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Smartphones : Der Abstieg des „Crackberry“

Vier Tage dauerte die Panne Bild: AFP

Der Ausfall der Blackberry-Dienste kommt für das Unternehmen RIM zur Unzeit: Das iPhone von Apple und die Android-Smartphones gewinnen anhaltend Fans auf Kosten des Smartphone-Pioniers. Nun sind auch noch die verbliebenen Kunden sauer.

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          Mike Lazaridis ist kleinlaut geworden. Lazaridis, Der Gründer des kanadischen Unternehmens Research in Motion (RIM), dessen Vorstandsvorsitz er sich mit Jim Balsillie teilt, wandte sich am Donnerstag per Videobotschaft an seine Kunden. Er entschuldigte sich für die Störungen, die Besitzer des internetfähigen Handys Blackberry von RIM in dieser Woche erlebt haben. Keine E-Mail, kein Internetzugang - in der mobilen vernetzten Welt von heute eine Katastrophe. „Ich weiß, das ist sehr frustrierend. Wir haben viele von Ihnen enttäuscht“, sagte Lazaridis mit verzerrter Miene, als ob er den Ärger der um ein Kommunikationsmittel beraubten Nutzer gut nachempfinden könne. Lazaridis verkündete Fortschritte bei der Behebung der Störungen, ohne vollständig Entwarnung geben zu können. Wenig später meldete RIM, der Service sei mit kleinen Ausnahmen wiederhergestellt.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Es ist die wohl schlimmste Panne, die RIM mit seinem Blackberry je erlebt hat, und sie kommt für die Firmenchefs Lazaridis und Balsillie zur Unzeit. Denn die beiden jeweils 50 Jahre alten Manager stehen ohnehin schon gewaltig unter Druck: RIM laufen die Kunden davon. Der Blackberry hat gegenüber dem iPhone von Apple und Geräten mit der zum Internetkonzern Google gehörenden Software Android dramatisch Marktanteile verloren. RIM hat in diesem Jahr ein ums andere Mal enttäuschende Zahlen vorgelegt und Prognosen nach unten korrigiert. Besonders dramatisch ist die Abwanderung in den Vereinigten Staaten, wo der Umsatz im jüngsten Quartal um 50 Prozent abstürzte. Im Sommer sah sich der Konzern gezwungen, mehr als 10 Prozent seiner Stellen zu streichen. Der Aktienkurs ist seit Jahresanfang um fast 60 Prozent gefallen.

          Mike Lazaridis (l) und James Balsillie
          Mike Lazaridis (l) und James Balsillie : Bild: REUTERS

          Die Rufe nach einer Ablösung der Doppelspitze aus Lazaridis und Balsillie werden immer lauter. Eine kleine kanadische Investmentfirma mit dem Namen Jaguar Financial hat unlängst in einem offenen Brief „transformierende Veränderungen“ gefordert. Dazu gehöre es, „alle Optionen inklusive eines potentiellen Verkaufs des Unternehmens“ zu überprüfen. Und außerdem nur noch einen Vorstandsvorsitzenden zu haben. Jaguar teilte in dieser Woche mit, sich für seine Kampagne die Unterstützung von mehr als 8 Prozent der RIM-Aktionäre gesichert zu haben.

          Dabei ist es erst einige Jahre her, da war der Blackberry ein Kultprodukt. Er hatte wegen der Suchtwirkung auf seine Besitzer, die nicht aufhören konnten, ihre E-Mails zu prüfen, nach der Droge Crack den Spitznamen „Crackberry“. Lazaridis und Balsillie waren so etwas wie die Vorzeigeunternehmer Kanadas. Der griechischstämmige Lazaridis hat Research in Motion schon 1984 gegründet, zunächst vor allem als Beratungsunternehmen, dann zunehmend als Anbieter von Drahtlostechnologien. 1992 stieg Balsillie ein. Legendär ist die Geschichte, wie er damals als junger Familienvater eine Hypothek auf sein Haus aufnahm und das Unternehmen aus eigener Tasche mitfinanzierte.

          Der Blackberry wurde 1999 eingeführt und nach dem englischen Wort für „Brombeere“ benannt, an die er mit seiner schwarzen Tastatur optisch erinnerte. Das Gerät war zunächst kein Selbstläufer und kämpfte mit technischen Startschwierigkeiten. Doch nach ein paar Jahren etablierte sich der Blackberry, die Nutzerzahlen wuchsen sprunghaft, der Blackberry wurde zum Statussymbol. Lazaridis und Balsillie teilten sich die Aufgaben in der Führung: Lazaridis war eher der Technologiestratege und Wissenschaftler, Balsillie der Mann für das Operative.

          Heute hat der Blackberry seinen Rang als Prestigegerät verloren. RIM hat Wettbewerber wie Apple vorbeiziehen lassen, Blackberrys sind zu einem Billigprodukt verkommen. Auch die mit großen Hoffnungen gestartete Offensive im Markt für Tabletcomputer, den bislang Apple mit dem iPad dominiert, wurde zum Flop: Das RIM-Tablet „Playbook“ ist mit seinen Verkaufszahlen bislang weit unter den Erwartungen geblieben. Lazaridis und Balsillie beschwören, dass sie RIM wieder auf Erfolgskurs bringen können. Sie setzen auf Smartphones mit einem neuen Betriebssystem namens QNX, die im nächsten Jahr auf den Markt kommen sollen. Viele Kritiker meinen aber, für eine Wende sei es schon zu spät.

          ROLAND LINDNER

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