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Mitarbeitervertretungen : Die Mitarbeiter wollen Mitbestimmung, kein Müsli

  • -Aktualisiert am

Auch wenn es lecker ist: Die Mitarbeiter wollen Mitbestimmung und kein Müsli. Bild: dpa

Die Smartphone-Bank N26 hat einen Betriebsrat abgelehnt. Dafür gibt es Gründe – keiner davon ist gut. Denn wer einen Betriebsrat ablehnt, lehnt auch die soziale Marktwirtschaft ab.

          3 Min.

          Ausgerechnet in der Karl-Liebknecht-Straße. In einem Brauhaus auf der Straße, die nach dem früheren Arbeiterführer benannt ist, hat die Smartphone-Bank N26 die ersten Schritte zu einem Betriebsrat gemacht und einen Wahlvorstand gewählt. Zuvor hatte das Management einiges getan, um das zu verhindern. Es erließ mehrere einstweilige Verfügungen, welche die Mitarbeiter aber mit Hilfe der Gewerkschaften Verdi und IG Metall umgehen konnten.

          Offiziell soll es dabei um Hygienebestimmungen gegangen sein. Als die Polizei diese überprüfte, konnte sie aber keinerlei Verstöße feststellen. Auch in Mails hat die Geschäftsführung rund um Unternehmensgründer Valentin Stalf so scharf gegen einen Betriebsrat geschossen, dass an der offiziellen Fassung Zweifel angebracht sind: So hieß es, dass ein Betriebsrat „gegen fast alle Werte, an die wir bei N26 glauben“, stünde. Außerdem wurde parallel zur Wahl ein konzernweites Meeting angesetzt. Unterstützung für eine Mitarbeitervertretung sieht anders aus.

          Immer wieder kommt es bei Unternehmen zum Streit um einen Betriebsrat, N26 ist da beileibe kein Einzelfall. So kam eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kürzlich zu dem Schluss, dass sogar jede sechste Gründung eines Betriebsrates verhindert wird. Gerade relativ junge Unternehmen wie Lieferando, Flaschenpost oder der Dax-Aufsteiger Delivery Hero haben gegen einen Betriebsrat gekämpft. Doch woher kommen diese Konflikte?

          Schon im Studium fehlen die Inhalte

          Es fängt tatsächlich schon im Studium an. Denn das Thema Mitbestimmung ist in den Fächern der Betriebswirtschaftslehre, in denen die zukünftigen Führungskräfte oftmals rekrutiert werden, kaum vorhanden. Zu dem Schluss kam eine Analyse der Europäischen Akademie der Arbeit, die an der Universität Frankfurt entstanden ist. In der Studie, für die mehrere tausend Studenten befragt wurden, heißt es, Mitbestimmung werde zwar nicht grundsätzlich ausgeklammert, sei aber auch kein grundsätzlicher Bestandteil der Lehrpläne. Teilweise werde sie sogar als Störfaktor dargestellt. Wo soll es also herkommen, dass die Gründer, die sich oftmals aus diesen Studiengängen rekrutieren, einen Betriebsrat als Chance begreift und nicht als Gegner?

          Zum anderen hängt der Widerstand aber auch mit der Struktur der Start-ups zusammen. Am Anfang sind sich Gründer und Mitarbeiter noch nahe, man sitzt teilweise im selben Büro. Später, wenn das Unternehmen wächst, herrscht Euphorie, die Arbeitsbelastung wird gern übersehen. Damit die Mitarbeiter sich wohlfühlen, legt sich das Unternehmen zu meist ins Zeug: Ein Tischkicker ist obligatorisch für Start-ups, Gratismüsli, Obst, und Mate gehören zum guten Ton und auch sonst wird eine Wohlfühlatmosphäre geschaffen. Es ist in dieser Phase noch eine Win-win-Situation: Die Mitarbeiter freuen sich über die Wertschätzung – und für das Unternehmen sind die kleinen Annehmlichkeiten günstiger als eine echte Wertschätzung in Form eines höheren Gehalts.

          Gründer empfinden das als Angriff

          Doch irgendwann reicht das nicht mehr. Dann wird eine Schwelle überschritten, und die Entfremdung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber beginnt. Hierarchien halten Einzug, die Mitarbeiter werden älter und wollen nicht mehr die x-te Befristung des Vertrages, sondern Zuverlässigkeit. Müsli gibt es auch im Supermarkt, und eine Tischtennisplatte ersetzt keine Arbeitnehmerrechte. Die Gründer empfinden das dann als Angriff auf die eigene Unternehmensführung. Dazu kommt: Viele der ehemaligen „BWL-Studenten“ haben eine „distanzierte demokratische Grundhaltung“, wie es in der Studie der Europäischen Akademie der Arbeit heißt. Sie hätten sich wegen der erhofften Karriere für das Studium entschieden, gesellschaftlicher Nutzen oder soziale Verantwortung würden als Motive dagegen eher selten genannt.

          Und genau hier liegt ein großes Problem. Egal wie jung oder alt ein Unternehmen ist: Wer sich gegen einen Betriebsrat einsetzt, der setzt sich gegen die soziale Marktwirtschaft mit demokratischen Rechten von Arbeitnehmern ein. Laut Paragraph 80 des Betriebsverfassungsgesetz hat ein Betriebsrat unter anderem die Aufgabe, dass Frauen und Männer gleichberechtigt behandelt werden, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern oder auf die Einhaltung der geltenden Gesetze zu achten. Das sind Werte, die jeder Unternehmer in Deutschland vertreten sollte. Genügend Studien zeigen, dass Betriebsräte Unternehmen nicht nur erfolgreicher machen, sondern auch innovativer.

          Ein Unternehmer, der sich nun mit gründungswilligen Mitarbeitern konfrontiert sieht, sollte nicht mit rechtlichen Tricks versuchen, einen Betriebsrat zu verhindern. Das kann sogar strafbar sein. Mit den Mitarbeitern sollte vielmehr das Gespräch auf Augenhöhe gesucht werden. Alles andere tut keiner Seite gut und sorgt für einen sehr schlechten Ruf.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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