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Smartphone im Klassenzimmer : Zeit für digitale Medien in der Schule

In der Lebensrealität ankommen: die Schule ist digital – trotz Handyverbot. Bild: ZB

Die digitalen Medien krempeln vieles um, auch die Welt der Kinder. Dass diese sie ständig nutzen, sollte nicht zu der Annahme verleiten, sie könnten auch kompetent mit ihnen umgehen. Gut ausgebildete Lehrer könnten ihnen helfen, doch hier liegt einiges im Argen.

          Mit zwölf, spätestens dreizehn Jahren ist es so weit: Das Smartphone hält Einzug in das Leben junger Menschen. Der handliche Hochleistungscomputer wird zum ständigen Begleiter. Das kann nicht gut sein, glauben viele Erwachsene – und freuen sich, wenn es wenigstens in der Schule nicht allzu digital zugeht. Zu ihrer Beruhigung trägt bei, wenn dort das Handy gar verboten ist. Der Haken an der Sache: Das vielerorts geltende Verbot wird massenhaft unterlaufen, und alle wissen es.

          Die Schule als analoges Idyll, in dem Kinder und Jugendliche fernab von Elektronik konzentriert und ohne Ablenkung lernen – welch eine romantische Vorstellung von einem Ort des Lernens, der so noch nie flächendeckend existiert hat. Man mag für ein paar Minuten in dieser Illusion verweilen, sollte dann aber in die Realität zurückkehren und sich ernsthaft fragen, ob die mächtige digitale Revolution gerade vor den Schulen, in denen junge Menschen auf das Leben vorbereitet werden, haltmachen sollte.

          Die digitalen Medien krempeln vieles um, auch die Welt der Kinder. Dass diese sie ständig nutzen, sollte nicht zu der Annahme verleiten, sie könnten auch kompetent mit ihnen umgehen. Das mag manchen Eltern so erscheinen, nur weil sie selbst, analog aufgewachsen und gepolt, so gut wie nichts davon verstehen, was die Jugend im Internet so treibt. Viel zu selten treffen Jugendliche auf Erwachsene, die ihnen im Umgang mit digitalen Medien auf Augenhöhe begegnen und ihnen ein Vorbild sein können.

          Digitale Medien können Schüler fordern

          Die Schule wäre ein besonders geeigneter Ort für solche Begegnungen. Dazu braucht es freilich Lehrer, die bereit sind, sich auf die digitalen Medien einzulassen. Diejenigen, die das tun, berichten viel Gutes. Zum einen können sie Medienkompetenz vermitteln; ihre Schüler bewegen sich sicherer und reflektierter im Internet. Zum anderen erweitern sie ihren methodischen Instrumentenkasten um einiges. Die digitalen Medien sind gut geeignet, Schüler aus ihrer passiven Rolle herauszuführen, sie fördern selbständiges und kooperatives Lernen.

          Wie immer in der Schule geht es vor allem um eins: das Vorhandensein eines schlüssigen pädagogischen Konzepts. Was will die Lehrkraft, und wie erreicht sie ihre Ziele? Hält sie die Zügel in der Hand? Digital gebildete Lehrer blicken angenehm differenziert auf den Einsatz der neuen Medien.

          Sie wissen: Diese dürfen kein Selbstzweck sein; es geht nicht darum, dass das neue iPad so cool ist. Eine totale Digitalisierung des Klassenzimmers braucht man bei solchen Lehrkräften ebenso wenig zu befürchten wie die Abschaffung des Schreibens mit der Hand.

          Deutsche Schüler nur Mittelmaß

          Schulen, die sich mit dem Thema immer noch nicht tiefgehend beschäftigt haben, laufen Gefahr, teure Geräte anzuschaffen, ohne sie sinnvoll zu nutzen. Mit ein paar elektronischen Whiteboards mag man am Tag der offenen Tür punkten, ihre bloße Existenz ist aber bedeutungslos, solange sie nur als Schreibtafeln und Projektionsflächen für Filme genutzt werden. Eltern und Schüler sollten deshalb kritisch nachfragen, wie die digitalen Geräte den Unterricht bereichern.

          Beim Einsatz der digitalen Medien im Unterricht ist Deutschland internationales Schlusslicht, das hat die 2014 veröffentlichte International Computer and Information Literacy Study ergeben. Danach war es auch um die Medienkompetenz der Schüler nicht gut bestellt, im Durchschnitt erreichten sie Mittelmaß, ein nicht unerheblicher Teil verfügte nur über rudimentäre oder basale Fähigkeiten.

          Lange wurde das Thema in vielen deutschen Schulen verdrängt. Inzwischen wenden sich nur noch ganz wenige Lehrer grundsätzlich gegen den Einsatz der neuen Medien im Unterricht. Allerdings fühlen sich die meisten unsicher und wissen nicht, was man mit ihnen machen kann. Es klaffe eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, beklagen Fachleute. Zu viele Lehrkräfte verbänden Medien gedanklich nur mit Freizeit und Unterhaltung und nicht auch mit Bildung und Lernen.

          Lehrer sind selbst wenig geschult

          Öffentliche Schulen, die sich konsequent mit dem Einsatz digitaler Medien beschäftigen, gibt es erst wenige. Was die technische Ausstattung anbelangt, sind sie gegenüber teuren Privatschulen, deren Klassenzimmer den hochmodernen Büros von Erwachsenen ähneln, im Hintertreffen. Doch wer sich entschlossen aufmacht ins digitale Zeitalter, macht vielleicht auch die Erfahrung, dass die zuständige Gemeinde bereit ist, in die Ausstattung zu investieren. Wo ein Wille ist, ist meist auch ein Weg.

          Doch der Wille muss zuallererst der Wille der Pädagogen sein, sie müssen wissen, wie sie die neuen Medien einsetzen. Wirklich kompetent können sie das nur, wenn sie entsprechend ausgebildet sind. Da liegt noch richtig viel im Argen.

          In der Lehrerbildung spielen die digitalen Medien nach wie vor kaum eine Rolle. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung verlangt deshalb, der pädagogische Umgang mit ihnen müsse prüfungsrelevant für das erste und zweite Staatsexamen werden. Solange an den Hochschulen nichts passiert, hängt es leider vom freiwilligen Engagement weniger Lehrkräfte ab, ob Schüler von den digitalen Medien profitieren.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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