihrem verdienten Geld alles behalten dürften – im Gegenteil: Nur 100 Euro im Monat sind frei, danach bleiben von jedem verdienten Euro nur 20 Cent, manchmal wird es noch weniger. Damit sind Geringverdiener schlechter dran als die Hochverdiener. Das liegt am Sozialsystem, wie die kleine Grafik zeigt: Wer wenig Geld verdient, bekommt zusätzliche Sozialleistungen. Wenn das monatliche Geld nicht reicht, um sich selbst oder die Familie zu ernähren, dann stockt der Staat das Einkommen auf, oder er zahlt Wohngeld.Mit wachsendem Verdienst fährt er diese Sozialleistungen aber auch schnell zurück. Das wird damit gerechtfertigt, dass die Betroffenen die staatliche Hilfe nicht mehr brauchen. Am Münchener Ifo-Institut allerdings hat der Ökonom Andreas Peichl ermittelt: Für die Betroffenen lohnt es sich dann kaum, mehr zu arbeiten und mehr zu verdienen. Ob ein Single 14.400 oder 17.800 Euro Bruttoeinkommen hat, macht für ihn keinen Unterschied – das Nettoeinkommen bleibt gleich. Für eine Familie mit zwei Kindern lohnen sich Lohnerhöhungen und Mehrarbeit erst von 35.600 Euro Jahreseinkommen an – fast 3000 Euro Monatsgehalt.

Peichls Idee: Man könnte das System so verändern, dass die Menschen von den verdienten Euros wenigstens 30 oder 40 Cent behalten können. Er glaubt: Dann würden so viele Menschen ihre Schwarzarbeit legalisieren, dass der Staat die Zusatzkosten decken könnte. Die Sozialleistungen noch langsamer zurückzufahren, werde aber zu teuer. Dann blieben die Sozialleistungen länger erhalten, also bekämen mehr Menschen Anspruch auf Geld.

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