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Smartphones : Minispione in der Hosentasche

Bild: dapd

Smartphones sind praktisch. Und leider auch neugierig. So sehr, dass es sogar den Amerikanern zu viel wird.

          3 Min.

          Ein Smartphone ist praktisch, ein Smartphone ist ein Alleskönner: Navigationsgerät, Foto- und Filmkamera, Musikspieler, Minikino, Freundefinder, Einkaufshilfe. Dass ein internetfähiges Handy auch ein böser Spion sein kann, wussten viele Nutzer bislang jedoch nicht. In diesen Tagen lernen sie es.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Fast im Wochentakt kommen fragwürdige und oft gar hinterlistige Datenschutzpraktiken im Internet ans Licht der Öffentlichkeit. Auch das mobile Netz ist nicht ausgenommen, im Gegenteil. Für erhebliche Aufregung sorgte kürzlich die Nachricht, dass das soziale Netzwerk Path bei seiner Applikation für das iPhone und andere Geräte automatisch und ohne Einwilligung der Nutzer auf deren Kontaktdaten zugriff und sie kopierte.

          Es stellte sich heraus, dass dies offenbar eine weitverbreitete Praxis bei vielen Programmen ist. Und das, obwohl zum Beispiel Apple dies in seinen Regeln für die Entwickler der Programme verbietet und behauptet, Applikationen zurückzuweisen, die dagegen verstoßen.

          Jetzt scheint auch die amerikanische Regierung, die traditionell weniger streng über Datenschutzverstöße wacht als die Europäer, genug zu haben. In dieser Woche gab es gleich zwei Initiativen von prominenter Stelle, die mehr Privatsphäre für die Nutzer schaffen sollen. Das Weiße Haus schlug am Mittwoch eine „Bill of rights“ vor, einen Katalog von sieben Rechten für Internetnutzer. An erster Stelle steht dabei, den Nutzern mehr Kontrolle darüber zu geben, welche persönlichen Daten von ihnen im Internet gesammelt und wozu sie verwendet werden. Nach Angaben der Regierung haben mehrere Internetunternehmen zugestimmt, den Nutzern zu ermöglichen, mit einem einfachen Klick zu verhindern, dass Daten von ihnen eingesammelt werden („do not track“).

          Unabhängig davon schloss die kalifornische Generalstaatsanwältin Kamala Harris eine Vereinbarung mit Betreibern von Plattformen für Applikationen wie Apple, Google und Microsoft. Die Unternehmen haben dabei zugesagt, die Datenschutzregeln beim Herunterladen von Applikationen zu verbessern. Sie wollen die Entwickler der Applikationen dazu verpflichten, die Nutzer künftig vor dem Herunterladen darauf hinzuweisen, welche Daten zu welchem Zweck gesammelt werden.

          Das sind nicht wenige. Wie jedes gewöhnliche Handy weiß auch ein Smartphone jederzeit, wo es sich befindet. Im Gegensatz zu einem normalen Mobiltelefon teilt es diese Information im Zweifelsfall jedoch den App-Produzenten mit. Denn viele dieser kleinen Programme wären ansonsten sinnlos. Wer beispielsweise ein Softwareprogramm wie „Around me“ herunterlädt, will wissen – der Name deutet es schon an –, was um ihn herum los ist: Welche Hotels gibt es in der Nähe, welche Geldautomaten, Kneipen, Parkplätze oder Tankstellen? Dafür muss die App den Standort kennen. Wer eine App wie Shazam nutzt, die abgespielte Songs identifiziert, gibt seinen Musikgeschmack preis – dies und noch viel mehr haben Apple-Kunden über das Portal iTunes dem kalifornischen Unternehmen ohnehin schon verraten.

          Einen Geschmack darauf, wie neugierig Apps sein können, geben ganz explizit Handys mit Googles Betriebssystem Android. Deren Besitzer bekommen vor dem Herunterladen einer Anwendung jedesmal ausführlich mitgeteilt, worauf die jeweilige Anwendung zugreifen will. Bei einem Programm wie dem beliebten Ortungsdienst Foursquare ist das eine ganze Menge: „Kontaktdaten und sensible Logdaten auslesen“, „vollständiger Internetzugriff“, „Inhalt des USB-Speichers ändern oder löschen“, „Schlafmodus ändern“, „Benutzerkonten abrufen“ – all das und noch viel mehr muss der Besitzer erlauben. Ansonsten kann er die App nicht auf sein Gerät laden.

          Eigentümer von iPhones bekommen solche Listen zwar nicht vor die Nase gesetzt, sind aber deshalb datentechnisch nicht unbedingt bessergestellt. Es ist davon auszugehen, dass Apples Apps nicht weniger wissbegierig sind als ihre Android-Pendants, zumal beliebte Anwendungen in den App-Stores von beiden Systemen gleichermaßen zu finden sind.

          Wer was wo und wann genau sammelt, bleibt daher zunächst weiter im Unklaren. Klar ist lediglich der Zweck der Datensammelei. Einer der eifrigsten Datenschützer in Deutschland, der schleswig-holsteinische Landesbeauftragte für Datenschutz, Thilo Weichert, prangert schon seit langem die Sammelwut amerikanischer Internetkonzerne an. Er fürchtet, dass sich mit den Daten Profile von Menschen erstellen lassen – interessant für Werbetreibende, für Arbeitgeber, für Kreditbewerter. Die jetzt in Amerika angeschobene Informationspflicht für Apps reicht ihm nicht aus: „Die Vereinigten Staaten bleiben weit hinter unserem Datenschutzrecht zurück.“

          Und so muss sich noch zeigen, welche praktischen Konsequenzen die Initiativen in den Vereinigten Staaten haben werden, zumal es sich bislang weitgehend um freiwillige Selbstverpflichtungen der Branche handelt. Auch Generalstaatsanwältin Harris scheint dem Frieden noch nicht zu trauen. Denn am gleichen Tag, als sie den Pakt mit den Internetunternehmen vorstellte, hat sie auch zusammen mit Dutzenden ihrer Kollegen aus anderen Bundesstaaten einen Brief an den Google-Vorstandsvorsitzenden Larry Page geschrieben. Darin wird die Sorge über eine im Januar von Google angekündigte Veränderung der Datenschutzpraktiken geäußert, bei denen das Unternehmen die Informationen seiner Nutzer über verschiedene Dienste hinweg zusammenführen will.

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