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Corona-Nationalismus : „So können wir die Seuche nicht besiegen“

John-Arne Røttingen ist Norwegens Botschafter für „Global Health“ und Vorsitzender im Corona-Impfstoff-Beschaffungsausschuss der Weltgesundheitsorganisation. Bild: Thomas B. Eckhoff

Die reichen Länder haben viel zu viel Corona-Impfstoff, die armen sind unterversorgt. Das sagt John-Arne Røttingen von der Impfstoff-Initiative der Weltgesundheitsorganisation.

          5 Min.

          Herr Røttingen, die Impfinitiative Covax hinter der die Weltgesundheitsorganisation und die private Gavi-Stiftung stehen, sollte für eine gerechte Verteilung des Corona-Impfstoffs auf der Welt sorgen. Woran ist sie gescheitert?

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gescheitert sind wir nicht. Aber wir haben bisher nicht die Ziele erreicht, die wir uns gesetzt hatten. Bis zum Ende dieses Jahres wollten wir 2 Milliarden Menschen in den 92 ärmsten Ländern der Welt geimpft haben. Wir haben bis jetzt aber erst rund 260 Millionen Dosen Impfstoff verteilen können. Unser neues Ziel ist, bis zum Ende des Jahres auf 1,4 Milliarden Dosen zu kommen.

          Warum klappt es nicht mit dem anfänglichen Ziel? Fehlt Ihnen das Geld?

          Es gibt drei andere entscheidende Punkte. Erstens sollte das Serum Institute of India einer unserer wichtigsten Lieferanten sein. Das fing auch vielversprechend an. Abgemacht war, dass jeweils die Hälfte der Produktionsmenge in Indien bleiben und die andere Hälfte in die anderen Covax-Empfängerländer exportiert werden sollte. Dann aber hat Indien die Ausfuhr von Impfstoff gestoppt, um die einheimische Bevölkerung zu immunisieren. Der zweite Grund für die Verzögerung ist, dass einige Impfstoffkandidaten, auf die wir gesetzt hatten, nicht die erhofften Wirksamkeit gegen das Virus erreicht haben. Dazu gehören die Präparate von Novavax aus den Vereinigten Staaten, Clover aus China und Curevac aus Deutschland. Drittens erhalten wir die Lieferungen von anderen Impfstofffirmen zum Teil erheblich später als vereinbart.

          Von den Firmen Moderna, Pfizer und BioNTech hören wir, die Produktionsziele würden übertroffen. In Deutschland stapelt sich der Impfstoff. Haben Sie auf die falschen Pferde gesetzt?

          Sowohl Pfizer/BioNTech als auch Moderna zählen inzwischen auch zu unseren Lieferanten. Ihre sogenannten MRNA-Impfstoffe kommen wie abgemacht bei uns an. Aber insgesamt fehlt uns Transparenz über die Liefermengen und Produktionskapazitäten der verschiedenen Impfstoffhersteller. Einige Verspätungen scheinen mir nicht wirklich mit Produktionsausfällen zu erklären zu sein.

          Wollen Sie sagen: Die reichen Staaten, die in der Öffentlichkeit hinter Covax stehen, kaufen hintenrum den ärmeren den Impfstoff weg?

          Der Verdacht drängt sich jedenfalls auf, dass andere Kunden uns schlicht aus kommerziellen Gründen vorgezogen werden.

          Und die Hersteller lassen sich darauf ein, weil sie damit mehr verdienen?

          Die Vermutung liegt nahe. Dabei haben die Firmen mit uns Verträge geschlossen, an die sie sich halten sollten. Es dürfte sie nicht kümmern, wenn jemand anders einen Aufschlag zahlt.

          Um welche Hersteller geht es dabei?

          Dazu möchte ich nichts sagen.

          Welche Impfstoffe treffen typischerweise verspätet bei Ihnen ein?

          Es geht zum Beispiel um Lieferungen von Johnson & Johnson aus den Vereinigten Staaten sowie um Bestellungen beim schwedisch-britischen Konzern Astra-Zeneca.

          Das könnte daran hängen, dass der Astra-Zeneca-Impfstoff in Indien hergestellt wird.

          Den Effekt der indischen Exportsperre habe ich dabei schon berücksichtigt. Die Firma hat auch noch Fabriken in einer Reihe anderer Länder. Auch von dort werden uns Verspätungen gemeldet.

          Fassen wir zusammen: Als Covax im Sommer 2020 unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufen wurde, gab es noch keinen einzigen zugelassenen Impfstoff. Das Versprechen war, arme und reiche Länder gleichermaßen damit zu versorgen, wenn es so weit ist. Stattdessen hat sich der Impfstoffnationalismus durchgesetzt – und in Afrika sind bis heute sehr wenige Menschen geimpft.

          Das ist frustrierend.

          Haben Sie dabei den persönlichen Geltungs- und Gestaltungsdrang der Politiker unterschätzt?

          Nein. Ich weiß, wie politische Entscheidungen zustande kommen. Aber unser Antrieb muss doch sein, diese Pandemie so bald wie möglich unter Kontrolle zu bekommen. Da sollten andere politische Interessen zurückstehen. Jeden Tag verliert die Weltwirtschaft sonst Milliarden von Euro. Ich habe den Eindruck, dass darüber in der Öffentlichkeit immer noch viel zu wenig debattiert wird.

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