https://www.faz.net/-gqe-9bo4w

Berichte statt Beweise? : So stark prägen Medien die Urteile von Gerichten

Wie stark wird hier Einfluss genommen? Das Land- und Amtsgericht in Frankfurt am Main. Bild: dpa

Egal, ob Kachelmann, Middelhoff oder Wulff: Nicht nur die Gerichtsprozesse von Prominenten stehen oftmals unter scharfer medialer Beobachtung. Viele Richter und Staatsanwälte sehen darin einen enormen Einfluss.

          Wenn Medien über Strafverfahren berichten, werden oft zwei Vorwürfe laut: Einerseits finde – Stichwort: Kachelmann – eine Vorverurteilung statt, die den Angeklagten auch im Fall eines späteren Freispruchs schwer belaste. Und andererseits würden Gericht und Staatsanwaltschaft mit dem Erwartungsdruck belastet, einen Freispruch möglichst zu vermeiden. Letzteres beklagt eindringlich etwa der wegen Untreue verurteilte frühere Arcandor-Vorstand Thomas Middelhoff. Auch die Verbissenheit, mit welcher die Staatsanwaltschaft Hannover den letztlich substanzlosen Vorwürfen der Vorteilsnahme und Bestechlichkeit gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff nachspürte, hatte nach verbreiteter Einschätzung mit der medialen Kritik an Wulff zu tun.

          Constantin van Lijnden

          Redakteur für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Dass die dritte Gewalt bei ihrer Arbeit auf die vierte schielt, bestätigt nun auch eine Studie der Consilium Kommunikationsberatung in Zusammenarbeit mit der Universität Mainz. Rund die Hälfte der 415 Richter und 165 Staatsanwälte, die an der Befragung teilnahmen, erklärten, dass sie Medienberichte zu „ihren“ Verfahren gezielt verfolgen. 10 Prozent der Richter und 18 Prozent der Staatsanwälte räumten ein, dass ihre Berufsgruppe durch Medienberichte beeinflusst würde; über 20 Prozent der Richter und 30 Prozent der Staatsanwälte gingen zudem davon aus, dass das (Aussage-)Verhalten von Prozessbeteiligten durch die Erwartung nachfolgender Berichterstattung geprägt werde.

          „Dass ein Richter bei gleicher Beweislage allein durch mediale Beeinflussung zu einem anderen Urteil kommt, halte ich regelmäßig für ausgeschlossen“, sagt dazu der Medienrechtler Tobias Gostomzyk. „Aber natürlich gibt es auf dem Weg zum Urteil zahlreiche Weichenstellungen und atmosphärische Faktoren, die von Medien beeinflusst werden können.“ (Weitere Ergebnisse der Studie siehe http://einspruch.faz.net)

          Weitere Themen

          Dieses Gold ist aus Abfällen Video-Seite öffnen

          „Agosi“ macht Märchen wahr : Dieses Gold ist aus Abfällen

          Gold aus Müll: Was sich wie ein Märchen anhört, ist das Geschäftsmodell der Firma Agosi in Pforzheim. Die Firma recycelt Edelmetalle aus Industrieabfällen - hauptsächlich Gold. Und dieses trägt sogar einen Nachhaltigkeitssiegel.

          Wie Politiker Ökonomen einschätzen

          Fuest versus Fratzscher : Wie Politiker Ökonomen einschätzen

          In der Wirtschaftswissenschaft gibt es zwei Lager – so jedenfalls sehen das Politiker und Beamte, die sich von den Ökonomen beraten lassen. Auch wenn das vielen Wissenschaftlern nicht gefällt: Sie sollten sich dessen bewusst sein. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Attacken in Sri Lanka : Anschläge in einem gespaltenen Land

          Im buddhistischen Sri Lanka sind die Christen in der Minderheit. Am Feiertag wurden sie Opfer einer der schwersten Anschläge seit dem Ende des Bürgerkriegs vor 10 Jahren. Hat es sogar Warnungen vor den Explosionen gegeben?

          Desinformation in der Ukraine : „Ohne Rücksicht auf Verluste“

          Der Präsidentenwahlkampf in der Ukraine war durchzogen von Lügen und falschen Behauptungen. Im F.A.Z.-Interview sagt Nina Jankowicz, Expertin für Desinformation, dass sie besonders das Verhalten der beiden Kandidaten erschreckt hat.

          FAZ Plus Artikel: Proteste in Frankreich : Notre Dame und das schnelle Geld

          Einige der reichsten Franzosen finanzieren quasi über Nacht den Wiederaufbau der Kathedrale. Das passt vielen Franzosen nicht, ein „Wir“-Gefühl bleibt aus. Stattdessen heizt die Frage nach dem Geld die Gelbwesten-Proteste an.
          Führen jeweils ein Lager an: Fuest und Fratzscher.

          Fuest versus Fratzscher : Wie Politiker Ökonomen einschätzen

          In der Wirtschaftswissenschaft gibt es zwei Lager – so jedenfalls sehen das Politiker und Beamte, die sich von den Ökonomen beraten lassen. Auch wenn das vielen Wissenschaftlern nicht gefällt: Sie sollten sich dessen bewusst sein. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.